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Klinikpersonal ist am Limit

Notfall-Versorgung in Kiel Klinikpersonal ist am Limit

Im System der Erstversorgung von Notfällen in Kiel werden weitere Defizite offenkundig. Nicht nur Schlaganfallpatienten, auch Menschen mit anderen Beschwerden finden keine schnelle Hilfe. Am Mittwoch erst war es Rettungssanitätern kaum möglich, einer 25-Jährigen Kielerin einen Platz im Krankenhaus zu verschaffen.

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Notarzt Dr. Michael Corzillius: „Es handelt sich um einen strukturellen Engpass, der sich nicht leugnen lässt. Wir alle versuchen aber, das Beste daraus zu machen.“

Quelle: Volker Rebehn

Kiel. Dies bestätigte Dr. Michael Corzillius, stellvertretender ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes in Kiel.

 Die Studentin litt unter einer Grippe, über 40 Fieber und Flüssigkeitsverlust und wurde bei ihren Eltern in Kiel versorgt. Am Mittwochmorgen gegen fünf Uhr verließ sie auf dem Weg zur Toilette das Bett, verlor das Bewusstsein und knallte mit dem Hinterkopf auf Fliesen. Die Eltern riefen den Rettungswagen, der zügig eintraf. Die Sanitäter hatten die Patientin bereits eingeladen und versuchten zeitgleich mit der Rettungsleitstelle einen Krankenhausplatz für die 25-Jährige zu organisieren. Doch fünf Kliniken lehnten die Aufnahme wegen Überbelegung ab. Auch das UKSH hatte zu diesem Zeitpunkt bereits einen Aufnahmestopp verkündet, ist aber als Maximalversorger verpflichtet, Patienten aufzunehmen. Von der Klinik hieß es, die Patientin müsste damit rechnen, anderthalb bis zwei Stunden im Rettungswagen vor der Klinik warten zu müssen. Dies war den Eltern, die beide medizinische Berufe erlernt haben, zu heikel: „Meine Tochter hatte viel Flüssigkeit verloren, sie brauchte eine Infusion. Ihr ging es sehr schlecht, wir haben sie daher zu Hause behalten und uns an den Hausarzt gewandt“, berichtet die Mutter Stefanie Herdel.

 Der Kieler Notarzt Corzillius kennt solche Fälle aus der Praxis: „Es betrifft in erster Linie Isolationspatienten mit Infektionserkrankungen, wie in diesem Fall.“ Dies gelte nicht nur für das UKSH, sondern für die ganze Krankenhauslandschaft. „Ich kann aber nicht pauschal die Krankenhauskollegen verurteilen, sondern wir haben einen strukturellen Engpass, der sich nicht leugnen lässt. Wir alle versuchen aber das Beste daraus zu machen.“ Bei akut lebensbedrohlichen Fällen würden im Übrigen ohne Zeitverzögerung aufgenommen: „In der Regel werden diese Menschen dann sofort auch bevorzugt vor anderen Patienten versorgt.“

Sehr knappe Ausstattung

 Dies sei auch bei Verdacht auf Schlaganfall gängige Praxis: „Wir telefonieren schon vor der Anlieferung mit der Stroke Unit, damit die Aufnahme vorbereitet werden kann. Diese Aussage deckt sich mit den Eindrücken von Jürgen Langemeyer, Vorsitzender des Schlaganfallrings, der Patientenvertretung für diese Erkrankung im Land: „Lange Wartezeiten sind bei uns kein Thema, sie werden uns nur von Patienten berichtet, die nicht über den notärztlichen Weg, also über den Ruf 112, in die Ambulanzen gelangen, sondern auf eigene Faust.“ Dennoch wurde ihm zugetragen, dass die Ausstattung mit Betten und Personal in den Notfallambulanzen und Stroke-Units in Schleswig-Holstein sehr knapp sei.

 Dies bestätigt das UKSH. „Wir regeln es trotz geringe Ressoucren so, dass Patienten korrekt behandelt werden“, so Sprecher Oliver Grieve. Er weist darauf hin, dass auf dem Arbeitsmarkt kaum Fachärzte und Pflegekräfte zu kriegen seien. Susan Schultka, stellvertretende Personalratsvorsitzende des UKSH kennt diese Sorge, und sie sagt: „Das Pflegepersonal ist am Limit, vor allem im Bereich der Versorgung von Akutpatienten.“ Für das Jahr 2015 lagen am UKSH 1167 Gefährdungsanzeigen vor. Sie werden geschrieben, wenn das Personal aufgrund der Arbeitssituation für sich oder die Patienten eine Gefahr sieht. „Gefühlt ist es allerdings mehr, da wir von diversen Bereichen wissen, dass keine Gefährdungsanzeigen mehr geschrieben werden, entweder aus Frust oder auch durch Druck von ,Oben’“.

 Für den zuständigen Gewerkschaftssekretär von Verdi Christian Godau kommen die Fälle von langen Wartezeiten bei der Notfallversorgung in Kiel nicht überraschend: „Es bestätigt die Aussagen von Kollegen, die uns immer wieder erzählen, dass sie in allen Bereichen chronisch unterbesetzt sind. Oftmals schaffen sie ihre Arbeit unter Verzicht auf Pausen, es wird ständig eingesprungen, Überstunden werden gemacht

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