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Kieler haben wenig Lust auf Hamsterkäufe

Notvorrat Kieler haben wenig Lust auf Hamsterkäufe

Ein Notvorrat an Lebensmitteln für 14 Tage? Wir haben uns umgehört: Viele Supermarkt-Kunden in Kiel ignorieren die Empfehlungen der Bundesregierung.

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Verkäuferin Marie Raabe präsentiert einen vollen Einkaufswagen.

Quelle: Sven Janssen

Kiel. Der Einkaufwagen ist gut gefüllt. 28 Liter Wasser, Konservendosen mit Gemüse, Obst, Fisch und Fleisch, dazu Zwieback, Reis, Eier, H-Milch und und und. Von diesen Lebensmitteln könnte sich eine Person 14 Tage lang ernähren. 2200 Kilokalorien pro Tag. Wirklich lecker sieht anders aus. Aber diese Zusammenstellung ist auch nur ein Vorschlag des Bundeslandwirtschaftsministeriums für die private Vorsorge im Notfall.

 „Die Empfehlung, sich für den Fall einer Katastrophe, wenn Lebensmittel, Strom und Wasser knapp sind, einen ausreichenden Vorrat anzulegen, besteht seit Jahrzehnten“, sagt Sprecherin Marianne Suntrup vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Ob Krieg, Terror, Sabotage oder Naturereignis: das Szenario sei für die Vorsorge unerheblich. Am Mittwoch will die Bundesregierung nun ein neues Zivilschutzkonzept vorlegen, in dem sie die Bürger dazu aufruft, sich einen individuellen Vorrat an Lebensmitteln von zehn Tagen und für einen Zeitraum von fünf Tagen zehn Liter Wasser pro Person vorzuhalten. Warum sich diese neuen Vorratsempfehlungen auf einen kürzeren Zeitraum beziehen, konnte Suntrup nicht erklären.

 Ob fünf, zehn oder gar 14 Tage – diese Frage stellte sich für viele Kunden des Famila-Marktes in Kiel-Wik gar nicht. Bei einer Umfrage am Montag ist kein Supermarkt-Kunde zu finden, der sich jemals einen Notvorrat angelegt hat. „Ich denke, das ist nur Angstmacherei“, sagt Renate Dietze. „Es wird schon nichts passieren.“ In ihrem Einkaufswagen liegt Obst und Gemüse. „Ich mag es eben frisch, Konserviertes esse ich nicht so gern.“ Genauso geht es dem Ehepaar Elke und Günther Schlünsen: „Wir kaufen jeden Tag frisch ein und bevorraten uns nur, wenn etwas im Angebot ist.“ Der Pensionär Schlünsen will „sich von den Politikern nicht verrückt machen lassen. So ein Katastrophenfall tritt schon nicht ein“, ist er sich sicher. Studentin Svea Kreutz findet den Notfall nicht abwegig. Doch hat auch sie noch nicht gehamstert. „Es ist gegen meine Gewohnheiten und letztlich ist es für mich als Studentin auch zu teuer, so viele Lebensmittel liegen zu haben.“ Ein Ehepaar mittleren Alters, das seinen Namen nicht nennen will, gibt zu, zu wenig Platz in den Schränken zu haben.

"Liste macht Sinn"

 Selbst Warenhausleiterin Anja Rüther, die an der Quelle sitzt, hat keine Notreserven für viele Tage zu Hause: „Ich kenne eigentlich auch keinen, der das hat. Ich hätte natürlich nichts dagegen, wenn es viele machen würde“, sagt Rüther mit einem Lächeln. Währenddessen ist ihr Stellvertreter Sven Gölling dabei, für uns einen Einkaufswagen nach der aktuellen Liste, die das Landwirtschaftsministerium und das Bundesamtes für Katastrophenschutz empfehlen, zusammenzustellen. „Diese Liste macht schon Sinn“, befindet er. „Natürlich muss jeder nach seinen Vorlieben einkaufen.“

 Genau dies ist auch der Rat der Experten in den Ministerium und Behörden. „Aber dann kann es klappen“, sagt Gölling. „Man muss eben nur die Produkte immer wieder auffüllen und sich mit zusätzlich Wasser eindecken.“ Der Mann hat Erfahrung. Aus praktischen Gründen war der Familienvater für seinen Vier-Personen-Haushalt ein Jahr lang nur zweimal pro Monat einkaufen. „Die meisten Lebensmittel sind mindestens zwei Wochen haltbar, sogar abgepacktes Brot, Butter und Eier.“ Wenn man tatsächlich nur Salat dazukaufe, könne man den Rhythmus bequem einhalten. „Das spart Geld und Zeit“, sagt er, der das System nur verändert hat, weil er jetzt täglich im Supermarkt ist.

 Dennoch weicht die Liste mit den Notvorräten von dem ab, was Gölling praktizierte. Es ist zu bedenken, dass im Katastrophenfall weder Wasserhahn noch Kühlschrank laufen und der Herd kalt bleibt. Es muss also an extra Wasser für das Zubereiten von Speisen gedacht werden und an bereits gegarte Lebensmittel, die ohne Kühlung haltbar sind. Famila-Kunde Klaus Mengler wirft daher im Vorbeigehen einen mitleidigen Blick in den Einkaufwagen mit den Konserven, wenig frischen Waren, ohne Süßigkeiten und Alkohol. Sein Kommentar: „Das wird ein trauriges Leben.“

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Ein Artikel von
Karen Schwenke
Lokalredaktion Kiel/SH

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