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Der Kampf um die Pflegestufe

MDK-Einschätzungen: Der Kampf um die Pflegestufe

In Schleswig-Holstein steigt die Zahl der Pflegebedürftigen weniger als in anderen Bundesländern. Sind alte Menschen im Norden fitter? Davon geht man bei den Kassen aus. Oder liegt es daran, dass der Kampf um eine Pflegestufe hier schwieriger ist als anderswo? Davon sind viele Betroffenen überzeugt.

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Wenn alte Menschen zu Hause nicht mehr alleine zurecht kommen, kümmern sich oft erst mal Verwandte um ihre Versorgung.

Quelle: dpa

Kiel. Sie sagen: Wer zu Hause pflegt, muss unnötig viel Kraft in den Kampf um Hilfsmittel und Pflegestufen investieren. Zwei aktuelle Beispiele zeigen, was die Betroffenen oft verzweifeln lässt. Beide Fälle betreffen zufällig AOK-Versicherte. Doch die Beschwerden, die regelmäßig in der Redaktion landen, gehen quer durch alle Kassen. Im ersten Beispiel geht es um eine 94-jährige Frau aus Kiel. Eine Frau, die sich nicht gerne helfen lässt. Die ihre drei Kinder zu Hause geboren hat, nie ernsthaft krank war, extrem selten ihre Krankenversicherung in Anspruch genommen hat. Versorgt und betreut wird die alte Dame in den letzten Jahren von ihrem Sohn, mit dem sie im Haus wohnt, und von ihrer Tochter. „Die eigentliche Pflege habe ich erledigt – so weit, wie es meine Mutter zuließ“, sagt die Tochter.

Ohne Hilfe geht es nicht mehr

Im Frühjahr wird die Situation immer schwieriger, ohne Hilfe von außen geht es nicht mehr. Mitte April wird die erste Pflegestufe beantragt. Fünf Wochen später kommt der Gutachter des Medizinischen Dienstes und schätzt den täglichen Hilfebedarf auf 68 Minuten – zu wenig für Pflegestufe eins bei Menschen ohne Demenz. „Schon diese Schätzung konnten wir nicht nachvollziehen, denn wir haben viel mehr Zeit pro Tag benötigt, und das konnten wir nicht mehr bewältigen“, sagt die Tochter.

Deshalb wird Widerspruch eingelegt und auf eigene Kosten ein Pflegedienst beauftragt. Am 1. Oktober erneute Begutachtung und Ablehnung: Der Pflegebedarf habe zugenommen, reiche aber immer noch nicht. Die Familie versteht das nicht, denn der Zustand der betagten Mutter ist inzwischen sehr schlecht. Am 8. Oktober muss die alte Dame mit schwerer Herzinsuffizienz in die Klinik. Die Ärzte behandeln die Frau nicht nur, sondern beantragen auch im Eilverfahren eine Pflegestufe. Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) lehnt ab. Eine Entscheidung nach Aktenlage.

Haben Bürger falsche Vorstellungen?

Die Familie ist empört, wendet sich an diese Zeitung. Auf Nachfrage teilt die AOK mit, dass die 94-Jährige nun doch die Pflegestufe eins erhält – gegen die Empfehlung des MDK. „Wir bleiben bei unserem Gutachten. Das Verfahren ist korrekt gelaufen. Aber die Entscheidung liegt bei der Pflegekasse“, sagt Martin Schünemann, zuständiger Abteilungsleiter beim MDK Nord. Die Bürger hätten noch immer eine falsche Vorstellung von der Pflegeversicherung: „Das ist nur eine Teilleistungsversicherung. Das heißt: Der Pflegebedarf muss schon ein erhebliches Ausmaß erreicht haben, und auch dann wird nur ein Teil der Pflegebedarfs finanziert.“

Auch im zweiten Beispiel habe der MDK deshalb korrekt entschieden. Betroffen war ein 85-jähriger Kieler. Auch sein Antrag auf eine Pflegestufe wurde zunächst abgelehnt: Lediglich 73 Minuten Hilfebedarf pro Tag. Es folgten Widerspruch und erneute Begutachtung. „Der Zustand hatte sich nicht wesentlich verändert, trotzdem wurde er plötzlich auf 109 Minuten geschätzt. Das war nicht nachvollziehbar, aber wir waren froh, dass wir nun etwas Hilfe bezahlen konnten“, sagt die Tochter, die selbst Pflegefachkraft ist und ihre Mutter bei der Pflege unterstützt hat. „Wir hatten meinem Vater versprochen, dass er in dem Haus bleiben kann, das er selbst gebaut hat. Aber obwohl ich vom Fach bin, hätte ich nie gedacht, wie viel Zeit und Kraft der Kampf um Pflegestufen und Hilfsmittel kostet. Alte Menschen allein können das gar nicht schaffen. Ich bin sicher, sehr viele resignieren in diesem Kampf einfach“, sagt die Tochter.

Der Gang zum Gericht hätte zu lange gedauert

So seien ihrem Vater Verbandsschuhe und ein Gehbock verschrieben worden. „Weil das Wochen dauerte, konnte man mein Vater die Schuhe und den Gehbock nur noch einmal benutzen.“ Auch der Kampf um die dritte Pflegestufe nach einem Sturz und langem Krankenhausaufenthalt sei vergeblich gewesen: Der Antrag wurde abgelehnt. Auch der Widerspruch wurde sechs Wochen später nach Aktenlage zurückgewiesen. Inzwischen ging es dem 85-Jährigen extrem schlecht. Doch auch der Widerspruchsausschuss entschied: keine dritte Pflegestufe. „Es blieb nur noch der Gang zum Gericht, aber uns war klar: Das dauert viel zu lange.“ Die Tochter wandte sich hilfesuchend an unsere Zeitung. Als die Redaktion nachfragt, genehmigt die Kasse die dritte Pflegestufe. Zu spät: Wenige Stunden zuvor ist der 85-Jährige verstorben.

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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