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10000 und den eigenen Vater retten

Erste Hilfe 10000 und den eigenen Vater retten

In Deutschland sterben pro Jahr 100.000 Menschen unerwartet an Herz- und Kreislaufstillstand – 70 Prozent trifft es zu Hause. Doch was tut man in so einer Situation? Im Notfall hilft der Griff zum Telefon. Denn mit den neuen „internationalen Leitlinien zur Wiederbelebung“ sollen die Überlebenschancen erhöht werden.

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Die Erste-Hilfe-Kenntnisse regelmäßig aufzufrischen ist wichtig, damit im Notfall alle Handgriffe sitzen. Fühlt man sich trotzdem hilflos, können die Experten der Rettungsleitstelle am Telefon durch die Schritte der Wiederbelebung führen.

Quelle: Frank Schemmann/Johanniter

Kiel. Die Familie sitzt beim Abendbrot. Alle sind gesund und munter, als plötzlich der Vater vom Stuhl rutscht, auf den Boden fällt und regungslos daliegt. Eine lebensgefährliche Situation, wie sie täglich vorkommen kann. In Deutschland sterben immerhin pro Jahr 100.000 Menschen unerwartet an Herz- und Kreislaufstillstand – 70 Prozent trifft es zu Hause. Doch was tut man jetzt? Im besten Fall ruft einer sofort die Notrufnummer 112 an. Und von nun an könnten selbst völlig ahnungslose Familienmitglieder sofort das Leben des Vaters retten. Dank der neuen „internationalen Leitlinien zur Wiederbelebung“.

 Was zu tun ist, sagt den hilflosen Angehörigen jetzt der Gesprächspartner in der Leitstelle. Telefonreanimation nennt sich das: „Legen Sie den Vater auf den Rücken, legen Sie Ihre Hände übereinander auf das Brustbein und drücken Sie fest zu. In diesem Rhythmus: eins, zwei, drei, vier, fünf ...“. Nur nicht zögerlich sein. „Ein leichtes Drücken bringt in diesem Fall nicht viel“, rät Jan-Thorsten Gräsner, Direktor des Instituts für Rettungs- und Notfallmedizin am UKSH. „Einfach Mitte Brustbein draufdrücken, volle Kraft voraus.“ Laien drücken so stark es geht. Profis fünf Zentimeter tief. Die präzise Drucktiefe ist zum Beispiel eine Neuerung bei der Wiederbelebung. Auch die Telefonreanimation.

 Aber die wird in Kiel schon seit einiger Zeit umgesetzt. Dennoch sei noch längst nicht alles gut. „Im Vergleich zu Skandinavien stehen wir schlecht da“, zitiert Gränser eine Studie, nach der die Bundesrepublik im internationalen Vergleich das Schlusslicht bei der Laienreanimation bildet: „In Deutschland reanimieren nur etwa 30 Prozent der Leute, während es in Skandinavien im Schnitt 80 Prozent sind.“ Was in Europas Norden besser läuft? Zum Beispiel die Reanimationskurse an Schulen, die dort im Biologie- und Sportunterricht ab der siebten Klasse je in einer Stunde pro Jahr bis zum Schulabschluss gegeben werden.

 Auch in Schleswig-Holstein werde zusammen mit dem Bildungsministerium an einem Konzept „Train the Trainer“ für die Schulen gearbeitet. „Im Schuljahr 2016/17 soll es losgehen“, kündigt Gräsner schon jetzt an. „Ist auch kinderleicht. Man kann nichts verkehrt machen, denn der Patient wird sicher sterben, wenn man nichts macht“, versichert der Mediziner, und er warnt: „Es kann tatsächlich jeden treffen, vom Kind bis zum Senior.“

 Von den 100000 Herz- und Kreislaufstillständen pro Jahr würden bisher 75000 pro Jahr reanimiert und davon leben nach einem Jahr noch 5000. „Wir glauben, dass sich die Zahl verdoppeln oder sogar verdreifachen lässt. Dann hätten wir 10000 zusätzliche Leben gerettet“, sagt Gräsners. Es ist das Ziel, das er mit 50 anderen Notfallexperten im vergangenen Jahr formuliert hatte. Eine Maßnahme sei neben der Mobilisierung der Laien die Optimierung des Rettungsdienstes und der Leistungen in den Krankenhäusern. Daran arbeitet er. Jüngst wurden unter seiner Regie 400 Fachkräfte in der Kieler Uniklinik fortgebildet.

 Und wie sieht es mit dem Vater am heimischen Abendbrottisch aus? Die Familienmitglieder müssen kräftig weiter reanimieren. 100 Mal fest drücken pro Minute. Das kostet Schweiß. Erst nach acht Minuten kommt im Schnitt der Rettungsdienst. Außerhalb der Stadt dauert es mitunter auch noch länger. Aber dafür stehen die Chancen jetzt besser, dass der Vater zu den Tausenden gehört, die zusätzlich gerettet werden.

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