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Jugendheimen droht die Schließung

Friesenhof in Dithmarschen Jugendheimen droht die Schließung

Die Zukunft der umstrittenen „Friesenhof“-Jugendheime im Land ist offen. Das Landesjugendamt hat am Montag ohne Vorankündigung an zwei Standorten in Dithmarschen die Einhaltung neuer behördlicher Auflagen überprüfen lassen. Die Ergebnisse werden am Dienstag erwartet.

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Die Leiterin der „Friesenhof“-Jugendheime in Dithmarschen, Barbara Janssen, weist Vorwürfe, wonach in den Heimen Jugendliche schikaniert worden seien, als haltlos zurück.

Quelle: Carsten Rehder/ dpa

Kiel/Hamburg. „Sollte auch nur gegen eine der nach mehreren Beschwerden vereinbarten Auflagen verstoßen worden sein, wird die Betriebserlaubnis unmittelbar entzogen“, sagte Sozialstaatssekretärin Anette Langner (SPD). Die in drei Häusern lebenden 30 jungen Frauen mit schweren psychischen Problemen, Verhaltensauffälligkeiten oder kriminellem Hintergrund müssten dann schnell von einer anderen Einrichtung in Obhut genommen werden.

Ende 2014 hatten mehrere Mädchen und auch ehemalige pädagogische Mitarbeiter massive Vorwürfe gegen die Heimleitung erhoben. Demnach mussten sich Betroffene bei der Aufnahme in der Einrichtung im Rahmen einer Sicherheitsprüfung vor fast ausschließlich männlichen Betreuern nackt ausziehen. Zudem soll es Beschimpfungen, Sprechverbote, unerlaubte Videoaufnahmen, verriegelte Fluchtwege und ein sogenanntes „Patensystem“ gegeben haben, bei dem jüngere Jugendliche von älteren Bewohnern streng angeleitet wurden.

Daraufhin hatte das Land unangekündigte Kontrollen an den drei Standorten Wesselburenkoog, Wrohm und Hedwigenkoog durchgeführt. Zumindest einige der Vorwürfe konnten dabei nicht glaubhaft entkräftet werden. Gegen eine Verfügung des Landes, die pädagogische Praxis zu ändern, setzte sich der private Träger der Heime zunächst juristisch zur Wehr. Erst am 9. April einigten sich beide Seiten auf eine Vereinbarung zur Umsetzung neuer Standards.

Auch die Staatsanwaltschaft Itzehoe hat inzwischen Vorermittlungen aufgenommen. „Wir prüfen, ob ein Anfangsverdacht für straffälliges Verhalten vorliegt“, sagte ein Sprecher am Montag. Dabei gehe es vor allem um mögliche Nötigung und Beleidigung.

Die Justiz beschäftigt sich nicht zum ersten Mal mit den „Friesenhof“-Einrichtungen. In den vergangenen Monaten gab es nach Informationen dieser Zeitung mehrere Strafanzeigen von dort betreuten Mädchen gegen den ehemaligen pädagogischen Leiter der Einrichtung, der inzwischen selbst Vorwürfe gegen das Heim erhebt. Dem Mann war Ende 2014 gekündigt worden.

Heimleiterin Barbara Janssen kann die erhobenen Vorwürfe nicht nachvollziehen. Das „Patensystem“ beispielsweise habe sich über Jahre bewährt und entspreche der einschlägigen pädagogischen Lehre: „Es ist sinnvoll und auch nur natürlich, dass ältere Mädchen jüngere Neuankömmlinge an die Hand nehmen., um sie besser zu integrieren.“ Nacktkontrollen habe es nicht gegeben, wohl aber Sicherheitschecks bei der Neuaufnahme, bei der die Mädchen nach gefährlichen Gegenständen und Drogen abgetastet wurden. Diese hätten ausschließlich vor weiblichem Personal stattgefunden. Hintergrund seien einschlägige Erfahrungen aus der Vergangenheit: Sie selbst habe einem Mädchen bei einer Eingangskontrolle ein Butterfly-Messer aus dem BH gezogen, berichtet Janssen. Jugendämter und Polizei würden solche Überprüfungen oft nur unzureichend durchführen.

Unabhängig von der Prüfung des Landesjugendamts trage die Einrichtung bereits jetzt schwer an den Folgen der Anschuldigungen, sagt Janssen: „Was hier passiert, ist grauenhaft.“ Mitarbeiter und betreute Mädchen seien in ihrem Umfeld und in den schulischen Einrichtungen einem Spießrutenlauf ausgesetzt.

Sozialministerin Kristin Alheit (SPD) nahm am Montag die Einrichtung in die Pflicht: „Der Schutz von Jugendlichen steht an erster Stelle. Ich erwarte, dass bei festgestellten Mängeln alle Beteiligten rasch und im Sinne der Jugendlichen handeln.“

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Ein Artikel von
Patrick Tiede
Redaktion Lokales Kiel/SH - Landeshaus-Korrespondent

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