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Ein Raum, sechs Männer, 3240 Euro Miete

Lübeck Ein Raum, sechs Männer, 3240 Euro Miete

Ein großer Raum, zwei Kammern für die Toilette und die Dusche. Sechs Männer leben hier, die meisten seit Monaten. Für die Einzimmerwohnung werden 3240 Euro gezahlt. Jeden Monat. Für alle drei Wohnungen in dem Haus sind es 11340 Euro. Die Unterbringung für 21 Flüchtlinge hat die Stadt Lübeck organisiert.

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Omar zeigt sein Bett. In dem Zimmer leben vier Männer. Ein weiteres Doppelstockbett befindet sich dort, wo der Fotograf steht. Hinten links steht der Schrank für die vier Bewohner.

Quelle: Olaf Malzahn

Lübeck. Es ist ein schmales Haus in der Altstadt, in der die Flüchtlinge wohnen. Die Immobilie ist schnell besichtigt. Unten die Ein-Raum-Wohnung. Im ersten Stock zwei kleine Räume, ein Stockwerk höher drei Räume. Die beiden oberen Wohnungen haben immerhin ein renoviertes Bad mit Dusche. Aber wo sind die Küchen? „Gibt es hier nicht. In der Einraumwohnung haben sie zumindest einen richtigen Herd mit vier Platten. Aber wir haben nur das hier“, sagt ein Bewohner und zeigt auf eine Mini-Kombination aus Spülbecken, Kühlschrank und zwei Kochplatten. Sie steht im dunklen Flur. Und wo essen sie? „Auf dem Bett. Esstisch und Stühle gibt es ja auch nicht“, sagt der Mann aus dem Irak und führt in sein Zimmer. Das ist etwa 15 Quadratmeter groß. Vier Männer leben hier. Bewegen können sie sich kaum. Zwei Doppelstockbetten aus Stahlrohr, ein Schrank, ein Fernseher – das war die Möblierung beim Einzug. Mehr passt hier allerdings auch nicht hinein. Es reicht aber offenbar, um die Wohnungen als möbliert zu vermieten.

Der Druck, Wohnraum zu finden, ist hoch

Dennoch: 540 Euro pro Person – hält man das bei der Stadt Lübeck für angemessen? Nicole Dorel vom Presseamt der Stadt Lübeck verweist auf den hohen Druck, überhaupt genügend Wohnraum für Flüchtlinge zu finden. „Zurzeit sind rund 50 Gemeinschaftsunterkünfte am Netz. Darüber hinaus müssen wir immer noch rund 450 Hotelplätze und rund 200 Plätze in Notunterkünften wie dem Praktiker-Markt und in Turnhallen nutzen.“ Weil man aber eine Unterbringung in Turnhallen vermeiden will, suche man ständig nach Alternativen für die Notunterbringung. In diesem Fall habe ein Gewerbetreibender den Wohnraum als „Ferienappartements“ angeboten. Die Vorgabe von acht Quadratmeter Wohnraum pro Person sei erfüllt gewesen. Die Stadt habe daher die Appartements zur Notunterbringung angemietet.

Die Miete überweist die Stadt direkt an den Vermieter. 70 Prozent davon, also 7938 Euro, bekommt sie vom Land zurück, den Rest muss sie selbst tragen. „Den Flüchtlingen entsteht dadurch aber keinerlei Schaden“, betont die Stadtsprecherin, „sie selbst haben durch die Miethöhe nicht weniger Geld zur Verfügung.“ Das stimmt. Die Asylbewerber haben 320 Euro für Lebensmittel, Kleidung, Handyverträge, Lernmaterialien, Freizeit. Drei Euro im Monat müssen sie für Internet im Haus zahlen, die Benutzung der Waschmaschine im Keller kostet einen Euro.

Wenig Verständnis bei Anwohnern und Helfern

Die Bewohner, die mit uns reden, verstehen diese Argumentation nicht. Ihnen geht es nicht um mehr Geld. Es geht auch nicht um die Enge in der Wohnung und die unzureichende Ausstattung. „Die Enge bedrückt uns natürlich, es macht oft eine schlechte Stimmung. Wenn ich Deutsch lernen will, kann ich mich hier nicht konzentrieren. Ich gehe jeden Tag raus und lerne dort mit meinem Handy“, erzählt ein junger Mann aus Syrien. Aber was ihn ärgert, ist, dass für diese Unterbringung so viel Geld ausgegeben wird. Das sei nicht richtig. Es wäre besser, wenn man mit dem Geld Sprachkurse und andere Integrationsmaßnahmen bezahlen würde.

Auch Sylvia Zenz, die sich ehrenamtlich als Flüchtlingshelferin engagiert und selbst kostenlos einen Flüchtling im Zimmer ihres erwachsenen Sohnes aufgenommen hat, kritisiert die Miethöhe. „Das ist ein Skandal, dass so viel Geld für solch einen Wohnraum ausgegeben wird. Es geht um Steuergeld, und das sollte sinnvoll eingesetzt werden. Und das heißt: für Integration, nicht um Vermieter zu alimentieren.“

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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