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Wie sah der Tote von Rungholt aus?

Nordsee Museum Husum Wie sah der Tote von Rungholt aus?

Seit Wochen arbeitet Gesichts-Rekonstrukteurin Constanze Niess an der Wiedererschaffung eines Mannes aus dem Mittelalter. Dieser Montag ist ein wichtiger Tag: Mit der Post kommt der Originalschädel aus Husum. Kommt der Tote von der untergegangenen Nordsee-Insel Rungholt?

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Zu Lehrzwecken bereits teilweise mit Nachbildungen der Weichteile versehen ist dieser Kunstschädel, den die Rechtsmedizinerin Constanze Niess in ihrem Büro in Frankfurt zeigt.

Quelle: dpa

Frankfurt/Husum. Endlich kann sie den echten Knochen aus dem 14. Jahrhundert mit ihrer Rekonstruktion vergleichen. Vorsichtig nimmt sie das fast 700 Jahre alten Fundstück aus dem Karton – da löst sich ein Zahn aus dem Kiefer und fällt zurück in den Karton.

Berührungsängste mit menschlichen Knochen sind der Frankfurter Rechtsmedizinerin fremd. Nebenberuflich rekonstruiert die 48-Jährige Gesichter – in Deutschland eine absolute Seltenheit. 25 Gesichter hat sie in den vergangenen 15 Jahren aus Knete optisch wiederhergestellt: „forensische“ Rekonstruktionen meist im Auftrag von Polizei oder Staatsanwaltschaft.

Wissenschaft und Kunst gemeinsam

„Was mich fasziniert, ist die Kombination aus Wissenschaft und Kunst“, erklärt die zierliche Frau. „Jeder Mensch besitzt, vergleichbar mit dem Fingerabdruck, eine einzigartige Gesichtsform.“ Der Kopf des Mannes, den sie gerade rekonstruiert, hat ein langes Nasenbein und bekommt daher einen ordentlichen Zinken verpasst. Seine starken Wangenknochen und sein eckiger Kinnknochen verraten Niess, dass er ein markantes, männliches Gesicht hatte. Der kaum abgeschliffene Weisheitszahn und die noch nicht vollständig verwachsenen Schädelnähte lassen auf ein Alter Anfang 20 schließen.

Die Grundlagen wissenschaftlicher Gesichts-Rekonstruktion lernte Niess 2001 in den USA. Im Prinzip, erklärt sie in dem 2014 bei Bastei Lübbe erschienenen Buch „Die Gesichter der Toten“, gibt es zwei Methoden: die amerikanische und die russische. Bei der einen werden aus Plastilin nachgeformte Muskeln und Knorpel über den Schädel gelegt; bei der anderen – entsprechend einer von Forschern berechneten „Weichteiltabelle“ – Abstandhalter aus Radiergummi-Stiften auf den Schädel gesetzt. Sie zeigen an, wie dick das Plastilin an dieser Stelle später sein wird.

"Horst" sah "Benno" ganz schön ähnlich

Für ihren ersten Kurs nahm sie den Schädel eines damals noch nicht identifizierten Toten per Flugzeug mit in die Südstaaten. Während sie an ihrer ersten Rekonstruktion arbeitete, löste die Polizei den Fall und präsentierte ihr nach der Rückkehr Fotos des Toten. „Horst“, wie Niess ihre erste Rekonstruktion nannte, war „Benno“, wie der Tote wirklich hieß, schon gar nicht so unähnlich. Seither lernt Niess ständig dazu.

Auch weltweit gesehen ist Niess’ Tätigkeit selten. Zu den Kongressen der International Association for Craniofacial Identification (IACI) kommt selten mehr als eine zweistellige Zahl von Teilnehmern. Ihr Handwerkszeug stammt aus dem Bastel- oder Künstlerbedarf, von einem befreundeten Zahnarzt oder aus der heimischen Küche. Die Augen für ihre Köpfe bekommt sie in Wiesbaden bei einer Spezialfirma, die Glasaugen für Sehbehinderte produziert.

Für eine Rekonstruktion bei einem Kriminalfall braucht Niess weniger lang als für Museumsaufträge. „Das schaffe ich in zwei Wochen, wenn ich mich ranhalte.“ Die Arbeit mit einem historischen Schädel sei anspruchsvoller. Aber auch hier gilt: „Die Basis aller gestalterischer Entscheidungen sind die Knochen und die Wissenschaft.“ Meist erbittet sie sich bei den Museen dafür zwei Monate Zeit, denn die 50 bis 60 Nettoarbeitsstunden leistet sie neben ihrem normalen Job am Institut für Rechtsmedizin.

„Das Atlantis der Nordsee“

Ihr jüngster Auftrag ist ab 29. Mai im NordseeMuseum Husum zu sehen: Für eine Ausstellung über die sagenumwobene Siedlung Rungholt („Das Atlantis der Nordsee“) rekonstruiert sie gerade den Schädel eines Mannes, der 1362 bei der großen Sturmflut ums Leben kam. Zur Zeit liegen in ihrem Büro die halb fertige Rekonstruktion aus Plastilin und der skelettierte Originalschädel nebeneinander. Der Zahn ist wieder drin.

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