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Eine Münchnerin und ihr Halligleben

Neubeginn im Wattenmeer Eine Münchnerin und ihr Halligleben

Glitzerndes Watt, blühende Wiesen, milde Brise: Was Touristen am Halligsommer lieben, ist nur ein Teil des Lebens auf den Nordsee-Eilanden. Wie es wirklich ist, weiß Katja Just, die als junge Frau aus München nach Hooge zog und den Neuanfang wagte.

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Die Halligbewohnerin Katja Just zog als junge Frau aus München nach Hooge und wagte den Neuanfang.

Quelle: Daniel Bockwoldt/dpa

Hooge. Die alte Reetdachkate duckt sich tief hinter dem Wall der Ockenswarft, als wollte sie sich gegen die Unbilden des Wetters schützen. Besonders der Ostwind hat es in sich, weiß Katja Just, die seit gut 16 Jahren im Haus am Landsende auf Hallig Hooge lebt. Dann pfeift es durch alle Ritzen.

Just kam als 25-Jährige allein aus München, um auf Hooge ein neues Leben zu beginnen und zwei Ferienwohnungen in dem Haus zu vermieten. Ihre Erlebnisse, Erfahrungen und Gefühle hat sie jetzt in einem Buch („Barfuß auf dem Sommerdeich“) zusammengefasst. „Ich habe vieles losgelassen mit dem Verlassen meiner Heimat und dem Einzug auf Hooge. Aber wirklich verloren habe ich nichts.“

Umzug auf Hallig Hooge ein Wagnis

Die 42-Jährige berichtet offen von dem Wagnis, mit einem so kleinen Unternehmen wirtschaftlich zu bestehen, von Zukunftsängsten, vom Gedanken ans Aufgeben und von den Schwierigkeiten, sich in die Halliggemeinschaft von gerade einmal gut 100 Menschen einzufügen. Auf der Habenseite stehen berührende menschliche Begegnungen, Freundschaften, eine geradezu elementare Beziehung zur Natur und das Ankommen bei sich selbst.

„Entweder man liebt die Hallig oder man liebt sie nicht“, schreibt Just. „Man kann hier nicht leben, wenn man dieses Eiland nicht erträgt, wenn man das Leben auf einer Hallig nicht aushält und keinen Blick für die Einzigartigkeit dieses Lebensraumes hat.“ Ein Grund sei das Fehlen fast aller Zivilisationsgeräusche. „Auf Hooge kann man die Stille hören. Aber Stille aushalten kann nicht jeder.“

Kate zu Ferienwohnungen ausgebaut

Just hatte ihre ersten Halligerfahrungen bereits als Kind in den Ferien gemacht. Irgendwann kauften ihre Mutter und ihr Stiefvater die Kate auf der abgelegenen Ockenswarft und bauten die Ferienwohnungen aus. Der Plan der jungen Frau: Mit ihrem damaligen Freund nach Hooge ziehen, eine Familie gründen und mitten im nordfriesischen Wattenmeer glücklich leben und arbeiten. Doch ihr Freund bekam kalte Füße, Katja Just ging allein und biss sich durch.

Eine Hallig hat mit einem normalen Dorf nicht viel zu tun. Trotz der Entfernung zwischen den Warften hat jeder jeden im Blick, man ist selten unbeobachtet. „Wir hocken zwar eng aufeinander und sehen alles, aber das heißt noch lange nicht, dass wir Nähe zulassen - eher im Gegenteil“, weiß Just.

Bewohner sind rau wie das Klima

Eine schwierige Situation sei das, die Neuankömmlingen das Leben schwer macht, sagt auch Bürgermeister Matthias Piepgras. „Etwas, das überhaupt nicht so prickelnd ist, ist, dass die Menschen so rau sind wie das Klima. Das ist nicht so einfach.“ So seien die Halligmenschen: „Die wissen hier alles von allem und kommentieren auch alles.“

Der 62 Jahre alte Bürgermeister kämpft dafür, der Hallig eine Zukunft zu sichern. Der Tourismus mit 45 000 Übernachtungen im Jahr und 90 000 Tagesgästen, Viehhaltung und einige Arbeitsplätze bei der Gemeinde sind das wirtschaftliche Rückgrat. In den vergangenen Jahren sei es gelungen, neue Einwohner anzulocken, 15 Leute in drei Jahren immerhin. Entscheidend sei, dass es genug Wohnraum gibt.

Neue Wohnungen auf der Hanswarft

Jetzt soll auf der größten Warft, der Hanswarft, ein neues Gebäude mit Halligladen, Krankenstation, Treffpunkt und drei Wohnungen entstehen. Dann verfüge die Gemeinde über 18 eigene Wohnungen. „Wir wollen den demografischen Wandel gestalten“, sagt Piepgras.

Katja Just hätte fast aufgegeben, weil sie nicht sicher war, ob ihr Miniunternehmen sie auf Dauer ernähren kann, von Altersvorsorge gar nicht zu reden. „Da war sehr viel Angst und Unsicherheit dabei.“ Krankheiten oder eine Phase schwächerer Auslastungen kann sie sich nicht erlauben. Im Jahr 2015 stand sie kurz davor hinzuwerfen.

"Ich möchte hier bleiben"

„Ich musste entscheiden, ob ich von Hooge weggehe und einen Job annehme, oder ob ich sage, ich entscheide mich trotzdem für Hooge und lebe von heute auf morgen.“ Schließlich fiel die Entscheidung für die Hallig: „Ich möchte hier bleiben. Ich habe mir damit Druck genommen. Damit lebt es sich gut“, sagt sie. Auch wenn sie wisse, dass es in gewisser Weise kurzsichtig und naiv ist.

Erstmals seit langem plant die 42-Jährige sogar wieder einen Urlaub. Dann kommt eine gute Freundin ins Haus und sorgt für die Gäste.

Von dpa

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