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Milchbauern machen mobil

Genossenschaft der Meierei Horst Milchbauern machen mobil

Jeder sechste Milchhof in Schleswig-Holstein existenziell bedroht. Landwirt Jörg Hauschildt unterstützt deshalb den Aufruf der Meierei Horst, der Öko-Melkburen und der Regionalwert AG Hamburg. Sie fordern die Verbraucher auf, nur noch Milch aus nachhaltiger, regionaler Erzeugung zu kaufen.

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Tatjana Tegel führt die 125 Jahre alte Meierei in die Zukunft. Sie setzt auf eine schonende Produktion: Die tagesfrische Bio-Milch wird nur pasteurisiert, der Rahm für die Butter reift extra langsam und liefert als Nebenprodukt eine gesäuerte Buttermilch. Außerdem werden weitere Milchsorten, Sahne, Joghurt und Quark produziert.

Quelle: Frank Peter

Horst. Jörg Hauschildt hat mehr als 20 Jahre seinen 90-Hektar-Hof in Quarnstedt im Kreis Segeberg nach dem Lehrbuch bewirtschaftet. Hat optimiert, intensiviert, ausgebaut. So konnte er die Milchleistung seine Herde fast vervierfachen. „Und was hat mir das gebracht? Mehr Arbeit und mehr finanzielle Sorgen. Mir geht es schlechter als vor 20 Jahren.“ Deshalb hat Hauschildt mit 50 Jahren die Wende eingeleitet. Er hat den Lieferbeitrag mit dem Deutschen Milchkontor, dem bundesweit größten Molkereiunternehmen, gekündigt und ist zu der kleinen Meierei Horst gewechselt.

Biobauern retteten die Meierei

Die traditionsreiche Meierei in Kreis Steinburg stand selbst vor zwei Jahren vor dem Aus: Immer mehr Landwirte waren zu den großen Meiereien abgewandert. Die kleine Meierei konnte nur gerettet werden, weil ein paar Biobauern investierten. Und unter dem Namen Öko-Melkburen warben sie bei Bürgern und Unternehmen dafür, Genossenschaftsanteile zu kaufen. „Wir wollten die Meierei erhalten, aber auch Menschen bewegen, wieder mitzubestimmen, was und wie in ihrer Region produziert wird“, sagt Achim Bock, Öko-Melkbur und Meierei-Vorstand.

Langsam, aber nachhaltig wachsen

Die Genossenschaft hat 185 Mitglieder von Kiel bis südlich der Elbe. 1000 sollen es einmal werden. „Wir wollen langsam, aber nachhaltig wachsen. Das gilt auch für unsere Produktpalette“, sagt Tatjana Tegel. Die promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin hat lange Zeit in der IT-Branche gearbeitet. Die Geschäftsführung der Meierei hat sie aus Überzeugung übernommen. „Wir haben uns alle voneinander entfernt – der Verbraucher von den Landwirten, die Landwirte von den Tieren. Durch unser Handeln setzen wir den regionalen Wertschöpfungskreislauf aufs Spiel. Ohne ihn wird unser Land aber anders aussehen“, sagt Tatjana Tegel und erzählt von riesigen Monokulturen in Ungarn und in der französischen Camargue. „Da wirtschaften Agrokonzerne, da wird jeder Baum, jeder Knick entfernt. Wenn wir das nicht bei uns erleben wollen, müssen wir Verbraucher endlich aufwachen“, sagt die 47-Jährige.

Tegel geht es dabei nicht nur um Landwirte und Umwelt. Es geht ihr auch um Lebensmittel, die sonst kaum noch produziert werden: So füllt Horst als einzige Meierei im Land noch tagesfrische Milch ab, produziert zeitaufwändig Sauerrahmbutter und Buttermilch und demnächst auch Salzbutter. „Dazu brauchen wir Milch von besonderer Qualität“, sagt Tegel, „deshalb müssen unsere Lieferanten die Kühe im Sommerhalbjahr auf der Weide haben. Denn dann enthält die Milch nachweislich die essentiellen Omega-3-Fettsäuren.“

Bedingungen für Lieferanten

Weitere Bedingungen für alle Milch-Lieferanten: Grassilage und maximal 30 Prozent Mais als Winterfutter, keine Gentechnik beim Futter, keine vorsorgliche Gabe von Antibiotika. Im Gegenzug erhalten die Landwirte in Horst 30 Cent pro Liter Milch und mittelfristig 40 Cent. Im Vergleich: Aktuell bekommen Bauern im Schnitt 24,9 Cent – vor einem Jahr waren es 28,4 Cent. „Auch 30 Cent sind noch nicht kostendeckend, aber ich halte das System der regionalen Produktion und Vermarktung zukunftsträchtiger“, sagt Jörg Hauschildt. Auch andere Landwirte sehen das offenbar so. Zwölf konventionell wirtschaftende Bauern stehen auf der Warteliste der Meierei.

Umstellung auf Biolandbau machbar

Auch im Umweltministerium in Kiel begrüßt man das Horster Konzept. „Ich hoffe, dass auch die Verbraucher das unterstützen, indem sie regionale Produkte nachfragen oder sich selbst an Genossenschaftsmodellen beteiligen“, sagt Staatssekretärin Silke Schneider. Sie setzt aber auch darauf, dass mehr Landwirte die Milchkrise nutzen, um auf Biolandbau umzustellen. Öko-Melkbur Hans Möller aus Lentföhrden hält das für machbar, wenn nicht gerade neue große Ställe gebaut wurden: „Erstens gibt es Fördermittel, zweitens müssten zwar oft die Tierbestände reduziert werden, aber dafür hat man auch weniger Kosten, weniger Arbeit und stabile, höhere Preise“, sagt er. Und dann geht der 51-Jährige erst einmal auf die Weide, wo die Kälber zusammen mit ihren Müttern laufen.

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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