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Mit dem Wetter rechnen

Kieler Unternehmen Meteolytix Mit dem Wetter rechnen

Sahnetorte im Sommer? Bäckereien kennen ihre Kunden, aber Meeno Schrader kennt sie besser. Der Wetterpapst aus Kiel hilft Unternehmen mit seiner Firma Meteolytix dabei, ihre Produktion genauer zu planen. Sonnenschein und Regen spielen dabei eine entscheidende Rolle.

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Sonnenschein, Regen oder Schnee? Das kann bei Verkaufszahlen eine entscheidende Rolle spielen. Christoph Haß und Meeno Schrader von Meteolytix wissen, wie Unternehmen wie Bäckereien am besten auf die unterschiedlichen Verhältnisse reagieren.

Quelle: Björn Schaller

Kiel. Das deutsche Bäckerhandwerk hat ein Problem: Zwischen sechs und 17 Prozent ihrer Produkte landen nach einer aktuellen Studie der FH Münster nicht im Bauch der Verbraucher, sondern auf dem Müll. Der Grund: Die Firmen produzieren zu viel und am Wunsch der Kunden vorbei. Meeno Schrader, landesweit bekannter Meteorologe, kennt dieses Phänomen schon seit einigen Jahrzehnten. „Als Student habe ich als Fahrer einer Bäckerei gejobbt, und da war das bereits ein Riesenthema. Nur warum soviel weggeworfen wurde, wusste ich damals nicht.“

 Heute ist Schrader schlauer. Für ihn ist klar: Das Problem hängt zu einem nicht geringen Anteil mit dem Wetter zusammen. Bäckereien wüssten zwar, dass sich Fruchtschnitten bei Hitze besser verkaufen als Cremetörtchen und dass sich die Leute bei Nieselwetter besonders gern mit einem Stück Kuchen ins Café setzen. Die Betriebe gingen aber bisher zu wenig darauf ein. „Bei Verkäufern und Filialleitern herrscht trotz jahrelanger Erfahrung oft noch eine gewisse Unsicherheit darüber, welche Produkte in den nächsten Tagen gefragt sind.“

 Meeno Schrader will das ändern. Vor sechs Jahren hat er Meteolytix gegründet, ein Joint Venture seiner Firma Wetterwelt und des Kieler Unternehmens Analytix, das sich mit der statistischen Analyse großer Datenmengen beschäftigt. Gemeinsam mit Geschäftspartner Nils Passau und elf weiteren Kollegen sorgt Schrader dafür, dass Firmen bei Einkauf, Produktion, Verkauf und Personalbedarf besser planen können und so vermeiden, überschüssige Produkte wegzuwerfen oder den Kunden mit leeren Regalen zu überraschen. Er liefert ihnen auf Basis genauer Prognosen eine Aufschlüsselung der voraussichtlichen Absatzmenge.

 Dabei sei nicht nur das Wetter entscheidend, sagt der 54-Jährige. „Das Ganze ist ein komplexes Verfahren“: Etwa 200 verschiedene Faktoren fließen in die Analyse ein, zum Beispiel: Behindert eine Baustelle in der Straße den Zugang zum Laden? Findet in der Gegend eine öffentliche Veranstaltung statt? Bei einer Bäckerei-Filiale am Strand sei natürlich das Wetter für den Kundenverkehr entscheidend, sagt Schrader. „In der Stadt können ganz andere Aspekte wichtiger sein.“

 Um treffsichere Prognosen abzuliefern, benötigt Meteolytix außerdem über die bisherigen Verkaufszahlen des Unternehmens immense Datenmengen. Es sollte eine Historie von mindestens einem Jahr vorliegen, so Schrader. Selbst dann sei die Beratungsleistung seiner Firma keine Garantie für eine Effizienzsteigerung. Ein gewisses Risiko sei immer dabei. Der Absatz einer kleinen Bäckereifiliale mit vielen unterschiedlichen Produkten lässt sich schwieriger vorhersagen als bei einer großen Filiale mit wenigen Sorten Brötchen, Torten. Wenn die Prognose lautet, dass lediglich zwei Schwarzbrote pro Tag verkauft werden, dann aber nur eins über den Ladentisch geht, ruiniert das jede Statistik.

 Unternehmen, die seine Dienstleistung in Anspruch nehmen, verspricht Schrader im Idealfall rasche Erfolge und eine sechsstellige Ersparnis. Mit seinen Absatz-Prognosen liege Meteolytix zu über 90 Prozent richtig. „Das ist schon außergewöhnlich“, sagt der Wetterexperte. Reisebüros, Bäckereien, Modehäuser und Großmärkte vertrauen seinem Rat. Neben Absatzprognosen bietet meteolytix auch individuelle Studien an, die tiefergehende Analysen beinhalten.

 Die bestätigen zum Großteil, was das Bauchgefühl bereits verraten hat. „Was uns überrascht, ist nicht das generelle Analyseergebnis, sondern die genaue Zahl dahinter“, sagt Schrader. Eine aktuelle Studie mit dem Reiseveranstalter Thomas Cook und der Suchmaschine Google ergab, dass sich besonders die Norddeutschen bei ihrem Buchungsverhalten stark vom heimatlichen Wetter beeinflussen lassen. Steigt in Schleswig-Holstein im Sommer das Thermometer, brechen die Zahlen beim Reiseveranstalter ein. Suchanfragen mit dem Reiseziel Mallorca sinken nach Angaben von Meteolytix sogar um bis zu 50 Prozent. Schrader und sein Team mutmaßen, dass dies mit der Nähe zu den Meeren zu tun hat: Wer dort lebt, wo andere Urlaub machen, muss sich bei 25 Grad und Sonnenschein nicht in den Flieger setzen.

 Dass auch der Umkehrschluss aufgeht, beobachtet Regina Roersch, die in Kiel ein Reisebüro der Kette Thomas Cook betreibt. Das unbeständige Wetter während der Sommerferien lockte viele Kunden in ihr Geschäft. „Alles drängelte sich auf Ziele im Mittelmeerraum. Spanien war extrem gefragt, zu einigen Zielen waren kaum noch Flüge verfügbar.“ Meeno Schrader und sein Team scheinen richtig zu liegen.

 Doch trotz aller Erfolge mit Statistiken, Zahlen und Fakten: „Die Filialleiter wollen wir nicht ersetzen“, sagt Meeno Schrader. Die von Meteolytix errechneten Zahlen böten manchmal eine große Streuung und seien „mit Vorsicht zu genießen“. Nicht jede Prognose sei zu 100 Prozent eindeutig. „Dann kommen umso mehr die Mitarbeiter der jeweiligen Firma ins Spiel. Sie stehen im direkten Kontakt zu unseren Entwicklern. Das Bauchgefühl bleibt wichtig.“

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