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Erfolgreiches Lügengerüst

Leiche im Fass Erfolgreiches Lügengerüst

Wie kann es sein, dass der gewaltsame Tod einer jungen Frau 24 Jahre lang unentdeckt bleibt und niemand ihr Verschwinden bemerkt? Weder Familie und Freunde noch Behörden, Ämter oder Versicherungen? Der 24 Jahre alte Fall einer Hannoveranerin macht stutzig.

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1992 wurde Franziska Sander getötet. Erst jetzt wurde der Fall aufgeklärt.

Quelle: Polizei

Neumünster/Hannover. Denn diese Fragen stellen sich viele, nachdem erst jetzt bekannt wurde, dass die Hannoveranerin Franziska Sander im Februar 1992 von ihrem eigenen Ehemann im Streit erwürgt und ihr Leichnam danach bis 2016 in einem Fass versteckt worden war.

„Der Mann war offenbar ein sehr überzeugender und erfolgreicher Lügner“, sagt der hannoversche Kriminologe Christian Pfeiffer. Den Angehörigen der Toten konnte der Mann damals die Lügengeschichte auftischen, dass sie sich von ihm getrennt habe und ins Ausland gegangen sei. „Manche Menschen können mit ihrer Lüge sehr überzeugend sein, auch über eine lange Zeit“, betont Pfeiffer.

 Auch bei den Behörden blieb das Verschwinden von Franziska Sander unbemerkt. So standen ihr Name und ihre Anschrift noch bis zum Jahr 2000 im damaligen offiziellen Adressbuch Hannover. „Dieses Buch bezog seine Angaben vom Einwohnermeldeamt“, erläutert Stadtsprecherin Konstanze Kalmus: „Die Abmeldung vom Amt kann auch stellvertretend durch Familienmitglieder erfolgen – wenn sie den Pass der betreffenden Person vorlegen können.“ Dies hat ihr Ehemann 2000 möglicherweise getan. Grundsätzlich könnten auch gefälschte Vollmachten eine Rolle gespielt haben, sagt Thomas Bliesener, Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen.

 Auch bei der Krankenkasse – wenn sie denn versichert war – fiel es nicht auf, dass Franziska Sander 24 Jahre lang nicht mehr zum Arzt gegangen war. „Ein Patient kann frei entscheiden, ob und wie oft er zum Arzt geht, das wird nicht überprüft“, sagt Ulrike Fieback von der Techniker-Krankenkasse. „Vor 25 Jahren gab es zudem auch noch keine elektronische Gesundheitskarte, sondern nur Karteikarten.“ Wenn Sander über die Familienversicherung ihres Mannes mit abgedeckt war, dann hatte die Kasse ohnehin nichts direkt mit ihr zu tun.

 Auch in der Bevölkerung kann sich offenbar kaum noch jemand an Franziska Sander erinnern. „Bisher sind nur einige wenige Anrufe eingegangen“, sagte Oberstaatsanwalt Thomas Klinge. „Eine neue Sichtweise auf den Fall ergibt sich auf den ersten Blick dadurch aber nicht.“ Derzeit stufen die Ermittler das Verbrechen nur als Totschlag ein. Da der inzwischen verjährt ist, befindet sich der 52-jährige Ehemann, der mittlerweile in Neumünster lebt, auf freiem Fuß.

 Im Internet wird hitzig über die rechtliche Bewertung diskutiert. Viele Menschen können nicht nachvollziehen, weshalb der geständige Täter straffrei davonkommt. Vor allem wollen sie wissen, wer der Mann ist, der den Leichnam seiner Frau in einem Metallfass einschweißte und die Tonne quer durch Norddeutschland bis nach Neumünster transportierte. „Bei allem Interesse hat die Gesellschaft es aber zu akzeptieren, dass der Gesetzgeber nun einmal eine Verjährungsfrist von 20 Jahren festgelegt hat und dass sich nicht alle Straftaten lückenlos aufklären lassen“, sagt der Kieler Oberstaatsanwalt Axel Bieler und mahnt, den 52-Jährigen in Ruhe zu lassen. „Er hat Persönlichkeitsrechte und Privatsphäre wie alle anderen Menschen auch“, bekräftigt auch Thomas Klinge, Oberstaatsanwalt in Hannover. Entsprechend halten die Behörden den konkreten Wohnort auch geheim.

 Dennoch ist es am Donnerstag Reportern mehrerer Tageszeitungen gelungen, die Anschrift des Mannes ausfindig zu machen. Sie befragten nicht nur Nachbarn, sondern stellten auch dem Verdächtigen und seinen Angehörigen nach. „Die Journalisten waren äußerst hartnäckig. Und nachdem sie unerlaubt das Grundstück betreten hatten, haben die Betroffenen die Polizei gerufen“, bestätigt der Neumünsteraner Polizeisprecher Sönke Hinrichs. Die Familie fühlte sich bedrängt. Zweimal mussten Beamte anrücken. Ob der 52-Jährige bereits Strafanzeige erstattet hat, konnte der Behördensprecher am Freitag nicht sagen.

 Von H. Grube und B. Modrow

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Tat vor 24 Jahren
Foto: Hannover, Lavesstraße 16: Hier hatte der Beschuldigte gelebt. Über seinen Wohnsitz in Neumünster ist nichts bekannt.

24 Jahre nach dem grausigen Verbrechen an Franziska Sander gibt der Fall den Ermittlern weiter Rätsel auf: Zwar hat ihr Ehemann gestanden, die damals 26-Jährige im Streit erwürgt und in einem Metallfass versteckt zu haben, die genauen Umstände sind allerdings noch unklar.

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