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Nachkriegszeit: So wurde im Norden entschärft

Minen-Film "Unter dem Sand" Nachkriegszeit: So wurde im Norden entschärft

Lebensgefährliche Mission nach dem Zweiten Weltkrieg: Junge deutsche Kriegsgefangene müssen im Kinofilm "Unter dem Sand" an dänischen Stränden Minen entschärfen. Wie Schleswig-Holstein zu Land und Wasser geräumt wurde, ist ein noch "ungeschriebenes Kapitel deutscher Marinegeschichte", sagt Dr. Jann Witt, Historiker des Marinebundes.

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Minensuchen im dänischen Film "Unter dem Sand" – nach wahren Begebenheiten: "Das Absuchen geschah mit einem Suchrahmen von ca. 1qm sowie einem Holzspieß", schreibt Vibeke B. Ebert.

Quelle: Koch Media/dpa

Kiel. Seine feinen Finger ertasten den Draht im Sand. Der führt zu einer von zigtausenden Minen. "Ich hab' eine", schreit der jugendliche deutsche Kriegsgefangene, der im Trailer der dänisch-deutschen Kooperation "Unter dem Sand" (seit Donnerstag im Kino) über den Strand robbt, um Minen zu entschärfen. Sekunden später hält ein Mitstreiter eine Tellermine in der Hand. Sie explodiert.

Die Geschichte basiert auf wahren Begebenheiten und einem Verstoß gegen schon damals gültige Statuten zur Behandlung Kriegsgefangener. "Lieber sie als wir", erklärt Leutnant Ebbe (Mikkel Boe Folsgaard) im Trailer, warum die Aufgabe von deutschen Kriegsgefangenen durchgeführt wurde – "unter Zwang", wie der dänische Historiker Helge Hagemann 1998 erstmals öffentlich anprangerte. 

Genfer Abkommen zur Behandlung Kriegsgefangener (1929 bis 1949 gültig)

"Es ist verboten, Kriegsgefangene zu unzuträglichen oder gefährlichen Arbeiten zu verwenden." (Art. 32)

Doch wie wurde eigentlich Schleswig-Holstein nach Kriegsende sicher gemacht? Mehr als 400.000 Sprengsätze landeten im Krieg in der Nord- und Ostsee, schreibt Historiker Wolfgang Thamm. 43.000 Sprengbomben, 900 Luftminen und 500.000 Brandbomben schlugen in Stadt und Hafen in Kiel ein.

Dass es in Schleswig-Holstein gänzlich verminte Landstriche gab, bezweifeln Fachleute heute. Nur vereinzelt mussten wohl um Flugplätze oder Brücken Minen geräumt werden. Eindeutig aufklären lassen sich die ersten Nachkriegsmonate aber nicht: Über die Entschärfungen der Alliierten wurden zunächst keine Unterlagen geführt. So sprengte die "Besatzungsmacht mit ihren deutschen Dienstgruppen" schnell alles, was das "öffentliche Leben" gefährdete, schreibt Historiker Thamm. Aber erfolgte diese Arbeit aus freiem Willen? Das ist umstritten. Schließlich bestanden die Dienstgruppen in der britischen Besatzungszone zu rund 50 Prozent aus Kriegsgefangenen. Und die Arbeit war mordsgefährlich.

Ein Beispiel für dieses Risiko ist die Entschärfungsarbeit auf See. Die Bilanz der German Mine Sweeping Administration (GM/SA) von 1945 bis 1948 ist tragisch: 345 Männer ließen bei dem Dienst laut dem amerikanischen Historiker Douglas Peifer ihr Leben, lediglich 53 während Minenräumoperationen. Die übrigen starben durch Unfälle, Krankheit, Alkohol und Suizid. Erfolgreich war die Arbeit dennoch auf mehreren Wegen: Bis zum Ende der GM/SA 1948 wurden 3000 Seeminen geräumt, die Wege durch den Kleinen und Großen Belt waren frei, der südliche Öresund, der Weg nach Lübeck und Gebiete in der Nordsee. Der Deutsche Minenräumverband (1948-51) und die Labour Service Units (1951-56/58) setzten die Arbeit fort.

Das eigentümliche Konstrukt GM/SA bestand dabei aus sogenanntem entwaffnetem deutschem militärischem Personal, das somit nicht als kriegsgefangen galt. "Das ist ein eigenes Kapitel", erklärt Marinebund-Historiker Dr. Jann Witt, "Wehrmacht und Kriegsmarine hören auf zu bestehen – und trotzdem werden die Fachleute weiter benötigt." Unter der Leitung britischer und US-amerikanischer Alliierter befreiten deutsche Minenräumer in eigener Mission zahlreiche Gewässer von Kampfstoffen. Das erste von drei Minenräumdienstkommandos kam dabei aus Kiel bzw. Kronshagen.

German Mine Sweeping Administration
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Trotz Freiheiten wie Urlaub berichtet Peifer von einem sehr belasteten Verhältnis deutscher und britischer Behörden. Im Juni 1945 sollen britische Seeleute während einer Inspektion deutsche Marineoffiziere ins Wasser gestoßen haben. Sie mussten britische Kollegen niedrigeren Ranges grüßen. Die britische Leitung fasste zusammen: "Es steht außer Frage, dass der Dienst in der GM/SA in keiner Weise auf freiwilliger Basis beruht."

Wie sieht es heute aus?

Negative Folgen dieser Arbeit gibt es noch immer: Geborgene Kampfmittel und Abfälle wurden an für die Schifffahrt unwichtigen Stellen versenkt. Bis die Ostsee rein von Kampfmitteln ist, kann es also noch Jahrzehnte dauern. Einige Schritte sind aber gemacht. Wie die Umwelt besser vor Kampfmittelfolgen zu schützen ist, erklärte der  Expertenkreis Munition im Meer, ein im schleswig-holsteinischen Umweltministerium angesiedelter Bund-Länder Ausschuss, bereits diese Woche.

Dessen freier Berater Uwe Wichert plant außerdem in britischen Archiven möglichst genaue Abwurfpunkte britischer Luftminen zu finden. Viele Akten – wie auch Unterlagen der Bundesmarine im Militärarchiv Freiburg – sind bis heute nicht ausgewertet. Wichert vermutet daher noch immer rund 800 Minen in der Kieler Bucht: Von rund 4000 im Krieg abgeworfenen Sprengsätzen wurden lediglich 1000 bereits während des Krieges geräumt. Danach stehe "ein großes Fragezeichen".

Foto: Noch immer alltäglich in der Kieler Bucht: Minensprengung vor Kiel-Holtenau.

Noch immer alltäglich in der Kieler Bucht: Minensprengung vor Kiel-Holtenau.

Quelle: Frank Behling
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Ein Artikel von
Niklas Wieczorek
Lokalredaktion Kiel/SH

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