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Anklage gegen ehemalige SS-Helferin

Landgericht Kiel Anklage gegen ehemalige SS-Helferin

Die Frau lebte unbehelligt in Schleswig-Holstein. Jetzt holt sie die Vergangenheit ein. Eine jetzt 91-Jährige soll in Auschwitz Teil der Vernichtungsmaschinerie gewesen sein. Gegen sie wurde Anklage wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 260.000 Fällen erhoben.

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Die 91 Jahre alte Frau soll in ihrer Funktion als Funkerin in Auschwitz bei der systematischen Ermordung verschleppter Juden geholfen haben.

Quelle: dpa

Schleswig /Kiel. Mehr als 70 Jahre nach dem Ende der Nazi-Herrschaft wird einer heute 91-jährigen ehemaligen Funkerin der Kommandatur des Konzentrationslagers Auschwitz in Kiel der Prozess gemacht. Die Generalstaatsanwaltschaft in Schleswig hat die Frau aus Neumünster wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 260 000 Fällen angeklagt. Sie soll von April bis Juli 1944 bei der systematischen Ermordung verschleppter Juden geholfen haben.

Der Fall wird vor der Großen Jugendstrafkammer am Kieler Landgericht verhandelt, weil die Neumünsteranerin zur Tatzeit 20 Jahr alt war. Die Hauptverhandlung findet frühestens 2016 statt. Die Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg ist der Frau auf die Spur gekommen und hat ein Jahr an dem Fall gearbeitet. Im November 2013 ging die Akte an die Kieler Staatsanwaltschaft. „Wegen der besonderen Bedeutung führen wir seit Juni 2014 die Ermittlungen“, sagte Heinz Döllel, Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft. Die Juristen in Schleswig sichteten Unterlagen sowie Urkunden und sprachen mit der Beschuldigten, die mittlerweile einen Rechtsbeistand hat. „Wir haben keine Anhaltspunkte, dass die Frau nicht verhandlungsunfähig ist“, so der Leitende Oberstaatsanwalt.

Die Jugendstrafkammer unter dem Vorsitz von Richter Stefan Becker prüft derzeit die Anklageschrift. „Das kann Monate dauern“, sagte Gerichtssprecher Sebastian Brommann. Der Leiter der Zentralstelle in Ludwigsburg zeigte sich zufrieden über die Anklage: „Mord verjährt nicht. Der Name der Verdächtigen ist bereits seit den 70er-Jahren bekannt“, sagte Oberstaatsanwalt Kurt Schrimm. Damals konnte der Fall nicht verhandelt werden, weil der Bundesgerichtshof (BGH) festgelegt hatte, dass für eine Verurteilung die individuelle Schuld nachgewiesen werden müsse.

Nach dem Anschlag auf das World Trade Center in New York und dem Urteil gegen John Demjanjuk, der als Wachmann im Vernichtungslager Sobibor zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde, bewertete das BGH die sogenannte Gehilfenstrafbarkeit neu. So kam es zu dem Prozess gegen den „Auschwitz-Buchhalter“ Oskar Gröning in Lüneburg, der wegen Beihilfe vier Jahre ins Gefängnis muss.

Die Beschuldigte aus Neumünster wollte sich gegenüber unserer Zeitung nicht äußern. In einer Veröffentlichung wird sie mit einer Aussage aus dem Jahr 1947 zitiert: „Ich hatte auch niemals Gelegenheit, das mindeste Verbrechen zu begehen, denn ich habe nur am Funkgerät gesessen.“

Auschwitz

Das KZ Auschwitz war ein nationalsozialistischer Lagerkomplex, zu dem das Vernichtungslager Birkenau, das Arbeitslager Monowitz und etwa 50 weitere Außenlager gehörten. In Auschwitz ermordeten die Nazis etwa 1,5 Millionen Menschen. Am 27. Januar 1945 wurde das KZ Auschwitz von der Roten Armee befreit.

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Ein Artikel von
Günter Schellhase
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Kommentar

Mit der Anklage gegen die 91-jährige Frau aus Neumünster, der vorgeworfen wird, in 260 000 Fällen in Auschwitz Beihilfe zum Mord geleistet zu haben, wird wieder die Frage gestellt: Ist es richtig, einen „so alten Menschen“ (Neumünsters langjähriger CDU-Chef Herbert Möller) anzuklagen? Ja, das ist es. Mord und Völkermord verjähren nicht.

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