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Erdogans Wahlkampf spaltet türkische Gemeinde

Norden Erdogans Wahlkampf spaltet türkische Gemeinde

Das hart umkämpfte Referendum in der Türkei, mit dessen Hilfe Staatschef Recep Tayyip Erdogan ein Präsidialsystem einführen will, belastet die türkische Gemeinde im Norden.

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Wahlurnen in Hannover: Auch in Schleswig-Holstein lebende Türken können an der Abstimmung teilnehmen.

Quelle: Holger Hollemann

Kiel. Der Wahlkampf „stört sowohl das Verhältnis untereinander als auch das zwischen Türken und Deutschen“, bestätigte Cebel Kücükkaraca, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Schleswig-Holstein. Gut 28000 Türken leben im Land. Die Abstimmung am 16. April sei „überall Thema“. Und doch möchten sich nur wenige öffentlich dazu äußern. Nach Recherchen unserer Zeitung haben viele Angst vor Anfeindungen oder sorgen sich um die Sicherheit ihrer Angehörigen in der Türkei.

 Nach Ansicht der türkischstämmigen Vize-Vorsitzenden der SPD-Landtagsfraktion, Serpil Midyatli, hat der Wahlkampf bereits zu Rissen geführt: „Die türkische Community ist gespalten“, sagte sie. Einerseits träten türkische Minister vor euphorischen Anhängern auf. Andererseits könnten Wahlkämpfer mitunter nicht einmal bei Landsleuten einen Raum mieten. Die Kieler Ratsfrau Özlem Ünsal (SPD) warnte vor Schwarz-Weiß-Denken. Die Meinungsvielfalt unter den Türken sei groß, es gebe keinen einheitlichen Block.

„Eine Unverschämtheit“

 Sowohl Kücükkaraca als auch Midyatli sprachen sich dagegen aus, Auftritte türkischer Minister pauschal zu verbieten. „Deutschland ist ein demokratisches Land“, sagte Kücükkaraca. Kritik aus der Türkei an Deutschland könne er nicht nachvollziehen. Vergleiche türkischer Politiker, die nach ersten Absagen Deutschland in die Nähe des Dritten Reiches gerückt hatten, nannte er „ungeheuerlich“. Für Midyatli sind sie „eine Unverschämtheit“.

 Kanzlerin Angela Merkel wies die Nazi-Vergleiche am Donnerstag in ihrer Regierungserklärung als „unzumutbar“ zurück. Zugleich betonte die Regierungschefin, dass es nicht das außen- und geopolitische Interesse Deutschlands sein könne, sich von der Türkei zu entfernen.

 Mit Blick auf die Frage nach Wahlkampfauftritten ist die Haltung der Bundesbürger einhellig: Laut ARD-„Deutschlandtrend“ sagten 91 Prozent der Befragten, sie fänden es nicht gut, wenn türkische Politiker dafür nach Deutschland kämen. 19 Prozent meinten darüber hinaus, die deutsche Politik sollte solche Auftritte zulassen. Der Religionssoziologe Detlef Pollack rief zu einem sensiblen Umgang mit den 2,9 Millionen Türkischstämmigen hierzulande auf. „Je mehr Wahlkampfveranstaltungen für Erdogans Politik abgesagt werden, desto mehr treibt man viele noch unentschiedene Deutschtürken in seine Arme“, warnte der Wissenschaftler der Universität Münster.

 Von Robert Michalla und Martin Geist

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Ein Artikel von
KN-online (Kieler Nachrichten)

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Kommentar

Sie sind in Gedanken bei ihrer Familie in der Türkei, sie bangen um ihre Freunde in der Heimat: Der Streit um das Für und Wider eines Präsidialsystems in dem Land am Bosporus hat einen gefährlichen Punkt erreicht. Die Folgen sind auch im Norden spürbar.

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