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Immer mehr Parzellen stehen leer

Kleingärtner-Landesverband Immer mehr Parzellen stehen leer

Einen passenderen und schöneren Rahmen als die Landesgartenschau in Eutin konnte es für die Jahreshauptversammlung des Kleingärtner-Landesverbandes am Sonnabend kaum geben. Doch die Funktionäre drückt auch die Sorge des Mitgliederschwunds als Folge eines Generationswechsels.

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Hatice, Erdem und Miray Özgöller (von links) haben die Parzelle in der Anlage gerade erst übernommen und freuen sich auf die Freizeit im Grünen.

Quelle: Sonja Paar

Kiel. Den jungen Familien, die jetzt in Kleingärten nachwachsen, geht es weniger um selber gezogenes Gemüse. Sie schätzen eher das grüne Wohnzimmer zur aktiven Freizeitgestaltung.

 Die Mettenhofer Kleingartenwelt von Werner Müller ist noch in Ordnung. In Parzelle 37 ist alles so, wie es traditionell sein soll: top-gepflegter Rasen, unkrautfreies Beet, prächtiges Gewächshaus, gemütliche Sitzgruppe vor der Gartenlaube. Trotzdem bekommt das Idyll Risse, wenn der Vorsitzende des Kieler Kreisverbandes der Kleingärtner auf die Gesamtsituation schaut: Etwa 800 Kleingärten und somit fast zehn Prozent aller Parzellen sind derzeit nicht genutzt. Auch die Mitgliederzahl im Kreisverband sank im Laufe der Jahre von ehemals fast 12000 auf aktuell etwa 9800. Als Ursache für die vielen ungenutzten Gärten vermutet der 73-Jährige die ungünstige Lage der Parzellen mit viel Beschattung und daraus resultierender Feuchtigkeit. Hinzu komme aber noch etwas anderes. „Viele unterschätzen die Arbeit, die ein Kleingarten mit sich bringt und geben ihn deshalb schon bald wieder auf.“

 Auch der Geschäftsführer des Kleingärtner-Landesverbands, Thomas Kleinworth, beobachtet den Generationswechsel mit dem damit einhergehenden Mitgliederschwund bereits seit zehn Jahren. „Das ist natürlich nicht schön, aber eine Katastrophe ist es auch noch nicht.“ Immerhin sank die Zahl der im Landesverband organisierten Mitglieder seit 2007 kontinuierlich von 45000 auf aktuell 33500. Kleinworth begründet den Rückgang vor allem durch den Austritt vieler Kleingarten-Vereine aus dem Landesverband, um Kosten zu senken. Trotzdem sei darüber hinaus auch die Zahl nicht organisierter Kleingärtner „um einige Tausend“ zurückgegangen, genauer lasse sich die Zahl nicht erfassen. Zudem stelle sich die Situation der Kreisverbände und Vereine je nach Region höchst unterschiedlich dar.

 Alles zum Besten bestellt ist es offenbar noch im Kleingärtnerverein Mettenhof von 1972 e.V. „Alle 102 Parzellen sind belegt“, vermeldet Vereinschef Hartmut Rettschlag. Woran das liegt, kann der 59-Jährige nur vermuten. „Es ist eben eine ganz besonders schöne und gepflegte Anlage, darauf legen Interessenten für einen Kleingarten heute besonderen Wert.“ Ihre Ansprüche seien in den letzten Jahren stark gestiegen. Bereits schön angelegt müsse die Parzelle heute sein, dazu die Laube gut in Schuss, mit allem Inventar ausgestattet. „Alles soll möglichst wenig Arbeit machen und möglichst nichts kosten“, erklärt Rettschlag und seufzt.

 Auch Vereinsneuzugang Erden Özgöller (40) war nicht mit dem erstbesten Kleingarten zufrieden, den ihm Hartmut Rettschlag vor ein paar Wochen vorschlug. „Schließlich möchte ich hier hauptsächlich mit meiner Frau und den drei Kindern meine Freizeit verbringen: lesen, Tee trinken, mit Freunden grillen“, erklärt der gelernte Techniker, der zwar selber einen größeren Garten hinter seinem Haus hat. „Aber zum Abschalten von der Arbeit brauche ich Abwechslung, einen anderen Ort.“ Das im Kleingarten angebaute Gemüse reiche natürlich nicht, um den Familienbedarf zu decken. „Aber darum geht es mir auch gar nicht.“

 So ähnlich sieht das auch Christian Lexow, dessen Kleingarten eher einem Kinderspielplatz mit Trampolin, Sandkasten, Fußballtoren und Schaukel gleicht. Eigentlich suchte der 36-jährige Raumausstatter ja ein Haus für seine Familie. „Weil wir das aber nicht fanden, wollten wir wenigstens einen schönen Garten.“ Zwei Jahre harte Arbeit und „viele Tausend Euro“ kostete es Lexow, bis das kleine Paradies mit lauter Obstbäumen, Gemüsebeeten, Ziersträuchern, neuem Zaun und gemauerten Rasenkanten endlich fertig war.

 Thomas Grabbert und seiner Frau Anniko animierte dieses grüne Wohnzimmer ihrer langjährigen Freunde zur Nachahmung. Vor einem Jahr entschied sich das Paar, ebenfalls einen Kleingarten im Mettenhofer Verein zu mieten, gleich neben ihren Freunden. Aus dem Beet der Familie Grabbert sprießen zwar schon erste Gemüsetriebe, ansonsten ähnelt die Sparte einer Baustelle. Ein Jahr wird es noch dauern, schätzt der Flugzeugbauer, bis alles fertig ist. „Hier war nur Wildnis, alles musste raus: Baumstümpfe, Brennnesselwald, alles.“ Etwa 20000 Euro wird er wohl investieren müssen, um die ehemalige Wildnis in einen „pflegeleichten Garten“ zu verwandeln. „Dabei bin ich eigentlich gar nicht so ein Gartenmensch wie meine Frau“, räumt der 34-Jährige ein. Trotzdem lohne sich der Einsatz: „Unsere drei Kinder sollen erleben, dass Gemüse nicht aus dem Regal, sondern aus dem Boden kommt.“

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Ein Artikel von
Jürgen Küppers
Lokalredaktion Kiel/SH

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