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Erinnerungen an Helmut Schmidt

Langwedel Erinnerungen an Helmut Schmidt

Helmut Schmidts zweite Heimat lag in Schleswig-Holstein, in seinem Feriendomizil am Brahmsee. Ein Besuch in Langwedel nach dem Tod des Alt-Bundeskanzlers.

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Bei Antje und Wolfgang Radeckenn von Bäcker Büller kauften die Schmidts regelmäßig ein. Keinem anderen wurde je gestattet, sich selbst das Brot hinterm Tresen zu nehmen.

Quelle: Frank Peter

Langwedel. Der Hausmeister der Schule hat ganz früh an diesem Tag die Flaggen auf dem Dorfanger von Langwedel auf halbmast gesetzt. Nun stemmen sie tapfer ihre Farben gegen den trüben Nieselregen und spiegeln die Stimmung vieler Langwedeler wider: Man trauert um Helmut Schmidt, aber es überwiegt der Stolz auf den berühmten Nachbarn – obwohl er selbst kaum im Dorf unterwegs war.

 „Seine Frau Loki sah man öfter. Schmidt selbst war eher im Auto unterwegs, schon aus Sicherheitsgründen“, erinnert sich Jens Loewer, ehemaliger SPD-Ortsvereinsvorsitzender, „immer wenn zwei dunkle Limousinen kamen, wussten wir: Helmut ist da.“ Gesprochen wurde darüber nicht: „Er sollte bei uns Ruhe haben und kein Fremdenverkehrsmagnet werden.“ Aus Respekt wurde über das Grundstück der Schmidts geschwiegen. Und als in den 70ern ein RAF-Anschlag auf Schmidt drohte, notierte man auch mal das eine oder andere fremde Kennzeichen…

 Das „kleine Paradies“, wie die Schmidts ihr Feriendomizil nannten, ist gut verborgen. Ein Waldweg, der nichts anderes als Natur erwarten lässt, schlängelt sich zum Brahmsee. Dann tauchen ein paar kleinere Ferienhäuser und zwei hohe Tore auf. Hinter dem einen hat lange Zeit Schmidts Freund Karl-Wilhelm Berkhan, von 1975 bis 1985 Wehrbeauftragter, sein Ferienhaus gehabt. Vor dem anderen Tor flackert ein Grablicht, Rosen wurden zwischen die Gitterstäbe gesteckt. Auf dem Klingelschild steht: Wache. „Man musste sich immer bei der Wache melden, wenn man eingeladen war“, sagt Loewer. „ Loki war eine zuvorkommende Gastgeberin, Helmut Schmidt überhaupt nicht abgehoben. Aber man spürte diese Durchsetzungsfähigkeit. Was er sagte, hatte zu gelten.“ Übrigens auch, wenn er mit der Jolle auf dem See war. „Die Personenschützer standen am Ufer und durften auch nicht zu ihm, wenn er kenterte und im Wasser landete.“

 1958 verbrachte die Familie ihren ersten Sommer in dem Ferienhaus. „Ein sehr leicht gebautes Holzhäuschen, das wir mit Betonankern im Boden befestigt haben, damit es nicht vom Weststurm vom Hügel gefegt werden konnte. Natürlich gab es weder Licht noch Telefon noch fließend Wasser“, so hat Helmut Schmidt 1998 in dieser Zeitung geschrieben. In einer Nacht sei Loki von den Abgasen des Petroleum-Ofens ohnmächtig aus dem Bett gefallen. Durch das Geräusch sei er wach geworden: „Sonst wären wir beide tot gewesen.“ Daraufhin zog moderner Standard ins Haus ein.

 Nahe des Seegrundstücks liegt „Lokis Biotop“: Ein sieben Hektar großes Areal, das sie 1976 kauften und bewusst sich selbst überließen. „Das ist ein Geschenk für uns alle“, sagt Unn Ulrike Harm (77). Von Anfang an war das Biotop für alle zugänglich. Man konnte dort Helmut und Loki begegnen, wenn sie nach neuen Pflanzen suchten. Harm verhehlt aber nicht, dass man politisch nicht immer Schmidts Meinung teilte. „Er kam häufiger zu unseren SPD-Festen, und ich erinnere mich, dass es gerade beim Thema Nato-Doppelbeschluss andere Meinungen gab.“ Da war er sich mit dem damaligen CDU-Bürgermeister in der Dorfkniepe eher einig. Das aber verblasst an diesem Tag. „Natürlich sind wir stolz, dass er ausgerechnet hier so gerne war“, sagt Loewer. Schmidt brachte Internationalität ins Dorf, etwa wenn er die skandinavischen Ministerpräsidenten einlud, um dann die Kieler Woche zu besuchen.

 In diesem Sommer war Helmut Schmidt das letzte Mal im „kleinen Paradies“. Über den Markt von Nortorf, wie früher mit Loki, ist er nicht mehr geschlendert. Hat sich auch nicht mehr bei Bäcker Büller einfach selbst hinterm Tresen das Brot genommen. Aber er kam noch einmal durch die Hintertür in Kirchspiels Gasthaus, saß an seinem Stammplatz im separaten Raucherraum, aß Deftiges und trank zum Abschluss wie immer einen Aquavit.

Persönliche Erinnerungen an Helmut Schmidt

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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