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Die Enge macht vielen zu schaffen

Erstaufnahmeeinrichtungen Die Enge macht vielen zu schaffen

Beengte Wohncontainer, ethnische Spannungen, zu viel Langeweile: DRK-Landeschef Torsten Geerdts drängt darauf, mehr Freizeitangebote für Flüchtlinge in Erstaufnahmeeinrichtungen zu schaffen.

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Dicht an dicht: Viele Erstaufnahmeeinrichtungen sind inzwischen hoffnungslos überbelegt. Die Enge zehrt an den Nerven und führt schnell zu Konflikten.

Quelle: Boris Roessler/dpa

Kiel. „Gerade in der tristen Jahreszeit kann der Alltag sehr nervenzehrend sein“, sagt Geerdts. Er sieht weiteren Handlungsbedarf, Streit und Gewalt in Unterkünften vorzubeugen.

In einer Asylunterkunft in Lübeck bedroht ein 22-Jähriger andere Bewohner mit Messern. Bei Streitigkeiten in der Itzehoer Flüchtlingsunterkunft setzt ein Sicherheitsmitarbeiter Reizgas ein, nachdem es zu Konflikten zwischen Bewohnern gekommen ist. In Norderstedt werden zwei Flüchtlinge bei einer Schlägerei verletzt. Fälle aus den Polizeiberichten der vergangenen Tage, die den Landeschef des Deutschen Roten Kreuzes beunruhigen.

 Angesichts der beengten Verhältnisse in Wohncontainern und geringer Freizeitmöglichkeiten in Erstaufnahmeeinrichtungen appelliert er an Vereine und Organisationen im Umfeld solcher Unterkünfte, sich für Flüchtlinge zu öffnen und gezielt Angebote zu machen. „Alles, was die Menschen ablenkt, ist gut“, sagt Geerdts. Insbesondere sportliche Aktivitäten seien hilfreich, aber auch Kultur- und Musikangebote seien bliebt, um die Flüchtlinge aus der Tristesse in den Unterkünften zu reißen. „Die Hilfesuchenden spüren schon, dass sich auch Helfer zurückziehen, weil sie die Vorweihnachtszeit im Kreis ihrer Familien erleben möchten“, sagt der DRK-Chef. „Das müssen wir den Flüchtlingen erklären und ihnen im Zuge der Integration auch erklären, was Weihnachten und der Advent für uns bedeuten.“

 Streitereien seien „ein Problem“, sagt Geerdts, „aber kein übergroßes.“ Wenn viele Menschen auf engem Raum zusammenleben müssten, seien Auseinandersetzungen ganz normal. Dennoch müssten Vorkehrungen getroffen werden, Konflikte nicht unnötig zu schüren. „Wir achten darauf, dass allein reisende Frauen und Kinder nicht in unmittelbarer Nachbarschaft zu allein reisenden Männern untergebracht werden“, berichtet der frühere Landtagspräsident und CDU-Landtagsabgeordnete. Auch ethnische Spannungen müssten bei der Verteilung berücksichtigt werden. „Wir als Betreuungsverband müssen dafür sorgen, dass Gruppen, von denen wir wissen, dass es zu Konflikten kommen kann, nicht zusammengelegt werden“, sagt der DRK-Landeschef. „Aber wir haben keine reinen Länder-Erstaufnahmeeinrichtungen etwa für Menschen aus Syrien oder dem Irak – das wäre auch gar nicht zu leisten.“

 Anlass für Streit haben in der Vergangenheit vor allem die Essen- oder Taschengeldausgaben geboten. Geerdts betont, man habe in der völlig überbelegten zentralen Erstaufnahme des Landes in Neumünster inzwischen gehandelt. Für teils mehr als 5000 Menschen – die Kapazität beträgt 2000 Plätze – habe nur eine Kantine mit einigen Hundert Plätzen zur Verfügung gestanden. Inzwischen seien zwei zusätzliche Kantinenzelte errichtet und die Öffnungszeiten ausgeweitet worden. „Auch bei den Kleiderkammern des DRK haben wir die eine oder andere Auseinandersetzung gehabt. Aber unsere Ehrenamtler sind dafür geschult, dass sie mit solchen Situationen umgehen können.“

 Der Zustand der Unterkünfte im Land ist nach Angaben des DRK-Chefs höchst unterschiedlich. „Grundsätzlich ist es ein Trugschluss, dass ein Containerdorf nicht die hygienischen Standards halten kann wie feste Liegenschaften, wie sie in einigen Kreisen genutzt werden – im Gegenteil“, so Geerdts. Auch hier seien Nachbesserungen dringend notwendig. Konkrete Beispiele will er nicht nennen.

 „Die Kriminalität ist unter den Flüchtlingen grundsätzlich nicht höher als bei der deutschen Bevölkerung. Das zeigen die aktuellen Zahlen“, bekräftigt Landesinnenminister Stefan Studt (SPD). Fakt sei aber auch: „Dort, wo viele Menschen auf engem Raum wohnen, kommt es zu Spannungen, und es steigt die Gefahr von Auseinandersetzungen.“ Dies sei inzwischen vermehrt auch in den Erstaufnahmeeinrichtungen der Fall. Um die Situation zu entspannen, strebt Studt künftig eine geringere Belegung von Wohncontainern an.

 Schleswig-Holstein wird in diesem Jahr insgesamt etwa 50000 Flüchtlinge aufnehmen, die zunächst in Erstaufnahmen kommen und dann auf die Kommunen verteilt werden. Im vergangenen Jahr kamen rund 8000 Flüchtlinge in den Norden.

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