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Niedriger Milchpreis: Bauern in der Krise

Protest Niedriger Milchpreis: Bauern in der Krise

Die Preise für Milch fahren Achterbahn, wieder einmal. Seit einem Jahr geht es für die schleswig-holsteinischen Milchbauern aber nur noch in eine Richtung: abwärts. Etwa 27 Cent bekommen die Landwirte für ein Kilo Milch ausgezahlt, zwölf Monate zuvor waren es rund zehn Cent mehr.

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Etwa 390000 Milchkühe gibt es in Schleswig-Holstein. Landwirte, die sich ausschließlich auf den Verkauf von Milch fokussiert haben, können derzeit nicht kostendeckend arbeiten: Sie bekommen mit etwa 27 Cent pro Kilogramm Milch zehn Cent weniger als noch vor einem Jahr.

Quelle: Michael Kaniecki

Kiel. Die Abwärtsspirale bringt viele Höfe in Existenznot – besonders die, die in den guten Jahren 2011 bis 2013 in moderne Ställe investiert oder nur auf Milchwirtschaft gesetzt haben.

 „Uns sind die Absatzmärkte weggebrochen“, sagt Michael Müller-Ruchholtz. Der stellvertretende Generalsekretär des schleswig-holsteinischen Bauernverbandes rechnet vor: Ein Milchbauer mit 75 Kühen und einer Jahresproduktion von 600000 Kilogramm Milch muss durch den russischen Importstopp einen Verlust von bis zu 24000 Euro verbuchen, zudem sind Märkte wie China, der Mittlere Osten oder auch Nordafrika weggebrochen. „Große Lebensmittelketten nutzen die Situation aus und grätschen brutal in den Markt rein“, sagt Müller-Ruchholtz.

 Discounter wie Lidl oder Aldi, aber auch Vollsortimenter wie Edeka und Globus drücken aufgrund des nun entstandenen Überangebotes an Milch in den Verhandlungen mit den Molkereien den Preis – ein Liter Milch kostet in den Supermärkten derzeit ab 55 Cent. „Mit der seit April weggefallenen Milchquoten-Regelung hat das aber nichts zu tun, die Milchmenge ist seitdem nicht gestiegen“, sagt der Verbandsvertreter und nennt Zahlen: In diesem Jahr sei in Deutschland etwa ein Prozent weniger als noch 2014 gemolken worden. Die Bauern dürften deshalb jetzt von der Politik „nicht im Regen stehen gelassen werden“.

 Der Bauernverband fordert, die bis Ende März von der EU erhobene Strafabgabe („Superabgabe“) für erhöhte Milchproduktion, die sich derzeit für die deutschen Landwirte nach Rechnung des Hauptzollamtes auf etwa 309 Millionen Euro summiert, für Export-Marketingmaßnahmen zu verwenden. „Wir brauchen dringend neue Absatzmärkte, deshalb muss zum Beispiel in Büros und Personal in Ländern investiert werden, wo wir unsere Milch künftig exportieren könnten“, sagt Müller-Ruchholtz.

 Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) in Schleswig-Holstein lehnt solche Vorschläge ab: „Wir brauchen vielmehr ein abgestimmtes Vorgehen, um die zu hohe Milchmenge insgesamt zu drosseln und an die Nachfrage anzupassen“, sagt AbL-Sprecherin Berit Thomsen. Viele Milcherzeuger versuchten laut AbL derzeit nämlich, wegen der fallenden Auszahlungspreise der Molkereien die Verluste durch mehr Menge auszugleichen. Die Superabgabe solle nach Ansicht der Arbeitsgemeinschaft deshalb dafür eingesetzt werden, für Betriebe einen befristeten Anreiz zu setzen, die Milcherzeugung um „einige Prozent“ zu reduzieren, fordert Thomsen. Erforderlich sei ebenfalls eine Qualitätsoffensive, um Milchviehbetriebe aktiv bei der Erzeugung besonderer Qualitätsmilch durch Weidehaltung, gentechnikfreier Fütterung und Langlebigkeit gesunder Kühe zu unterstützen. „Nur so können langfristig wirtschaftliche Perspektiven entstehen“, sagt die AbL-Sprecherin.

 Weil die Bauern im Norden in vielen weiteren Produktionszweigen mit einer anhaltenden Preiskrise zu kämpfen haben – auch die Schweinemäster leiden beispielsweise deutlich unter dem Russland-Embargo und einem drastischen Preisverfall – wollen sie am Freitag um 10 Uhr in Hohenwestedt mit Aktionen und Schleppern in der Straße „Am Markt“ vor dem Rathaus auf ihre Sorgen aufmerksam machen.

„Jetzt sind wir doch nur noch die Restgeldempfänger“

Etwa 100 Milchbauern aus Schleswig-Holstein demonstrierten am Mittwoch vor der Geschäftsstelle des Genossenschaftsverbandes in Rendsburg. Ihr Credo: Um weiter sinkende Milchpreise und drohende Insolvenzen zu verhindern, müsse das Angebot der Nachfrage angepasst werden.

Eingeladen hatte zur kurzfristig angesetzten Kundgebung der Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM), dem in Schleswig-Holstein etwa 500 Landwirte angehören und der sich als Gegenentwurf zum Bauernverband versteht. „Es kann nicht sein, dass immer weiter in den Ausbau von Kuhställen investiert wird, ein Schuldenberg aufgehäuft und das Tierwohl vernachlässigt wird“, sagte BDM-Landesvorsitzende Kirsten Wosnitza. Die Hoffnung auf eine künftig wieder anziehende Nachfrage nach Milch sei zudem der falsche Weg: „Die Milchmenge muss der Nachfrage angepasst werden. Das geht aber nicht von alleine.“ Der Genossenschaftsverband müsse dies unterstützen und gemeinsam überlegen, wie künftig Kriseninstrumente installiert werden könnten, um den Milchpreis stabil halten zu können.

Genossenschaftssprecher Joachim Prahst lud eine Abordnung der Landwirte ein, im September über offene Fragen zu diskutieren: „Vielleicht lassen sich dann Wissensdefizite auf beiden Seiten ausräumen.“ Der Genossenschaftsverband beobachte die Entwicklung auf dem Milchmarkt ebenfalls mit Sorge und habe sich bereits gemeinsam mit dem Bauernverband und der Milcherzeugervereinigung Schleswig-Holstein an Landwirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) gewandt, damit Landwirte bei Preisschwankungen politisch effektiver unterstützt werden können.

Kirsten Wosnitza, selber Milchbäuerin aus dem nordfriesischen Löwenstedt, hatte den Ort der Kundgebung bewusst ausgewählt. „Wir stehen nicht vor einem Discounter wie Aldi, weil da nur der Systemfehler, nicht aber die Ursache der Krise zu suchen ist. Wir stehen vor der Genossenschaft, in der wir selber Mitglied sind, um endlich gemeinsam für eine wirtschaftliche und nachhaltige Milchviehhaltung zu kämpfen.“ Ein Landwirt brachte es am Rande der Demonstration auf den Punkt: „Wir wollen die Macht über unsere Milch zurück. Jetzt sind wir doch nur noch die Restgeldempfänger.“

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Ein Artikel von
Jan von Schmidt-Phiseldeck
Wirtschaftsredaktion

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Die Preise für Milch fahren Achterbahn, wieder einmal. Seit einem Jahr geht es für die schleswig-holsteinischen Milchbauern aber nur noch in eine Richtung: abwärts. Etwa 27 Cent bekommen die Landwirte für ein Kilo Milch ausgezahlt, zwölf Monate zuvor waren es rund zehn Cent mehr.

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