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Ein empfindlicher Schatz

Nationalpark Wattenmeer Ein empfindlicher Schatz

Vor 30 Jahren an der Nordsee: dicker weiße Schaum am Strand, Teer unter den Füßen und in der Luft immer mal wieder Jagdbomber. Dann wurde das Wattenmeer zum Nationalpark – dem größten zwischen dem Nordkap und Sizilien.

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Der Leuchtturm Westerhever aus dem Jahr 1906 gehört wie Seehunde und Austernfischer zu den beliebtesten Fotomotiven im Nationalpark. Das Wattenmeer ist ein Touristenmagnet. 17 Millionen Tagesgäste besuchen pro Jahr die Region. Jeder sechste Gast kommt heute vor allem wegen des Nationalparks.

Quelle: Frank Peter

Husum. Und heute? Es war ein Wettlauf zweier Ministerpräsidenten, und der Schleswig-Holsteiner Uwe Barschel wollte ihn unbedingt gegen Karl Albrecht in Niedersachsen gewinnen. Beide hatten in der 80er Jahren den Wert des Wattenmeeres vor allem für den Tourismus erkannt. Ein Dornröschen, das sie aus dem Schlaf wecken wollten. Barschel hat gewonnen. Dank seines Landwirtschaftsministers Günter Flessner, der bei den Bauern und Fischern unermüdlich dafür warb, und dank Peter Uwe Conrad, der die Umweltabteilung im Ministerium aufbaute und die Argumente pro Nationalpark lieferte. So konnte am 1. Oktober 1985 das Nationalparkgesetz in Kraft treten. Ein Meilenstein im Umweltschutz.

 Denn kein Naturgebiet in Deutschland ist ökologisch so bedeutsam. Nirgendwo sonst auf der Welt haben Ebbe und Flut eine so vielfältige Landschaft geschaffen. Doch das Wattenmeer ist ein empfindlicher Schatz und deshalb besonders schutzbedürftig. Schleswig-Holstein wurde darin zum Vorreiter. Niedersachsen, die Niederlande, Hamburg und Dänemark zogen nach.

 „Es war ein steiniger Weg bis zum Nationalpark und bei der Novellierung des Gesetzes 1999”, sagt der Leiter der Nationalparkverwaltung Detlef Hansen. Man könnte auch sagen: Es tobte 1985 und dann noch einmal 1999 ein verbitterter Kampf zwischen den Bewohnern und den Naturschützern – mit tumultartigen Protesten, tätlichen Angriffen, Verbrennungen von Strohpuppen, sogar Morddrohungen. Küstenfischer, Reeder, Muschelfarmer, Landwirte, Wassersportler und auch Touristiker fürchteten um ihre traditionellen Erwerbszweige. Naturschützer wiederum sahen das Wattenmeer mit seiner großen Artenvielfalt in der Existenz bedroht. Hat sich der Kampf gelohnt? Ein Besuch im Watt bei Westerhever.

Berauschendes Panorama

 Der große Platz binnendeichs ist voll geparkt mit Fahrzeugen: Sie kommen aus der gesamten Republik, aber auch aus Österreich, Italien, Dänemark und der Schweiz. Das Wattenmeer ist ein Touristenmagnet. Jeder 6. Gast kommt heute vor allem wegen des Nationalparks. Oben auf dem Deich öffnet sich ein berauschendes Panorama, ein Gemälde aus Wolken, Wasser, Sänden, Strand und Salzwiesen. Die Luft duftig würzig und schmeckt salzig. Und in Richtung Süden steht er, der Leuchtturm von Westerhever, mit seinen zwei baugleichen Häusern ein Markenzeichen des Nationalparks. Auch die Besucher, die an diesem Tag zu Fuß, mit Rad oder Bollerwagen unterwegs sind, halten immer wieder an, um Fotos zu machen.

 Die Vögel auf den Salzwiesen suchen derweil völlig unbeeindruckt von den Menschen ihre Nahrung: Wiesenpieper, Austernfischer, Hänflinge und auch noch einige Ringelgänse. „Das ist der Nationalpark-Effekt”, sagt Rainer Schulz, Biologe und Leiter der Schutzstation Wattenmeer in Westerhever. Vor 30 Jahren war das anders, da durften Wasservögel noch gejagt werden und sind vor Menschen sofort geflüchtet. Doch durch Verbote und etliche freiwillige Vereinbarungen wurde 1989 die Jagd eingestellt, 1992 der Schießplatz der Bundeswehr auf Sylt aufgegeben. Heute fliegen keine Jagdbomber mehr über den Nationalpark und Waffenerprobungen gibt es maximal noch ein-, zweimal im Jahr. Fischerei, Schiffsverkehr und Wassersport wurden kanalisiert, eine nutzungsfreie Zone eingerichtet. Der Erfolg: Es gibt dort wieder Schweinswale, deutlich mehr Kegelrobben, mehr als 9000 Seehunde und sogar wieder Seeadler.

 Aber nicht immer fallen die Erfolge so ins Auge. Auf dem Weg zum Wasser passieren wir ein Stück eingezäunte Salzwiese. Eine Hansen-Fläche. Benannt nach Detlef Hansen. Der 60-Jährige hat als junger Mann für seine Doktorarbeit über Salzwiesen 90 solcher Zimmergroßen Flächen zwischen Dänemark und Elbe eingezäunt, der Natur überlassen und die Veränderungen genau erfasst. „Damals wurden alle Salzwiesen mit Schafen bewirtschaftet und künstlich entwässert. Das sah hier aus wie Golfrasen“, sagt Hansen. Mit seiner Forschungsarbeit konnte er nachweisen, dass sich auf naturbelassenen Salzwiesen viele Gräser, Kräuter und Pflanzen ansiedeln, die Insekten und Vögel anlocken und vor allem besser Sedimente anlagern. Großflächige, unbeweidete Salzwiesen sind wie ein Puffer – sie bremsen die Wucht der auflaufenden Wellen. Dadurch profitiert auch der Küstenschutz und damit der Mensch. Heute bleibt deshalb die Hälfte der 12000 Salzwiesen sich selbst überlassen.

Schöpfung statt Wertschöpfung

 „In dem Nationalpark geht es primär um Schöpfung, nicht um Wertschöpfung. Aber der Nationalpark hat bewiesen, dass auch die Wirtschaft profitieren kann, wenn sich alle an bestimmte Regeln halten“, sagt Hansen. Aber: Auch nach 30 Jahren wird weiter um Kompromisse gerungen. Denn den Umweltschützern geht der Schutz noch nicht weit genug. Schließlich werde noch immer Öl auf der Plattform Mittelplate gefördert. Auch für Detlef Hansen ist das „der schwarze Fleck auf der weißen Weste des Nationalparks“. Kritik kommt aber auch immer noch von den Fischern. „Der Nationalpark ist ein Eingriff in die Fischerei, viele haben wie ich aufgegeben“, sagt ein Renter, der nicht genannt werden will. Denn: „Der Wind hat sich gedreht. Viele, die erst gegen den Nationalpark waren, verdienen ja heute an ihm.“

 Tatsächlich ist der zum Wirtschaftsfaktor geworden. Allein der Tourismus bringt eine jährliche Wertschöpfung von 89 Millionen Euro. Das macht 4700 Arbeitsplätze. Bei Umfragen bewerten inzwischen 90 Prozent der Einheimischen den Schutzstatus positiv. 45 Prozent sind sogar stolz darauf. „Der Nationalpark ist das Beste, was den Menschen hier passieren konnte“, sagt Hansen. Dieser Erfolg sei auch den Nationalpark-Kuratorien, den vielen Ehrenamtlern und den 15 hauptamtlichen Nationalpark-Rangern zu verdanken. „Unsere größte Belohnung war, dass die Unesco den Nationalpark zum Weltnaturerbe ernannt hat. Mehr geht nicht fürs Meer“, sagt Hansen, während wir durchs Watt laufen. Ohne weißen Schaum, ohne Lärm und ohne Teer unter den Füßen.

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Nationalpark Wattenmeer
Foto: Leiter Rainer Schulz (2.v.l.) betreut mit den Freiwilligen Lena Grabherr (li), Elias Aksamski und Linh Che Nguyen die Schutzstation Wattenmeer in Westerhever.

Eng ist es in dem weißen Häuschen, das sich neben dem Leuchtturm von Westerhever duckt. Es beherbergt die kleinste von 30 Info-Einrichtungen im Nationalpark, und nirgendwo ist die Besucherdichte so hoch wie hier.

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