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Psychiatrieopfer fordert Entschädigung

Missbrauch Psychiatrieopfer fordert Entschädigung

Es waren traumatische Erlebnisse. Als Kinderpsychiatriepatient des Landeskrankenhauses auf dem Schleswiger Hesterberg wurde Alfred Koltermann (63) misshandelt, sexuell missbraucht und ausgebeutet. Jetzt fordert er Entschädigung.

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Alfred Koltermann (63) fordert Entschädigung. Als Patient der Kinder- und Jugendpsychiatrie auf dem Schleswiger Hesterberg wurde er misshandelt und sexuell missbraucht.

Quelle: Rainer Krüger

Schleswig. Die Vorfälle in der einstigen Klinik in den 1950er- und 1960er-Jahren sind ihm noch in Erinnerung: „Wir mussten uns im Nachthemd aufstellen und wurden von Pflegern ohne Grund in die Magengrube geschlagen“, berichtet Koltermann von willkürlicher Gewalt. Doch auch Fremde erniedrigten ihn und weitere Patienten. So sei er als Kind gezwungen worden, Männer sexuell zu befriedigen.

In seinem Kampf um Entschädigung unterstützt ihn Petra Thobaben. Als Sonderbeauftragte der Landesregierung untersucht die ehemalige Landespastorin seit Jahresbeginn die Zustände in den Kinder- und Jugendpsychiatrien Schleswig-Holsteins von 1945 bis 1975. Für die Westerrönfelderin steht fest: „Jungen Menschen ist in dieser Zeit physische, psychische und sexuelle Gewalt angetan worden.“

Auch änhliche Fälle an anderen Standorten seien möglich

Bei der Einrichtung auf dem Hesterberg ist sie sich sicher. Außer Koltermann haben ihr noch sechs weitere Männer ähnliche Erlebnisse geschildert, die ihnen dort widerfahren sind. Die Aufzeichnungen über die Gespräche hat Thobaben handschriftlich in einer Kladde notiert. Dass sich Ähnliches auch anderswo abgespielt haben könnte, hält sie für möglich: „In Einrichtungen, die sich abschließen, gibt es ein großes Gefährdungspotenzial, dass dort Gewalt ausgeübt wird.“

Doch im Fall Hesterberg geht es nicht nur um körperliche Misshandlung, sondern auch um Ausbeutung. „Es gab Verträge mit mindestens fünf sogenannten bäuerlichen Privatanstalten, in denen pro Jahr etwa 200 Jungen und Mädchen untergebracht waren.“ Betroffene mussten dort arbeiten, erhielten jedoch – von einem Taschengeld abgesehen – keinen Lohn. Sozialabgaben und Rentenbeiträge wurden für sie auch nicht gezahlt. Thobaben geht davon aus, dass auf diese Weise über 1000 ehemalige Patienten ausgenutzt worden sind. Auch dieses Problem betrifft Koltermann.

Ausgleich für verjährte Taten mit Fonds?

„Für die Missbrauchsfälle kann strafrechtlich niemand mehr belangt werden, weil die Taten verjährt sind“, sagt Thobaben. Außerdem gibt es keine Akten, die etwas belegen. Daher sind Zeugen wie Koltermann so wichtig. „Ich plädiere für einen bundesweiten Fonds, aus dem Leistungen für erlittenes Unrecht gezahlt werden können. Weiter sollten Rentenansprüche Betroffener anerkannt werden“, fordert Thobaben. Ihre Vorschläge wird sie am 9. September ins Bundesministerium für Arbeit und Soziales tragen. Dort gibt es eine Anhörung zu den Problemen einstiger Psychiatriepatienten.

Hoffnung auf Zuspruch besteht laut Thobaben. Schließlich gibt es schon den 2012 eingerichteten Fonds „Heimerziehung in der Bundesrepublik Deutschland in den Jahren 1949 bis 1975“ (Heimerziehung West). Gemäß Übereinkunft des Bundes, der westdeutschen Bundesländer und der Kirchen konnten ehemalige Heimkinder, denen Unrecht und Leid zugefügt wurden, Unterstützung beantragen.

Ermunterung an Betroffene, sich zu melden

Wie Georg Gorrissen von der Anlauf- und Beratungsstelle Heimerziehung Schleswig-Holstein erläutert, sind aber seit 2014 keine Neuanmeldungen mehr möglich. Allerdings gab das Bundeskabinett Anfang Juli seine Zustimmung, die Mittel von 120 Millionen Euro auf rund 300 Millionen Euro aufzustocken. Der Bund trägt ein Drittel der Finanzierung.

Petra Thobabens Anliegen für die Recherche als Landesbeauftragte: Betroffene sollten sich per Mail bei ihr melden. Das Beispiel von Koltermann könnte sie dazu motivieren. „Alfred Koltermann hat den Mut, die Missstände anzusprechen. Und das, obwohl er und andere Betroffene in ihrem Leben die Erfahrungen gemacht haben, nicht ernst genommen worden zu sein“, sagt Thobaben.

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