25 ° / 17 ° Gewitter

Navigation:
Weltoffenheit auf dem Dorf

Nordkirchen-Serie Weltoffenheit auf dem Dorf

In Fahrdorf leiden die Menschen keine materielle Not. Hier, an der südlichen Schlei mit Blick auf den Schleswiger Dom, stehen gepflegte Einfamilienhäuser und Villen. Und die dort sitzende Kirchengemeinde Haddeby hat sich schon früh in der Flüchtlingsarbeit engagiert.

Voriger Artikel
Albig gratuliert zu fünf Jahre FriiskFunk
Nächster Artikel
Auto durchbricht Mittelleitplanke

Acht Dörfer, eine Gemeinde, eine Kirche: Die Haddebyer und ihre beiden Pastoren Kai Hansen und Witold Chwastek (v. l.) – hier vor dem dreiflügeligen Altar – sind stolz auf St. Andreas. Das Gotteshaus stammt aus dem Jahr 1200.

Quelle: Sonja Paar

Haddeby. Ein Spielplatz, ein kleiner Badestrand, alles ist da. Diese Region hat nicht viel Arbeit zu bieten, ist aber offenbar – wie auch die sieben weiteren Dörfer, die zur Kirchengemeinde gehören – ein beliebter Wohnort. Flensburg und Kiel sind gut zu erreichen. Neubaugebiete seien immer schnell ausverkauft, erzählen die Pastoren Kai Hansen (41) und Witold Chwastek (34). An der Schlei hat die Kirche noch Konjunktur. Deshalb arbeiten hier gleich zwei Geistliche.

Sie können auf 5250 Gläubige, das sind fast 60 Prozent der Einwohner, bauen. Drei Kindergärten, alle evangelisch, sind auf dem Gebiet der Kirchengemeinde angesiedelt, das identisch mit dem Gebiet des Amtes Haddeby ist. Kinder- und Jugendarbeit – mit eigenen, von den Heranwachsenden selbst gestalteten Gottesdiensten – wird ganz groß geschrieben. Die evangelischen Pfadfinder haben auch im Computerzeitalter großen Zulauf. Und natürlich gibt’s hier einen rührigen Gemeinderat.

Haddeby, wo das frühere Haithabu war, ist ein geschichtsträchtiger Ort. Das Wikinger-Museum liegt um die Ecke. Zugleich scheint die Gemeinde ein Synonym für Weltoffenheit in einer dörflichen Region zu sein. Die Kirche müsse sich den Herausforderungen im ländlichen Raum – Strukturschwäche und demografischer Wandel – stellen, erklärt Hansen. „Wir wollen nah bei den Menschen sein, den Menschen hilfreich sein.“ Sein Kollege lächelt und sagt: „Wir sind hier auch ein bisschen multikulti.“ Er selbst stammt aus Südpolen. „Dass ein Ausländer von der Gemeinde als Pfarrer genommen wird, ist auch heute noch keine Selbstverständlichkeit.“ Mit „multikulti“ meinen die Pastoren aber noch etwas anderes. Haddeby ist in der Nordkirche schon früh für seine Flüchtlingsarbeit bekannt geworden.

Mittlerweile gehören rund 130 Menschen aus den Dörfern und aus Schleswig dem Kreis an, der Anfang 2014 von der Kirche initiiert wurde. Sie begleiten die Flüchtlinge bei Behördengängen, unterrichten sie in Deutsch, besuchen die Familien in ihrer neuen Unterkunft oder laden sie zu sich nach Hause ein. Jutta Just (63), eine der Koordinatorinnen, ist stolz auf den großen Zuspruch. Die Überraschung der Besucher, dass so viel Hilfe auf dem Dorf überhaupt möglich ist, kann sie jedoch nicht so recht verstehen. „Hier kennt jeder jeden. Das macht es oft einfacher als in der anonymen Großstadt. Auch die Zusammenarbeit mit dem Amt und der Stadt Schleswig funktioniert sehr gut.“

Aref Yosofi (48), seine Ehefrau Spoj May (38) und Tochter Zinat (3) aus Afghanistan gehörten zu den ersten Flüchtlingen, die hierher kamen. „Sie waren sehr traurig“, erzählt Just, die den Zugewanderten als Flüchtlingslotsin dabei hilft, sich im Alltag zurechtzufinden. Drei Monate war die Familie unterwegs. In Busdorf, das zur Kirchengemeinde Haddeby gehört, wurde ihnen eine ziemlich heruntergekommene Wohnung zugewiesen. „Es ist auch schwierig für die Behörden, auf dem Land haben wir nur wenige Leerstände“, sagt Just. Aref hat inzwischen die Wände gestrichen, die Möbel stammen großenteils aus Spenden. Die Yosofis sind dankbar und ein wenig stolz auf ihr neues Zuhause. „Ich war Maschinentechniker und habe unter den Taliban meine Arbeit verloren“, erzählt Aref. Später sei er in einer US-Einrichtung als Wachmann beschäftigt gewesen, habe Drohbriefe von den Taliban bekommen und Angst um das Leben seiner Familie gehabt. „Sie sahen mich als Verräter an.“ Die Yosofis warten jetzt auf den Abschluss des Asylverfahrens und hoffen, dass sie bleiben können.

Die Flüchtlingslotsin ist selbst erst vor zwei Jahren an die Schlei gezogen. „Hier stoße ich in der Kirche auf offene Ohren.“ Das liegt wohl zum Gutteil an den jungen Pastoren. „In manchen Gemeinden gibt der Pfarrer alles vor – bis hin zur Farbe der Fliesen“, sagt Chwastek. „So etwas wollen wir nicht.“ Früher war die Kirchengemeinde streng in Ost und West geteilt, jeder war nur für sein eigenes Pfarramt zuständig. Diese Trennung ist seit einigen Jahren passé. „Wir haben natürlich eine Aufgabenteilung“, erklärt Hansen. Aber sie sind ein Team, zusammen mit dem Kirchengemeinderat.

Auch dessen Vorsitzender, Fritz Gehrmann (74), ist ein Zugezogener. Er verbringt hier mit seiner Frau den Ruhestand. Die Landschaft hat es ihm angetan – und natürlich die Kirche. „Wir haben nur eine: St. Andreas“, erklärt er. „Streitereien, welches Gotteshaus das schönste und beste ist, kann es bei uns nicht geben.“ Vielmehr sei die 1200 erbaute Feldsteinkirche, die außerhalb der Dörfer an der B76 liegt, „der geistige und spirituelle Mittelpunkt des Gemeindelebens“. Stolz erzählt er von der Geschichte dieses Ortes, Ausgangspunkt der Christianisierung des Nordens und untrennbar mit dem Namen des Apostels Ansgar verbunden. Er gründete hier 849 eine Kirche, Vorläufer des heutigen Gotteshauses. In der Region ist der Apostel immer noch ein großes Vorbild, so trägt der Pfadfinder-Stamm den Namen „Ansgars Erben“. Er habe „ohne Schwert und Feuer“ missioniert, betont Gehrmann. Im benachbarten Wikinger-Museum wünsche man sich kaum etwas sehnlicher, als dass bei einer Ausgrabung die Überreste seiner Kirche gefunden werden.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Uta Wilke
Redaktion Lokales Kiel/SH

Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

Anzeige
ANZEIGE
Mehr aus Nachrichten: Schleswig-Holstein 2/3