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Kapitäne unter sich

Klassentreffen Kapitäne unter sich

Eigentlich kamen am Wochenende 700 Jahre Seefahrtgeschichte zusammen. Eigentlich. Denn kaum einer der 14 Kapitäne, die vor 50 Jahren an der Hamburger Seefahrtschule ihr A6-Patent „auf Großer Fahrt“ erwarben, verbrachte den Großteil seines Lebens wirklich auf See.

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Vor 50 Jahren bekamen sie ihr A6-Patent „auf Großer Fahrt“: (von links) Kurt Osthoff, Latar Müller, Arfst Bohn, Dietrich Stabe, Hans Peter Lorbach, Ernst Sowa, Olaf Hubatsch, Karl-Heinz Böttcher, John Hencke, Harald Paetow, Peter Bargmann und Peter Keim.

Quelle: Sven Janssen

Strande. „Wenn man Familie haben will, muss man sich einen Job an Land suchen“, erklärt John Hencke, Initiator des maritimen Klassentreffens im Strander Strandhotel: „Selbst wenn das den meisten von uns nicht immer leicht fiel.“ Für Hencke war nach 15 Jahren Dienst – größtenteils auf Stückgutfrachtern – Schluss mit großer Fahrt auf den Weltmeeren. Was dann kam, hatte nicht mehr viel zu tun mit der Weite des Meeres, Abenteuern oder gar Romantik. Mal kümmerte sich der heute 78-Jährige im Auftrag einer Reederei sich um defekte Container, beaufsichtige Mitarbeiter in einer Stauerei, bis er schließlich komplett das Metier wechselte und für eine Erbengemeinschaft die Aufsicht über insgesamt 20 Wohnungen übernahm.

Auf die Frage, ob Kapitän auf Großer Fahrt denn nicht sein Traumjob gewesen sei, antwortet Hencke mit melancholischem Unterton: „Früher war das vielleicht mal ein Traumjob, heute nicht mehr. Heute geht es nur noch ums Geld, um Tempo, um Kostensenkung. Das ist Stress pur, das kann einen schnell kaputt machen.“

An Bord muss schnell gehandelt werden

Trotzdem bereut Hencke seine ursprüngliche Berufswahl nicht im geringsten. Den Umgang mit Menschen habe er als Kapitän ebenso gelernt wie Entschlusskraft. Wenn etwas an Bord nicht funktioniere, dulde das Problem keinen Aufschub. „Geht nicht, gibt es nicht“, sei ihm dabei zu einer Art Lebensmotto geworden. „Wenn Menschen nicht auf dieser Schiene fahren, habe ich mit ihnen ziemliche Probleme.“

Tatkraft und Entscheidungsfreude eines Kapitäns auf Großer Fahrt kamen auch Henckes ehemaligem Klassenkameraden Uwe Grell nach zehn Jahren Praxis auf Stückgutfrachtern Richtung Fernost zu Gute. International weiter ging es auch im Anschluss an seine Seefahrer-Laufbahn. In China, Brasilien, Saudi Arabien, Australien, im Irak oder auf Mauritius verbrachte der heute 77-Jährige viele Jahre, um dort riesige Containerlager technisch und logistisch aufzubauen.

Wechsel an den Schreibtisch haben ihren Preis

Die für solch einen Berufswechsel nötige Flexibilität gehört für Dietrich Stabe zum Berufsbild eines Kapitäns dazu: „Wir sind da wahrscheinlich gelenkiger als andere, schauen über den Tellerrand hinaus. Das schätzen Arbeitgeber.“ Er selber mochte es nach seiner aktiven 15 Jahre dauernden Zeit als Kapitän eher ruhiger, heuerte beim Wasser- und Schifffahrtsamt an, kümmerte sich dort unter anderem um die Verkehrslenkung auf dem Nord- Ostseekanal.

Doch solche Wechsel von der Schiffsbrücke an einen Schreibtisch – vor allem der Familie wegen – hatten ihren Preis. „Man verdiente bedeutend weniger und musste sich erst wieder hocharbeiten“, erzählt Dietrich Stabe. Natürlich hatte der heute 77-Jährige versucht, einen deutlich lukrativeren Job als Kanallotse zu ergattern: „Aber damals war das fast unmöglich. An so einen Posten kam man selbst als erfahrener Kapitän nur, wenn man ihn quasi von seinem Vater erbte.“

Den wahrscheinlich größten beruflichen Haken in der Runde seiner Ex-Klassenkameraden schlug Karl-Heinz („Kuddel“) Böttcher. Nach insgesamt 15 Jahren auf See unter anderem als Kommandant auf großen Öltankern wechselte er in die Lebensmittelbranche. Wie es dazu kam, dass der jetzt 78-Jährige viele Jahre lang eine kleine Fleischwarenfabrik im Hamburger Umland leitete, mag er er nicht erzählen: „Das wäre eine viel zu lange Geschichte.“ Das Talent dazu bescheinigen ihm seine Kapitänskollegen im rauen Ton der Seeleute jedenfalls. Schließlich habe er schon immer gerne Leute „durch den Wolf“ gedreht.

Viele solche Geschichten von früher machen im Strandhotel die Runde im Kreis der alten Kapitäne, die sich seit 1996 treffen, seit 2013 regelmäßig einmal im Jahr. Von den einst 24 Studienkollegen des Abschlusssemesters 1966 aus alten Hamburger Zeiten sind noch 15 übrig geblieben. „Die anderen sind tot oder verschollen“, erzählt John Hencke, der den „Haufen“ mit aller Kraft zusammenhält. Denn zu erzählen hätten sie sich immer noch eine ganze Menge. Selbst wenn ihre Geschichten längst nicht immer nur von Schiffen und Weltmeeren handeln.

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