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Viel zu teures Märchen

Nahrungsergänzungsmittel Viel zu teures Märchen

In der Medizin und auf dem großen Feld der Gesundheit und Vorsorge gibt es nicht viele Bereiche, die sich so eindeutig klären lassen wie Nahrungsergänzungsmittel. Viele jedoch scheinen Nahrungsergänzungsmittel als Nahrungsersatzmittel oder sogar als Arzneimittel zu betrachten.

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Dipl.-Oecotroph. Gudrun Köster von der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein in Kiel (VZSH) empfiehlt: „Essen Sie bunt.“

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Schon der Begriff, in seine Einzelteile zerlegt, sagt klar, dass es sich bei diesen Mitteln lediglich um eine Ergänzung handelt. Sie können im Einzelfall sinnvoll sein – aber das Schwergewicht ist die Nahrung. Sie nehmen sie – ob als Pillen, Kapseln, Brausetabletten oder Mix-Getränke –, „weil Vitamine doch gesund sind“, „weil es ja nicht schaden kann“, weil „ich als älterer Mensch darauf angewiesen bin“, weil „ich Sport treibe, viel schwitze und einen erhöhten Bedarf habe“, weil „diese Fachleute von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung einem ja viel erzählen können“, weil „es viel praktischer ist, alles in einer Kapsel einmal am Tag einzunehmen als jeden Tag fünf Portionen Obst und Gemüse einzukaufen und die dann auch noch essen zu müssen“. 

Auch der zunehmende Wunsch nach „Optimierung“ spiele eine Rolle, bemerkt Prof. Dr. Dr. Andreas Hensel in seinem Vorwort zum Abschlussbericht „Zielgruppengerechte Risikokommunikation zum Thema Nahrungsergänzungsmittel“ des von ihm geleiteten Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). Zwei Zielgruppen habe das BfR identifiziert, „die aufgrund ihrer Gruppengröße, Verzehrshäufigkeit und Risikowahrnehmung für die künftige Risikokommunikation besonders relevant erscheinen“: die Gruppe „Sportliche Qualitätsesser“ und die Gruppe „Bewegliche Sünder“, beide eher sportlich orientierte Verwender von Nahrungsergänzungsmitteln ab 50 Jahren – die einen leben sehr diszipliniert, die anderen erlauben sich häufiger Ernährungssünden.

Und so kommt es, dass jährlich in Deutschland rund eine Milliarde Euro mit Nahrungsergänzungsmitteln umgesetzt wird – eine Summe, die Prof. Martin Schellhorn, Gesundheitsökonom an der Kieler Universität, nach Durchsicht von Nationaler Verzehrsstudie II und dem BfR-Abschlussbericht beziffern kann. Auch von zwei Milliarden Euro ist häufiger die Rede – niemand weiß es genau. In den Apotheken des Landes sind Nahrungsergänzungsmittel Nischenprodukte, wie Frank Jaschkowski, Apothekerkammer Schleswig-Holstein, bestätigt. Mancher Hersteller, zum Beispiel von Orthomol, sucht zwar die Wertigkeit seiner Nahrungsergänzungsmittel dadurch zu erhöhen, dass er sie apothekenexklusiv vertreibt. Apothekenpflichtig werden sie dadurch noch lange nicht, und ein Arzneimittel wird auf diese Tour auch nicht daraus.

Gudrun Köster, Referat Lebensmittel und Ernährung bei der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein in Kiel, ist eine Befürworterin der klaren Regeln bewusster Ernährung, die sich an den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) orientieren. Dazu gehören: ausreichend trinken, anderthalb bis zwei Liter am Tag; Zucker, Salz und Fette in Maßen verwenden; bei den Fetten hochwertige Öle wählen, zum Beispiel regionales Rapsöl, das ein gutes Fettsäuremuster hat; auf versteckte Fette achten und überhaupt sparsam sein mit allem, was eine hohe Energiedichte hat; beim Eiweiß nicht nur an tierische Produkte denken, sondern auch die pflanzlichen Eiweiße berücksichtigen: „Eine einfache Mahlzeit wie Pellkartoffeln mit Quark und Kräutern zum Beispiel hat eine hohe Eiweißwertigkeit durch die Kombination der Eiweiße aus der Kartoffel und aus dem Quark“, sagt Diplom-Ökotrophologin Köster. 

Und dann natürlich die fünf Portionen Obst und Gemüse täglich. Gemeint seien nicht fünf Kohlköpfe am Tag: „Eine Portion ist als eine Handvoll zu verstehen, das ist ein gutes Maß, weil es dem Menschen angepasst ist.“ Am besten teile man die fünf Portionen in „zweimal Obst und dreimal Gemüse“. Eine der fünf Portionen könne auch ein Obst- oder Gemüsedrink sein. Frische Kräuter, sobald verfügbar, oder auch solche aus der Tiefkühltruhe, ausreichend gute Getreideprodukte – und schon hat man die wichtigsten Bestandteile einer gesunden Ernährung zusammen. „Essen Sie bunt – lautet meine Empfehlung. Abwechslungsreich und vielfältig , dann ergibt sich auch eine Vielfalt der Nährstoffe. Haben Sie den Mut, alte Gemüsesorten auszuprobieren und regionale Produkte, je nach Saison.“ Über sekundäre Pflanzenstoffe wisse man noch längst nicht so viel wie über Vitamine. Nur so viel, dass das natürliche Zusammenspiel der Nährstoffe wichtig sei, und genau da setzt auch Kösters Kritik an den Nahrungsergänzungsmitteln an: „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Wenn ich einen Apfel esse, dann esse ich damit ein von der Natur gut eingerichtetes Zusammenspiel der Komponenten des Apfels. Warum soll ich diese Komposition denn zerlegen, um die aus Natürlichem gewonnenen oder synthetisierten Einzelteile in Pillenform einzunehmen? Ein solches Konstrukt kann niemals das leisten, was das Ganze im natürlichen Verbund, eben auch mit den sekundären Pflanzenstoffen, leisten kann.“

Gudrun Köster referiert seit Februar ihren neuen Vortrag über Nahrungsergänzungsmittel. Zurzeit ausschließlich vor Senioren, wie jüngst in Eutin oder demnächst – am 22. April – in der Seniorenwohnanlage Osterberg, auf Anregung des Seniorenbeirats Molfsee. Auch wenn jeder Verein oder Verband mit der Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale einen Termin vereinbaren kann (Kosten des Vortrags: 130 Euro inkl. Fahrtkosten / Tel. 0431-59099-181), entspricht das Auftaktpublikum der gesellschaftlichen Realität. Unterschiedlichen Studien zufolge nehmen 18 bis 50 Prozent der deutschen Bevölkerung Nahrungsergänzungsmittel, „bei den Älteren ist es fast jeder Zweite“, so Köster. Die beiden ersten Plätze der beliebtesten Substanzen nehmen dabei Vitamin C und Magnesium ein. Von Multivitamin-Präparaten rät Gudrun Köster ab. Allein schon deshalb, weil die darin enthaltenen fettlöslichen Vitamine A, D, E und K bei Überversorgung nicht ausgeschieden werden, anders als die wasserlöslichen. Wenn Raucher auf diese Weise zu viel Vitamin E nehmen, handeln sie sich ein zusätzliches erhöhtes Krebsrisiko ein. „Im natürlichen Verbund eingenommen, kann man sich dagegen nicht überversorgen“, erklärt Köster.

Ihr Fazit, und da weiß sie sich mit vielen Wissenschaftlern einig: Bei ausgewogener, gar bunter Ernährung, sind Nahrungsergänzungsmittel schlicht und ergreifend überflüssig. Und sie sind rechtlich keine Medikamente, egal, welchen gesundheitlichen Nutzen die Hersteller versprechen, sondern Lebensmittel. Darum müssen sie sich keiner behördlichen Zulassung unterziehen, weder Nutzen noch Risiken nachweisen. Sie dürfen aber auch nicht mit Heilversprechen beworben werden.

Dieses Verbot umgehen Hersteller viel zu oft. „Richtig Schluss machen mit Gelenkschmerzen“, verspricht eine Firma Dr. Hittich Gesundheits-Mittel mit Postfach in Düsseldorf und preist „die ernährungsmedizinische Sensation aus der Natur!“ mit nur 19,90 Euro pro Monat („+ 1 Monat gratis“) an. „Intelligenz der Natur“ sei das „Gesetz für die Dr. Hittich Gesundheits-Mittel seit über 20 Jahren“. Und Intelligenz bei der Umgehung anderer Gesetze: Die Firma sitzt in den Niederlanden und ist kaum zu belangen. 

„Im Jahr 2013 wurden im Landeslabor Schleswig-Holstein für Schleswig-Holstein und Hamburg im Rahmen der Norddeutschen Kooperation (NOKO) 87 als Nahrungsergänzungsmittel bezeichnete Proben untersucht“, teilt auf Nachfrage Nadejda Krutisch vom Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume des Landes Schleswig-Holstein mit. „Davon wurden 67 Proben beanstandet, was einer Beanstandungsquote von 77 % entspricht. Für das Jahr 2015 ist noch kein Jahresabschluss erfolgt, daher können zum derzeitigen Zeitpunkt keine konkreten Zahlen vorgelegt werden, dementsprechend auch keine Beanstandungsquote.“ Die meisten Beanstandungen bezögen sich auf die unzulässige Verwendung gesundheitsbezogener Angaben, Werbeaussagen, insbesondere irreführender Aussagen, sowie Kennzeichnungsmängel, die eher allgemeiner Natur gewesen seien. Beanstandungen aufgrund von tatsächlich gesundheitsgefährdenden oder potentiell schädlichen Inhaltsstoffen seien „eher in Einzelfällen“ vorgekommen. „Bei den Nahrungsergänzungsmitteln bestehen vor allem zwei problematische Bereiche: die Regelung der Inhaltsstoffe und die Regelungen für die Kennzeichnung, insbesondere für die gesundheitsbezogenen Angaben, den sogenannten Health Claims.“ Beurteilungsgrundlage für die Nahrungsergänzungsmittel hinsichtlich ihrer Inhaltsstoffe sei die Nahrungsergänzungsmittelverordnung (NemV). „In dieser Verordnung sind nur die zulässigen Vitamine und Mineralstoffe sowie deren Verbindungen, allerdings ohne Mindest- und Höchstmengen, genannt. Die weiteren in Nahrungsergänzungsmitteln eingesetzten Stoffe sind bis zum heutigen Zeitpunkt nicht geregelt. Daraus ergeben sich sowohl hinsichtlich der eingesetzten Vitamin- und Mineralstoffgehalte als auch der Verwendung weiterer Stoffe, wie zum Beispiel Sildenalfil, Sibutramin oder den sogenannten Botanicals Fragen bezüglich der Zulässigkeit. Dies ist im jeweiligen Einzelfall zu prüfen.“ Für die zulässigen gesundheitsbezogenen Angaben gelte das „Verbotsprinzip mit Erlaubnisvorbehalt“: „Das heißt, gesundheitsbezogene Angaben sind bei Lebensmitteln grundsätzlich verboten, es sei denn, sie sind explizit erlaubt. Seit Ende 2012 existiert eine Liste der Europäischen Kommission, die erlaubte Aussagen zu den einzelnen Inhaltsstoffen und die Bedingungen zu der Anwendung der Aussagen enthält. Die Aussagen sind in ihrem Wortlaut festgelegt, sinngemäße Änderungen sind aber gestattet. Dies ist ein Punkt, bei dem es zu Beanstandungen kommt, da manche Nahrungsergänzungsmittelhersteller diesen engen Spielraum nicht einhalten.“ Da Nahrungsergänzungsmittel häufig über das Internet vertrieben würden, habe die Errichtung einer Zentralstelle zur Kontrolle der im Internet gehandelten Lebensmittel, Bedarfsgegenstände, Kosmetika, Futtermittel und Tabakerzeugnisse (Bezeichnung: G@ZIELT) die amtliche Überwachung gestärkt. „Über die Zentralstelle erfolgt ein intensiver Austausch der Bundesländer über Beanstandungen auch von Nahrungsergänzungsmitteln, Verstöße können auf diesem Wege gezielter verfolgt werden“, so das Kieler Ministerium.

Die Verbraucherzentrale hält eine Vielfalt von kostenlosen Flyern zum Thema bereit: „Appetit auf Pillen? – Nutzen und Risiken von Nahrungsergänzungsmitteln“, „Lebensmittel mit Gesundheitsversprechen – Werbeaussagen richtig deuten und verstehen“, „Das Geschäft mit der Gesundheit – Verkauf von Nahrungsergänzungsmitteln über Internet und Katalog, auf Kaffeefahrten oder beim Arzt“, „ Laktosefrei, Glutenfrei – auch eine Werbestrategie“ , „Gezielt reklamieren – Ihr Recht auf einwandfreie Lebensmittel“, „Klimaschutz schmeckt – Tipps zum klimagesunden Essen und Einkaufen“

Kösters Kollegin Selvihan Koc thematisiert in ihren Vorträgen vegane und vegetarische Ernährung. Außerdem begleitet sie die Pestalozzischule in Neumünster auf ihrem Weg zur „Verbraucherschule“, der mit der Auftaktveranstaltung am 22. März offiziell eingeleitet wird. Hintergrund ist, dass Schleswig-Holstein als erstes der 16 Bundesländer bereits 2009/10 das Fach Verbraucherbildung an diversen Schularten eingeführt hatte. Es umfasst Medien- und Finanzkompetenz, Nachhaltigkeit, Ernährung und Gesundheit.

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Ein Artikel von
Christian Trutschel
Lokalredaktion Kiel/SH

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