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Kielerin: Nikotinsucht ist eine Krankheit

Klage vor Sozialgericht Kielerin: Nikotinsucht ist eine Krankheit

„Ich weiß, dass mir niemand mehr helfen kann. Aber ich möchte zu Ende bringen, was ich angefangen habe“, sagt die 64-jährige Kielerin. Ihre Klage: Vor dem Sozialgericht Kiel wird diese Woche entschieden, ob Nikotinentwöhnung von Kassen gezahlt werden muss.

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Die 64-Jährige hat den Kampf gegen die Sucht verloren und raucht trotz schwerer Krankheit weiter: „Ich sehe einfach keinen Sinn mehr darin, zu verzichten. Ich habe ohnehin nicht mehr lange zu leben“, sagt sie.

Quelle: Ulf Dahl

Kiel. Sie will mit einer Klage erreichen, dass Nikotinsucht als Erkrankung anerkannt wird.

Unterschätztes Suchtpotenzial

Ein dünner Schlauch führt der Kielerin permanent Sauerstoff zu. Nur ab und zu nimmt sie den Schlauch ab und steckt sich eine Zigarette an. Sie raucht seit ihrem 16. Lebensjahr, erzählt sie. Zuerst elf, zwölf Zigaretten am Tag, dann steigert sie sich auf 30 Stück. Lange Zeit ist sie überzeugt, dass ihr das Nikotin nichts anhaben kann. Und dass sie jederzeit aufhören kann. Bis sie 1982 mit einer Lungenembolie ins Krankenhaus kommt. Acht Wochen muss sie aufs Rauchen verzichten, will eigentlich ganz aufhören. „Dann bekam ich Besuch, der steckte sich im Raucherzimmer eine Zigarette an. Ich habe mir auch eine genommen, und da wurde mir klar, dass ich gar nicht mehr ohne kann“, erzählt sie. Der Facharzt für Allgemein- und Sportmedizin, Dr. Ulf Ratje aus Eckernförde, erlebt das immer wieder bei seinen Patienten. „Das Suchtpotenzial von Nikotin wird leider völlig unterschätzt.“

Das bestätigt auch die Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung und verweist auf die groß angelegte Langzeitstudie NESARC aus den USA. Danach hat Nikotin das höchste Suchtpotenzial. Von allen Teilnehmern der Untersuchung, die jemals eine ganze Zigarette geraucht hatten, entwickelten 68 Prozent – als zwei von drei Rauchern – irgendwann eine Abhängigkeit. Bei Alkohol waren es 23 Prozent. Allein in Deutschland sterben jedes Jahr rund 110.000 bis 140.000 Menschen an den Folgen des Rauchens – also mehr als durch Aids, Alkohol, illegale Drogen, Verkehrsunfälle, Morde und Suizide zusammengenommen.

Rauchen steigert Risiko für andere Erkrankungen

Was Nikotin so gefährlich macht, erklärt der Internist Prof. Klaus-Dieter Kolenda aus Kiel so: „Der Mix aus verschiedenen Schadstoffen im Tabakrauch wird beim Inhalieren sehr schnell und effizient über die Lunge aufgenommen, verteilt sich und schädigt so fast jedes Organ unseres Körpers. Das Rauchen steigert so das Risiko für viele chronische Erkrankungen.“ So verursache Nikotin bis zu 90 Prozent der Lungenkrebsfälle und sei die bedeutendste Ursache für die chronisch-obstruktive Lungenerkrankung COPD. Kolenda kämpft daher wie Ratje in der Gesellschaft für Nikotin- und Tabakforschung e.V. dafür, dass Nikotinsucht als Erkrankung anerkannt und die Entwöhnung – eine Kombination aus medikamentöser Behandlung und Verhaltenstherapie – zur Kassenleistung in der gesetzlichen Krankenversicherung wird. Bisher vergeblich.

Die 64-jährige Kielerin hat das nicht abgeschreckt. Sie hat selbst erlebt, dass solch eine Entwöhnung helfen kann. „Aber nur, wenn sie rechtzeitig und lange genug stattfindet. Ich habe es ein Jahr ohne Rauchen geschafft. Aber meine COPD war da schon fortgeschritten. Dann bekam ich noch die Diagnose Lungenkrebs. Außerdem weigerte sich die Kasse, die Kosten für die Entwöhnungstherapie zu übernehmen. Da hatte ich keine Kraft mehr, weiter gegen das Rauchen anzukämpfen.“ Die 64-Jährige steckt sich eine Zigarette an, zieht den Rauch tief ein. „Ich sehe einfach keinen Sinn mehr darin, zu verzichten. Ich habe ohnehin nicht mehr lange zu leben. Für mich kam die Therapie einfach zu spät“, sagt sie, hustet und fügt hinzu: „Aber für meine Tochter und all die anderen Raucher würde ich mit meiner Klage gerne noch etwas bewirken. Ich verstehe einfach nicht: Warum sind wir Nikotinsüchtigen weniger wert als alkoholabhängige Menschen?“

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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