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2000 Plätze reichen nicht

Studt in Erstaufnahmelager 2000 Plätze reichen nicht

Ohne Matratzen auf dem Flur geht es zurzeit nicht in der Erstaufnahmeeinrichtung in Neumünster. Zu groß ist der Andrang der Flüchtlinge. Niemand wird abgewiesen. Aber in diesen Tagen sind Standards trotz aller Bemühungen immer wieder Makulatur. Innenminister Stefan Studt weicht der Diskussion um die Unterbringungsqualität in der zentralen Erstaufnahme nicht aus.

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Warten auf die erste Registrierung: In der Erstaufnahmeeinrichtung in Neumünster drängen sich die Flüchtlinge auf den Fluren.

Quelle: Sven Janssen

Neumünster. Bei seinem Besuch lässt er sich sofort einen Flur zeigen, auf dem sich Matratze an Matratze aneinanderreiht. Wie in einigen der Gemeinschaftsräume und im Spielzimmer. „Wir versuchen, solche Übernachtungsplätze zu vermeiden. Aber wenn viele Menschen auf einmal zu uns kommen, sind wir auf solche Notquartiere angewiesen“, sagt Ulf Döhring, Leiter der Erstaufnahme. Einige Flüchtlinge kommen dazu, der Ministerbesuch hat sich herumgesprochen, sie wollen diesen Moment mit einem Handyfoto festhalten. Wie sie die Unterbringung finden? Die Männer verstehen die Frage offenbar nicht. Und der Innenminister sagt: „Matratzen sind nicht das, was ich möchte. Aber eine Matratze unter einem ist besser als keine Matratze.“

 Dennoch ist für Studt klar, dass das Land noch mehr Erstaufnahmeplätze schaffen müsse: „Das kann in bestehenden Einrichtungen sein, wir müssen aber auch weiterhin nach neuen Standorten suchen, um Neumünster zu entlasten.“ Denn auf dem früheren Bundeswehrgelände sind langsam die Erweiterungskapazitäten erschöpft: 850 Stockbetten gibt es in der ehemaligen Scholtz-Kaserne, weitere 500 sind in Modulbauten und zuletzt noch 650 in Zelten und Containern geschaffen worden. Doch die Matratzen zeigen: 2000 Plätze reichen nicht für 3000 oder 3500 Menschen.

 Ein Mann sitzt auf einer Matratze im Flur. Er wiegt ein Kleinkind auf dem Arm. Dort zu schlafen, das störe ihn nicht, sagt er. „Wir haben auf der heißen Lkw-Ladefläche im Sitzen geschlafen und immer wieder direkt auf dem Erdboden“, sagt er. Schlimmer sei, dass er gar nicht schlafen könne. Er mache sich Sorgen um seine Frau. „Sie ist immer traurig. Sie hat kein Morgen mehr“, sagt der junge Vater aus Syrien.

Ohne Matratzen auf dem Flur geht es zurzeit nicht in der Erstaufnahmeeinrichtung in Neumünster. Zu groß ist der Andrang der Flüchtlinge. Niemand wird abgewiesen. Aber in diesen Tagen sind Standards trotz aller Bemühungen immer wieder Makulatur. Innenminister Stefan Studt weicht der Diskussion um die Unterbringungsqualität in der zentralen Erstaufnahme nicht aus.

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 Das Leiden der Frau ist kein Einzelfall. Sirwan Baban, der vor 19 Jahren selbst aus dem Irak geflüchtet ist und heute als Dolmetscher in der Erstaufnahme arbeitet, hält die psychische Lage der Menschen für eines der Hauptprobleme: „Ein Bett, Essen und Trinken sind wichtig. Aber unsere wichtigste Aufgabe ist, den Menschen wieder Hoffnung zu geben. Und das versuchen wir.“ Der Kurde ist rund um die Uhr ansprechbar, dolmetscht bei gesundheitlichen Problemen. „Und davon gibt es viele.“ Krankheiten wie Diabetes Typ I, aber auch viele Verletzungen von der Flucht, zum Teil Folgen des Krieges.

 Auf solche Beeinträchtigungen hat man jetzt in Neumünster reagiert: Ein Teil der jüngsten Erweiterung ist barrierefrei, sagt Einrichtungsleiter Döhring und führt den Innenminister in das Zelt, in dem jeder Flüchtling auf Infektionskrankheiten untersucht wird. Ein Arzt arbeitet hier im Auftrag des Universitätsklinikum UKSH. Unterstützt wird er von Medizinstudenten und Pflegekräfte. Studt lobt das Engagement von UKSH, aber auch von Imberg Klinik, Friedrich-Ebert-Krankenhaus und Westküstenklinikum ausdrücklich. Der Minister kündigt an, dass nach Neumünster und Rendsburg künftig auch in anderen die Erstaufnahmen wie etwa in Kiel die Erstuntersuchung und die Registrierung nach dem Erstaufnahmesystem möglich werden. Auch das könne Neumünster entlasten.

 Auf dem Rückweg über das Gelände ruft uns ein 24-jähriger Flüchtling „Willkommen“ aus dem Fenster zu. „Willkommen“, sagt der 24-jährige Syrer, sei das zweite deutsche Wort, das er gelernt habe. Das erste war Asyl.

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