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Ist das Kunst oder Handwerk?

Lübeck Ist das Kunst oder Handwerk?

Irrwitziger Streit um süße Zuckerfiguren: Sylvia Zenz gestaltet seit zehn Jahren individuelle Dekorationen für Torten – und hat jetzt einen bitteren Zwist mit der Handwerkskammer.

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Sylvia Zenz posiert im Cup’n’Cake in Lübeck mit der Dekoration, die sie selbst gefertigt hat, auf einer Torte, die sie nicht selbst gebacken hat.

Quelle: Olaf Malzahn

Lübeck. „Dort ist man der Auffassung, ich wäre Konditorin und würde unerlaubt ein Handwerk ausüben, weil ich den Beruf nicht gelernt habe“, sagt die 47-Jährige. Dass sie selbst gar keine Torten zubereitet, tangiert die Kammer nicht. Jetzt landet der Fall sogar vor Gericht.

 „Das ist doch alles nur noch absurd“, sagt die Lübeckerin. In der Schönböckener Straße hat sie ein kleines Fachgeschäft, in dem sie ihre Zucker- und Fondantfiguren ausstellt, an Aufträgen arbeitet und Backzubehör verkauft. „Seit zehn Jahren bin ich Tortendesignerin – eine Berufsbezeichnung, die es weltweit gibt, mit Ausnahme von Deutschland“, berichtet die Geschäftsfrau.

 Anfangs formte sie für Freunde und Bekannte essbare Trolle, Feen, Tiere und personifizierte Hochzeitspaare. Vor fünf Jahren machte Sylvia Zenz ihr Hobby zum Beruf – und genau das ist jetzt das Problem. „Vor eineinhalb Jahren bekam ich den einen bösen Brief der Kreishandwerkerschaft Ostholstein, die mir unlauteren Wettbewerb vorwarf“, sagt sie. Begründung: „Angeblich würde ich Konditoren-Leistungen anbieten, ohne diesen Beruf gelernt zu haben.“ Grundsätzlich sei dies sogar richtig: „Ich habe das Handwerk des Konditors nicht gelernt, habe auch keinerlei Talent zum Backen, darum lass ich es lieber. Daher biete ich ja auch Leistungen an, die dort beginnen, wo der Konditor aufhört.“ Streng genommen sei sie Künstlerin – „nur dass meine Arbeiten essbar sind.“

 Der Sprecher der Lübecker Handwerkskammer, Ulf Grünke, widerspricht und beharrt darauf: „Die Dekoration von Torten ist und bleibt eindeutig ein Konditoren-Handwerk.“

 Dem bösen Schrieb der Kreishandwerkerschaft widersprach Sylvia Zenz – ebenso wie der Handwerkskammer, die als nächst höhere Instanz mit rechtlichen Konsequenzen wegen Schwarzarbeit und mit Strafgeld von bis zu 4000 Euro drohte, einen Eintrag in die Handwerksrolle verlangte und eine Unterlassungserklärung forderte.

 „Ich hab die Verantwortlichen mehrfach zu mir eingeladen, sogar vor Ort gezeigt, was ich mache – aber es interessiert niemanden“, beklagt die studierte Pädagogin. Auch der Verweis auf ihre Anmeldung beim Finanzamt und die Tatsache, dass sie 19 Prozent Mehrwertsteuer anstatt des reduzierten Satzes von sieben Prozent für Lebensmittel veranschlage, konnte die Handwerksvertretungen nicht überzeugen.

 Verständnis für den „bürokratischen Starrsinn“ hat die Geschäftsfrau nicht. „Wenn jemand Aquarellbilder malt und verkauft, muss er dafür doch auch keinen Meisterbrief als Maler vorweisen und sich bei der Handwerkskammer anmelden.“ Selbst Konditoren in der Region teilten die Vorwürfe gegen die Tortendekorateurin nicht. „Mit vielen arbeite ich seit Jahren zusammen. Sie stellen die Torten für die Kunden her, ich designe die Dekoration dafür.“

 All das hilft nichts: Am 17. Juni muss Sylvia Zenz vor Gericht aussagen. Die Hansestadt Lübeck hat ein Verfahren gegen die Geschäftsfrau eingeleitet. Wegen unerlaubter Handwerksausübung soll sie ein Strafgeld in Höhe von 633,50 Euro zahlen.

 Die kämpferische 47-Jährige bekommt jetzt Unterstützung von anderen Tortendesignern aus ganz Deutschland, die zu dem Prozess anreisen wollen. Einen gemeinsamen Slogan gibt es auch schon: „Tortendesign ist kein Verbrechen!“

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