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Vier Pflege-Gutachten pro Tag

MDK Nord Vier Pflege-Gutachten pro Tag

Immer wieder beklagen unsere Leser den hohen Zeit- und Kraftaufwand, um für einen Angehörigen eine Pflegestufe zu erhalten. Iris Gläfke-Brückner, beim MDK Nord zuständig für die Pflegestufen-Begutachtung, erklärt die Hintergründe.

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Iris Gläfke-Brückner ist beim Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) als Fachbereichsleiterin für die Pflegestufen-Begutachtung zuständig. Die 55-Jährige ist gelernte Kinderkrankenschwester, hat zudem in der Erwachsenen- und Gemeindekrankenpflege gearbeitet und wechselte 1994 zum MDK Nord, der für Schleswig-Holstein und Hamburg zuständig.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Frau Gläfke-Brückner, wie viele Beschwerden bekommen Sie beim MDK Nord?

Jedes Jahr etwa 100, aber aus allen Bereichen, nicht nur aus der Pflege, auch aus der ambulanten Versorgung.

Und wie viele Widersprüche gegen Einstufungen?

Das sind rund acht Prozent der Erstgutachten.

Wie erklären Sie sich, dass sich so viele Menschen an unsere Zeitung wenden?

Das wissen wir nicht, aber es wäre gut, wenn die Menschen sich direkt bei uns beschweren würden. Wir nehmen das ernst und haben dafür ein Beschwerdemanagement. Die betreffenden Mitarbeiter müssen eine Stellungnahme abgeben, und der Fall geht bis zum Leitenden Arzt. Betrifft es einen Mitarbeiter häufiger, wird dieser zum Beispiel zu einer Schulung gebeten.

Pflegende Angehörige kritisieren immer wieder, dass der Zeitaufwand, den der Gutachter schätzt, niedriger ist als der tatsächliche Aufwand. Wie erklären Sie sich das?

Das liegt daran, dass der Aufwand, den Gutachter berücksichtigen dürfen, häufig geringer ist als das, was die Angehörigen leisten. Behördengänge etwa dürfen nach dem Sozialgesetz nicht berücksichtigt werden, Wäsche machen und Kochen nur anteilig, viele andere Dinge nicht. Da ist das subjektive Empfinden verständlicherweise ein völlig anderes als das, was nachher auf dem Papier von der Pflegeversicherung steht.

Uns berichten Leser, dass sie ihr Antrag bei der ersten Begutachtung abgelehnt wurde, nach Widerspruch ein anderer Gutachter aber zu einem ganz anderen Ergebnis kommt. Und das, obwohl sich am Zustand des Pflegebedürftigen nichts Wesentliches verändert hat. Beispiel: Für eine Demenzkranke wird Pflegestufe Null beantragt und abgelehnt. Begründung: Sie habe gar keine Demenz. Die zweite Gutachterin bescheinigt mittelgradige Demenz und gibt sofort Pflegestufe 1. Wie kann das sein?

Das liegt häufig am Krankheitsbild, gerade bei Demenz kann sich das Bild schnell verändern. Außerdem bekommen wir als Gutachter immer nur eine Momentaufnahme. Deshalb ist es wichtig, dass Angehörige dabei sind, die das ausführlich schildern.

Eine andere Gruppe schildert, dass Pflegebedürftige in der letzten Lebensphase sind und für sie eine höhere Pflegestufe beantragt wird. Stattdessen gibt es aber eine niedrigere Pflegestufe. Damit wird es noch schwerer für die Angehörigen. Verstehen Sie, dass diese Menschen verzweifelt sind?

Ja. Nach den Begutachtungsrichtlinien, die für uns verbindlich sind, muss vor allem der Pflegebedarf in den grundpflegerischen Verrichtungen berücksichtigt werden. Danach ist es wirklich so, dass jemand, der noch etwas mobil ist und Hilfe braucht, um aus dem Bett zu kommen und um auf den Rollstuhl transferiert zu werden, mehr Zeitaufwand angerechnet bekommt als jener, der nur noch im Bett liegt und gelagert werden muss. Das erscheint aus Sicht der Betroffenen verständlicherweise ungerecht und wird sich nach dem neuen Gesetz ab 2017 auch ändern.

Bekommen die Gutachter Vorgaben, wie viele Pflegestufen sie maximal vergeben dürfen? Oder erhalten sie sogar Boni, wenn sie für die Pflegekasse sparsam einstufen?

Also, das kann ich definitiv ausschließen. Ich bin bewusst zum MDK gegangen, weil ich fachlich dort völlig unabhängig bin. Ob Festangestellte oder Honorarkräfte – die Pflegestufen können sie so empfehlen wie sie es als Gutachter bewerten, solange sie sich an die Richtlinien halten. Kein Gutachter wird jemals einem Pflegebedürftigen die Leistung verwehren, weil ihm jemand sagt, du hast schon so viele Pflegestufen vergeben.

Aber das Budget im Topf ist doch begrenzt?

Das stimmt, aber alle Pflegekassen schöpfen aus einem bundesweiten Topf und stehen nicht in einem Wettbewerb. Und wenn der Topf leer ist, dann muss der Beitragssatz erhöht werden.

83 Festangestellte und 78 Honorarkräfte in Teilzeit erstellen im Jahr beim MDK Nord rund 100000 Gutachten. Wenn man das herunterrechnet, sind das bis zu vier Gutachten pro Tag. Ist das zu schaffen?

Ja, das muss man schaffen und kann es auch schaffen. Wir haben dafür eine effektive Tourensteuerung und für komplizierte Begutachtungen gibt es mehr Zeit.

Wie viel Zeit hat denn ein Gutachter normalerweise?

Es gibt Richtwerte, für den Hausbesuch mit Begutachtung 50 bis 60 Minuten, mit Fertigstellung des Gutachtens insgesamt 90 bis 95 Minuten. Das ist machbar, weil die Gutachter schon beim Gespräch in den Laptop schreiben. Das mag manchmal die Versicherten irritieren, ist aber wichtig, damit wir wirklich alles aufnehmen, was man uns sagt.

Wie sind die Gutachter ausgebildet?

Das sind Pflegekräfte, auch ein paar Ärzte. Alle werden zusätzlich geschult. Die Einarbeitung dauert vier bis sechs Monate, mit Lernmodulen wie Kommunikation, Begutachtungsrichtlinien, Hilfsmittel…

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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