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Alheit und die Flucht nach vorn

Missstände im „Friesenhof“ Alheit und die Flucht nach vorn

Sozialministerin Kristin Alheit (SPD) gerät im Zusammenhang mit den Vorgängen in den inzwischen geschlossenen Friesenhof-Jugendheimen zunehmend unter Druck. In einer Sondersitzung des Sozialausschusses äußerte sie sich am Dienstag erstmals im Detail zur Sache und räumte dabei Versäumnisse ein.

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Kristin Alheit (SPD) bedauert die Missstände in der Jugendhilfeeinrichtung „Friesenhof“.

Quelle: Ulf Dahl

Kiel. „Es ist ein echter Fehler, dass das Ministerium erst so spät von einem möglichen sexuellen Verhältnis zwischen einem Betreuer und einem betreuten Mädchen erfahren hat. Es tut mir furchtbar leid, dass ich nicht früher darüber berichten konnte.“ Das Sozialministerium hatte in zwei Pressegesprächen mit Staatssekretärin Anette Langner und der Heimaufsicht-Referatsleiterin Sabine Toffolo in den vergangenen Wochen auf entsprechende Nachfragen keine Auskunft gegeben.

Am Montagabend verwies das Ministerium dann erstmals auf den Fall, der allerdings bereits ab 15. Januar dem Landesjugendamt bekannt war. Friesenhof-Heimleiterin Barbara Janssen hatte damals nach eigenen Angaben eine entsprechende E-Mail an Toffolo geschickt. Im Anschluss gab es ein Gespräch auf Arbeitsebene. Aus der Fachabteilung wurde die Information nach Ministeriumsangaben jedoch nicht weitergegeben. Auch die Leiterin des Landesjugendamtes, Silke Duda, soll daher nichts davon erfahren haben. Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft Itzehoe ein formelles Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Missbrauch einer Schutzbefohlenen eingeleitet. Der entsprechende Mitarbeiter wurde vom Dienst suspendiert. Nach Informationen dieser Zeitung steht er mit dem Mädchen weiterhin in Kontakt und schmiedet Hochzeitspläne, die bei Facebook nachzulesen sind.

Im Ausschuss wurden am Dienstag neue Details zu den Vorgängen in den Heimen bekannt. So mussten allein zwischen dem 4. März 2014 und dem 3. Juni 2015 elf Mädchen in anderen Heimen untergebracht werden, nachdem sie weggelaufen waren. „In allen elf Fällen war das Kindeswohl gefährdet“, sagte die zuständige Bereichsleiterin im Kreis Dithmarschen, Renate Agnes Dümchen. Eine derart hohe Zahl von Inobhutnahmen sei außergewöhnlich und lasse qualitative Aussagen über die Einrichtungen zu. Am 3. Juni seien bei der behördlich angeordneten Schließung weitere sechs Mädchen anderweitig untergebracht worden. Wegen der Missstände hat der Kreis Dithmarschen nach eigenen Angeben seit 2007 keine Kinder mehr in den „Friesenhof“ geschickt. Betreiberin Janssen hat nach der weitgehenden Schließung inzwischen Insolvenzantrag gestellt.

Die Opposition im Landtag ging mit der zuständigen Ministerin gestern scharf ins Gericht. „Spätestens bei der dritten Inobhutnahme hätte das Landesjugendamt massiv reagieren müssen“, sagte die FDP-Abgeordnete Anita Klahn. Die CDU-Sozialpolitikerin Abgeordnete Heike Franzen sprach von einem „Armutszeugnis“ für Alheit. Seit Monaten sei die Arbeitsebene informiert gewesen, dennoch habe man nicht gehandelt. Alheit kündigte an, die Heimaufsicht zu stärken und eine Ombudsstelle für betreute Jugendliche zu schaffen: „Es schmerzt sehr, wenn sie die Hilfe nicht bekommen, die sie brauchen.“ Zugleich sei nicht auszuschließen, dass noch weitere belastende Details aus den Heimen bekannt werden: „Es kann sein, dass noch etwas kommt.“ CDU und FDP wollen den Fall im Landtag weiter aufarbeiten und haben am Dienstag Akteneinsicht beantragt.

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Ein Artikel von
Patrick Tiede
Redaktion Lokales Kiel/SH - Landeshaus-Korrespondent

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Im Skandal um die Mädchenheime in Dithmarschen hat das Landesjugendamt kläglich versagt. Die Heimaufsicht des Landes versuchte über Jahre vergeblich, immer neue Missstände in den Friesenhof-Camps mit Auflagen abzustellen. Geschlossen wurden die Einrichtungen erst, als Medien über die unhaltbaren Zustände berichteten.

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