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Die gefährliche Fahrt auf dem Trittbrett

Motive und Konsequenzen Die gefährliche Fahrt auf dem Trittbrett

Das Gepäck drin, die Türen verschlossen und der Passagier noch draußen. Der Zug fährt ab. Dieses Szenario ereignete sich am Dienstagmorgen am Neumünsteraner Bahnhof. Der betroffene 31-Jährige wusste sich nicht anders zu helfen und klammerte sich an die Lok. Nicht der erste Fall in Schleswig-Holstein.

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Zwei Haltegriffe und ein Trittbrett: Was eigentlich dem Einstieg für Zugführer dient, wurde am Dienstag genutzt, um sich an den Zug zu hängen.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Neumünster. Eine lebensgefährliche Kurzschlussreaktion, die man auf keinen Fall nachmachen sollte. „Richtig gewesen wäre es, sich beim Bahnpersonal vor Ort zu melden“, so eine Bahnsprecherin vom Regionalbüro Hamburg. „An kleineren Bahnhöfen, an denen es kein Personal gibt, können sich die Fahrgäste telefonisch an unsere 3S-Zentrale wenden.“ Die drei S stehen für Service, Sicherheit und Sauberkeit. Diese Zentralen – im Norden befinden sie sich in Kiel, Lübeck und Hamburg – sind über Notruf- und Informationssäulen erreichbar oder aber unter Telefonnummern, die auf den Infotafeln an den Bahnhöfen angegeben sind. Die Zentrale benachrichtigt dann das Personal im Zug, so dass das Gepäck am Zielort zu den Fundsachen kommt und vom Besitzer abgeholt werden kann.

 Weiterer Ansprechpartner in Notfallsituationen am Bahnhof ist die Bundespolizei. Die Beamten konnten etwa im vergangenen September einer Mutter helfen, deren dreijährige Tochter allein in einer Regionalbahn nach Hamburg festsaß. Die Frau hatte in Lübeck den Kinderwagen mit ihrem schlafenden Kind schon in den Wagen gebracht und war danach noch einmal kurz ausgestiegen. Der Zug fuhr ab, die Mutter blieb verzweifelt zurück. Die Polizei brachte sie im Streifenwagen bis zum nächsten Haltepunkt, wo sie ihre Tochter wieder in die Arme schließen konnte.

 Fälle, wie der in Neumünster, passieren immer wieder. Erst im vergangenen November fuhr in Stuttgart ein 39-Jähriger bei 160 Stundenkilometern auf dem Trittbrett mit – 21 Kilometer lang klammerte er sich an der Lok fest. Grund war ebenfalls ein Koffer im Zug. „Wir können nur eindringlich davor warnen“, sagt die Bahnsprecherin. Wäre der Mann bei dem Tempo vom Zug gefallen, hätte die leichtsinnige Aktion für ihn tödlich ausgehen können. Der 39-Jährige musste damals wegen einer „betriebsstörenden Handlung“ 150 Euro Strafe zahlen. „Wenn uns durch so eine Tat Kosten entstehen, dann behalten wir uns vor, Regressforderungen an den Täter zu stellen“, heißt es vonseiten der Bahn. Eine Statistik darüber, wie oft es in Deutschland solche Trittbrettfahrer gibt, führt der Konzern nach eigenen Angaben nicht.

 Die Motive für die lebensgefährlichen Fahrten sind unterschiedlich. Im April sprang ein 23-Jähriger im Kreis Stormarn auf eine Regionalbahn, weil er sich das Geld für ein Ticket sparen wollte. Aus Spardrang stieg erst vor zehn Tagen ein 20-Jähriger in Magdeburg auf eine Triebwagenkuppel, die zwei Wagen miteinander verband, und fuhr ein Stück auf dem Lokpuffer mit. Im Februar 2015 hängte sich ein 16-Jähriger im Bahnhof Tönning an den Zug, weil er die Abfahrt des Zuges verpasst hatte und nicht zu spät zur Berufsschule kommen wollte. Für manchen ist die Trittbrettfahrt ebenso wie der Sprung auf das Dach einer Bahn auch eine Mutprobe. Ob in alten Western, in Indiana-Jones-Filmen oder dem Bond-Streifen „Skyfall“ – in Hollywoodproduktionen springen Actionhelden regelmäßig auf das Dach von fahrenden Zügen und kämpfen dort auch noch gegen Bösewichte. Dass die Schauspieler die Szenen meist auf festem Boden spielen und nur durch technische Tricks auf das Zugdach landen, scheint vielen Nachahmern nicht bewusst zu sein. S-Bahn-Surfer klettern aus Lust an der Gefahr auf die Dächer von fahrenden Waggons. „Das ist lebensgefährlich. Die Hochspannungsleitungen sind mit bis zu 15000 Volt geladen“, sagt die Bahnsprecherin. Deutschlandweit verzeichnet die Bundespolizei fast monatlich einen solchen Bahnstromunfall, die meisten enden mit schwersten Verletzungen oder tödlich.

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Ein Artikel von
Anne Holbach
Wirtschaftsredaktion

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Trittbrettfahrt
Foto: Polizei Schleswig-Holstein

Um den Fahrpreis für ein Zugticket zu sparen, ist ein 23-Jähriger auf dem Trittbrett eines Regionalzuges mitgefahren. Mitreisende bemerkten in der Nacht zum Samstag zwischen Bad Oldesloe und Reinfeld (Kreis Storman) schockiert einen Mann, der außen am Zug hing, wie die Bundespolizei am Montag mitteilte.

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