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Hoffen auf die Weiterfahrt

Flüchtlinge Hoffen auf die Weiterfahrt

Nur schwer kann man in der Dunkelheit die Buchstaben auf dem Blatt Papier entziffern, das von den Menschen von innen gegen das Zugfenster gedrückt wird. Dann erhellt der Blitz einer Kamera für kurze Zeit die Glasscheiben, und die Botschaft wird klar: „Help us“, steht dort in groß geschriebenen Lettern.

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Flüchtlinge reisen nach Kopenhagen

 Die dänische Polizei vor einem Zug mit Flüchtlingen.

Quelle: dpa

Lübeck/Rødby. Schon seit Stunden müssen die 50 Frauen, Männer, Mädchen und Jungen in dem Zug auf dem Gleis am Fährhafen von Rødby ausharren. Es ist nur eine Etappe einer Reise, die für viele der Insassen bereits vor vielen Monaten begonnen hat. Aus dem Irak, aus Afghanistan, Syrien und Eritrea sind sie über die Türkei, Ungarn oder Italien in den dänischen Hafen gekommen. Ihr gemeinsames Ziel: Die Weiterfahrt nach Schweden oder Norwegen, wo die meisten von ihnen Familienmitglieder haben.

 So wie Jameel. Vor wenigen Wochen ist der 32-Jährige aus seiner Heimatstadt Aleppo in Syrien geflohen, kurz nachdem seine Frau bei einem Bombenangriff ums Leben kam. Jameels Schwester lebt bereits in Norwegen, dort will er gemeinsam mit seiner einjährigen Tochter eine neue Heimat finden. Jetzt winkt der junge Mann müde aus dem Zugfenster.

 Seine Erlebnisse stehen für die 170 Flüchtlingsschicksale, deren Geschichten nun in Dänemark um ein weiteres bitteres Kapitel ergänzt werden. Der Hilferuf am Zugfenster spiegelt die Angst der Menschen wider. Die Angst, kurz vor dem Moment, in dem sie Verwandte oder Freunde in die Arme schließen können, zu scheitern.

 Bereits auf dem Lübecker Hauptbahnhof sind viele von ihnen am Morgen zuvor das erste Mal von der Bundespolizei gestoppt worden. Lediglich 30 Personen lassen sich mit bereitgestellten Bussen in die Erstaufnahmeeinrichtung nach Neumünster bringen. Die Verbliebenen weigern sich, den Bahnsteig zu verlassen. Sie schlagen das mitgebrachte Essen und Trinken der Helfer aus, wollen für ihre Weiterfahrt nach Skandinavien kämpfen. „We want Sweden“, hallt es immer wieder über den Bahnsteig. Ein verzweifelter Ausruf des Protestes.

 Dann keimt plötzlich neue Hoffnung auf. Die Menschen dürfen in einem neuen Zug weiterfahren. Begleitet werden sie von fünf Aktivisten. „Wir wollen sichergehen, dass diese Menschen in Dänemark weiterreisen können“, sagt Heike Behrens (43) vom Lübecker Flüchtlingsforum. Seit Stunden betreut sie die Menschen auf dem Gleis und versucht die Weiterreise zu organisieren.

 Als der Zug endlich in den Lübecker Bahnhof einfährt, brandet Jubel auf. Beim Einsteigen drängen sich die Menschen in die Waggons und sinken erleichtert auf die Sitze. Manche müssen stehen, drängen sich in den Gängen. Sie haben kaum Gepäck dabei, allenfalls Plastiktüten, obwohl sie seit Monaten unterwegs sind. Der Zug rattert in die Abenddämmerung. Kaum sind die ersten vor Erschöpfung eingeschlafen, gibt es wieder Unruhe. Zwei Schaffner wollen die Tickets sehen, aber einige Fahrscheine sind abgelaufen: Manche Flüchtlinge sind zu lange an Bahnhöfen festgehalten worden. Mudy Amraya (26) vom Flüchtlingsforum versucht zu vermitteln. Es gelingt. Die Fahrt geht weiter. Während der einstündigen Etappe zur Fähre nach Puttgarden entspannt sich die Stimmung. Jugendliche spielen auf den Gängen Karten, sie lachen sogar dabei.

 Als der Zug auf die Fähre fährt, ist es schon stockdunkel, alle müssen aussteigen. Plötzlich ist die Angst wieder da. Eine dänische Flüchtlingsaktivistin aus Rødby warnt die Menschen: „Fahrt nicht weiter, ihr kommt nicht bis nach Schweden.“ Doch für die Flüchtlinge ist ein Zurück nicht vorstellbar. Als sie in den Aufenthaltsraum kommen, lädt eine fröhliche Lautsprecherdurchsage sie zum Einkaufen im Duty-Free-Shop ein. Daran denkt hier niemand. Jeder versucht, Ruhe zu finden. Dazu gibt es mehr Zeit, als ihnen lieb ist: Das Schiff darf nicht in Rødby anlegen, bleibt mehrere Stunden auf See.

 Als die Fähre gegen ein Uhr nachts anlegt und die Flüchtlinge wieder im Zug sind, rollen drei leere Busse an Deck der Fähre, flankiert von dänischen Polizisten. Ein Teil der Flüchtlinge wird mit den Bussen zur Registrierung in eine naheliegende Schule gebracht, der andere Teil weigert sich, aus dem ICE auszusteigen. Daraufhin werden die Waggons auf einem Bahnsteig beim Fährgelände abgestellt.

 Am Abend stehen die Züge dort noch immer, der ICE „Rendsburg“ und ein blaugrauer Zug der dänischen Eisenbahn. Der Zugverkehr zwischen Deutschland und dem Nachbarnland ist längst eingestellt. Helfer aus Dänemark bringen Obst, Schoko-Riegel und Capri-Sonne zu den Flüchtlingen.

 Angehörige, die aus Schweden hergekommen sind, warten hinter der Absperrung. Vieles deutet darauf hin, dass sie ohne ihre Liebsten wieder abziehen müssen. Einer von ihnen ist Abdel R. Der 48-Jährige ist vor neun Monaten aus Latakia in Syrien nach Schweden geflohen. Er ist nach Rødby gekommen, um seine Frau Kadar (42) und seine Tochter Abrar (9) abzuholen. Durch die Absperrung können sie einander sehen – und dürfen nicht zueinander. Da rennt die Tochter den Polizisten davon, ihrem Vater in die Arme. Die Polizisten lassen sie einige Minuten gewähren. Dann fahren Busse vor und versperren die Sicht. Was aus Abdel R. und seiner Familie wird, bleibt ungewiss. Wie so vieles an diesem Tag.

Von Katrin Diederichs und Marcus Stöcklin

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Tagesprotokoll
Foto: Die Flüchtlinge wollen von Kiel aus weiter nach Schweden.

Da der Zugverkehr zwischen Deutschland und Dänemark nur eingeschränkt läuft, versuchten Hunderte Flüchtlinge über Fähren nach Schweden zu gelangen. Die ersten sind am Donnerstag mit der Stena Line von Kiel nach Göteborg gefahren. Die Polizei übernahm ihre Kosten.

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