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Entschädigung für einen Albtraum

„Las Vegas“ Entschädigung für einen Albtraum

Erleichterung bei der Zirkusfamilie Köllner-Weisheit: Knapp drei Jahre nach dem Großeinsatz von Polizei und Staatsanwaltschaft im Zirkus „Las Vegas“ in Norderstedt, bei der im Mai 2013 ein Elefant, vier Raubtiere und ein Hund beschlagnahmt worden waren, hat das Amtsgericht Norderstedt das Verfahren gegen Dompteur Giuliano Köllner wegen Geringfügigkeit eingestellt.

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Sie kritisierten das „unverhältnismäßig harte Vorgehen“ der Staatsanwaltschaft: Tierlehrer und Zirkusdirektoren bei einer Demonstration im April 2014.

Quelle: Rainer Pregla

Weder der Vorwurf der vorsätzlichen Tierquälerei, noch der Vorwurf der ungenehmigten Zurschaustellung ließen sich aus Sicht des Richters halten. Die Kosten des Verfahrens trägt die Landeskasse. Giuliano Köllner erhält eine Entschädigung.

 Die Razzia am 8. Mai 2013 auf dem Zirkusgelände in Norderstedt hatte damals nicht nur die Zirkuswelt entsetzt, sondern auch bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Mehr als 60 Polizisten, begleitet von Vertretern der Staatsanwaltschaft Kiel sowie Veterinären des Kreises Segeberg umstellten im Morgengrauen das Gelände, untersagten den Schaustellern bis zum Mittag das Verlassen der Wohnwagen und transportierten die zuvor betäubte Elefantenkuh Gitana ab. Sie wurde – ebenso wie zwei Löwen und zwei Tiger – noch vor Abschluss des Verfahrens an einen belgischen Zoo notverkauft. Ein Beschluss des Landgerichts Kiel im Juli 2013, das die Beschlagnahmung als unverhältnismäßig bewertete und eine Rückgabe der Tiere bis zum Verfahrensende empfahl, blieb wirkungslos: Lediglich der Rottweiler ist zu seinen Besitzern zurückgekehrt – gegen eine Zahlung von 700 Euro. Zirkusdirektorin Liane Köllner-Weisheit ist noch immer fassungslos: „Sie haben uns behandelt wie Kriminelle.“

 Im Oktober 2014 erhob die Staatsanwaltschaft Kiel Anklage gegen Elefantentrainer Hardy Weisheit und Raubtier-Dompteur Giuliano Köllner wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz und – im Fall Köllner – auch wegen Verstoßes gegen das Bundesnaturschutzgesetz. Seine Löwin hatte einen coupierten Schwanz und drohte zu verbluten. Außerdem wurde Köllner vorgeworfen, zwei Tiger ohne Genehmigung zur Schau gestellt zu haben. Die Zirkusfamilie erstattete ihrerseits Anzeige gegen die Kieler Staatsanwaltschaft wegen Enteignung und Rechtsbeugung. Gegen die damals verantwortliche Staatsanwältin läuft inzwischen ein Ermittlungsverfahren (siehe Kasten). Während es für Hardy Weisheit noch keinen Verhandlungstermin gibt, kann Giuliano Köllner überraschend aufatmen.

Existenz bedroht

 „Was das Verfahren mit der Familie gemacht hat, dass sie in ihrer Existenz bedroht war, zeigt, dass die Verhältnismäßigkeit aus dem Blick verloren wurde“, sagte Richter Jan Willem Buchert. Die als Sachverständige geladenen Veterinäre stellten nicht nur fest, dass es bis zur Großrazzia bei allen Kontrollen keine Beanstandungen gegeben hätte, sondern bescheinigten den Raubkatzen ein „normales Verhalten“. Sie bildeten eine „homogene Gruppe“ und machten einen gesunden Eindruck, hieß es. Die fehlende Cites-Bescheinigung, die die Herkunft eines Wildtieres dokumentiert und seine „Schaustellung“ ermöglicht, ging auf ein Versehen zurück, das sich im Verfahren klären ließ – und das keinem Veterinär bei den Kontrollen bislang aufgefallen war. Die Staatsanwaltschaft rückte daraufhin am zweiten Prozesstag vom Vorwurf des Straftatbestands ab: Es handle sich wohl eher um eine Ordnungswidrigkeit. Anklagevertretung, Staatsanwaltschaft und Richter einigten sich darauf, das Verfahren wegen Geringfügigkeit einzustellen.

 „Das ist nicht ungewöhnlich“, kommentierte Oberstaatsanwältin Birgit Heß von der Staatsanwaltschaft Kiel den Ausgang des Verfahrens. Erst in der Hauptverhandlung kämen alle Fakten auf den Tisch. „Immerhin lagen genug Gründe vor, um das Verfahren zu eröffnen.“ Köllners Anwalt, Frank Knuth, sprach von einem „annehmbaren Ergebnis“, kündigte aber gleichzeitig Schadensersatzforderungen in sechsstelliger Höhe an.

 Ermittlungen gegen Kieler Staatsanwältin

 Der Strafanzeige der Zirkusfamilie Köllner-Weisheit gegen die Kieler Staatsanwaltschaft haben sich zahlreiche, von Beschlagnahmung und Notverkauf betroffene Tierhalter angeschlossen. Die Vorwürfe richten sich vor allem gegen eine Staatsanwältin aus Kiel. Seit Ende 2014 ermittelt die Staatsanwaltschaft Itzehoe wegen des Verdachts der Rechtsbeugung gegen die Kollegin. Sie soll nicht nur auffällig viele Tiere in kurzer Zeit beschlagnahmt, sondern diese auch notverkauft haben, ohne die Besitzer, wie gesetzlich vorgeschrieben, darüber zu informieren. Es werde geprüft, ob die vom Dienst suspendierte Frau gegen die Benachrichtigungspflicht verstoßen habe, sagte Staatsanwalt Peter Müller-Rakow. Das Ermittlungsverfahren dauert an.

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Ein Artikel von
Carola Jeschke
Lokalredaktion Kiel/SH

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