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Freiheitsgefühle in der Frühlingssonne

Motorradsaison Freiheitsgefühle in der Frühlingssonne

Das Rastorfer Kreuz an der B76 kurz hinter Schwentinental ist schon längst kein Geheimtipp mehr. Bis zu 800 Motorradfahrer treffen sich hier in der Hauptsaison auf einen Kaffee und einen Schnack. Axel Schlichting (50) aus Löptin hat seine BMW R 1200 GS auf Vordermann gebracht und nun glänzt sie frisch geputzt in der Frühlingssonne.

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Von Null auf Hundert: Kaum kommen die ersten Sonnenstrahlen raus, muss Axel Dolenga vom Motorsport-Service jede Menge Motorräder für die Saison fit machen. Seine Tage enden oft erst tief in der Nacht.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. „Wir hatten gestern Abend schon unsere Wetter-App befragt. Endlich Sonnenschein. Der perfekte Tag, um die Motorradsaison zu eröffnen“, sagt er. „In diesem Jahr hatten wir den Bock noch gar nicht in Gang.“ Partnerin Tanja Schmidt (46) steht neben ihm und blinzelt in die Sonne. Für ihre Suzuki SV 650 kam das gute Wetter zu früh, sie steht noch aufgebockt in der Garage. Deshalb muss sie nun hinten auf der BMW mitfahren. Interessiert beobachten beide das bunte Treiben vor der Gaststätte Rasthuus an’t Krüz. „Natürlich guckt man, was die anderen so für hübsche Maschinen haben“, sagt Axel Schlichting lachend. „Jeder hat hier so seinen Spleen.“

Durststrecke im Winter

Wenig später sitzen die beiden auch schon wieder auf ihrem 110-PS-Bock mit Griffheizung. Weiter geht’s. Der Tag ist noch jung. Hinterm Tresen der Rastorfer Gaststätte arbeiten sich unterdessen der Tunesier Faycal Khedhri (49) und seine Frau Frauke (54) warm. Seit 16 Jahren verwöhnen sie die Gäste mit Holsteiner Küche. Durch die vielen Biker sind die beiden selbst auf den Geschmack gekommen. Vor fünf Jahren schafften sie sich eine BMW GS 650, eine Suzuki Entruder 1400 und eine Suzuki Bandit an. „Heute ist der Betrieb noch harmlos“, sagt Faycal Khedhri. „Der Haupttag ist hier immer Sonntag. Da grillen wir ab 11 Uhr draußen für die Motorradfahrer. Da müssen Sie mal kommen.“

Szenenwechsel: In einer kleinen Werkstatt in Kiel-Friedrichsort schuftet Axel Dolenga (50) zurzeit täglich bis tief in die Nacht. „Jetzt können wir endlich wieder Geld verdienen“, sagt der Inhaber vom Suzuki Motorsport-Service. „Im Winter haben wir immer eine ganz schöne Durststrecke zu überstehen.“ Rund zehn Maschinen machen er und seine drei Mitarbeiter am Tag wieder flott. Als Chef ist Axel Dolenga dann auch noch an den Feiertagen über Ostern am Schrauben. Vor drei Wochen war Axel Dolenga in Barcelona zur Probefahrt. „Ich bin bei 18 Grad gelandet. Überall auf den Straßen ziehen die Roller und Motorräder links und rechts vorbei. Das ist schon eine andere Welt“, sagt er verträumt. „Leider wohnen wir hier nicht so begnadet.“

Rund 20 000 Artikel

Lange Schlangen bilden sich auch in diesen Tagen bei den Motorradzubehör-Händlern. „Wir sind froh, dass endlich die Saison losgeht“, sagt Bernd Schönberg (54), Filialleiter von Louis in Kiel. „Sobald die Sonne scheint, lächeln auch die Kunden.“ Rund 20 000 verschiedene Artikel vom Kettenfett bis zur Sonnenbrille gibt es hier im Sortiment. Die neuesten Trends? „Wir werden stark von Skandinavien beeinflusst, wo Reflektionsmaterial sehr wichtig ist.“ Eingearbeitete Leuchtstreifen und Neonwesten sollen mehr Sicherheit bringen. „Dazu rollt gerade die Retrowelle“, sagt der Experte, der selbst eine BMW 800 GS fährt. „Glitzerhelme und Lederbekleidung auf antik getrimmt erinnern an Easy Rider.“ Dazu gebe es robuste Motorradjacken, die Wachsjacken nachempfunden sind, und Jeans mit Kevlar- oder Cordura-Fasern, die auch eine Schlitterpartie auf dem Asphalt überstehen.

Am Rastorfer Kreuz brummt es derweil immer noch. Dennis S. (41) aus Scharbeutz ist mit seinen Streetfighter-Freunden eingetrudelt. Seine sportliche Honda CBR 900 erinnert nicht mehr wirklich ans Original. „Ich hab’ alles abgerissen, was überflüssig ist“, sagt er lachend und führt seinen Einsitzer vor. „Das ist gerade das Besondere. Hier ist eigentlich keine Maschine wie die andere.“ Bis weit nach Mitternacht hat der Personal Trainer noch geschraubt, um seinen Bock für die ersten Sonnenstrahlen fit zu machen.

Am 17. April eröffnen die Streetfighter – Motorräder ohne Verkleidung – im Norden offiziell die Saison und dann geben die Biker am Rastorfer Kreuz ordentlich Gummi. Eine Hand an der Vorderradbremse, die andere reißt das Gas auf und schon radiert das Hinterrad eine Spur in den Asphalt. Dichte Rauchschwaden, viel Gestank und noch mehr Applaus sind sicher beim „Burnout“ der Biker. Doch an diesem Tag bleibt alles friedlich und relativ leise. Die Sonne ist für die Motorradfahrer Highlight genug.

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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