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Bei mir wurde eingebrochen

Ohnmacht und Wut Bei mir wurde eingebrochen

Ein Einbruch bedeutet nicht nur materiellen Schaden. Er verletzt auch Privatsphäre und Psyche der Betroffenen, verursacht Ohnmacht und Hilflosigkeit. KN-Reporter Günter Schellhase wurde zum Opfer - und hat mit einem Gefühl ganz besonders zu tun: unbändiger Wut.

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Nach dem Einbruch wird das Haus zur Festung.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Es ist eigentlich ein Tag wie jeder andere. 17.15 Uhr: Mit dem Fahrrad will ich nur kurz zum Laden um die Ecke, um mir etwas zum Abendbrot zu besorgen. Und es dauert auch gar nicht lange. Schon kurz vor 18 Uhr bin ich wieder zu Hause und stelle das Rad in den Schuppen. Da sehe ich bereits, dass die Terrassentür weit offen steht. Ich schließe die Haustür auf, gehe in die Essdiele und weiß sofort, dass Einbrecher da waren. Mein Adrenalinpegel steigt in eine ganz gefährliche Höhe. Ich greife sofort zum Telefon, rufe den Polizeinotruf 110, sage Namen und Adresse. Die Beamtin versichert mir, sofort einen Streifenwagen und die Kripo zu schicken.

 Als langjähriger Polizeireporter habe ich unzählige Einsätze auf der Jagd nach Einbrechern begleitet, mit Opfern gesprochen, Tatorte besichtigt. Ich weiß, dass ich nichts anfassen darf, um keine Spuren zu verwischen. Doch ich bin so zornig, dass ich Taschenlampe und meinen Eispickel vom Bergsteigen, der sonst als Deko-Stück auf einem Regal steht, in die Hand nehme, und durchs Haus eile. Ich bin groß, kräftig und kenne mich sehr gut wegen einer sportlichen Karriere mit Schlägern aus – im Ernst: Ich hoffe, den oder die Täter zu stellen. Doch die Einbrecher sind schon auf und davon. Ich renne in den Garten, leuchte alles ab – nichts. Ich klingel ich bei den Nachbarn. Die sind bestürzt, haben aber nichts bemerkt.

 Zwölf Minuten dauert es, bis der erste Streifenwagen kommt. Die Polizisten haben einen Hund dabei. Ich bitte sie, das Tier nach Spuren suchen zu lassen. Ich darf nicht mehr ins Haus. Der Hund nimmt eine Witterung auf: Die Täter haben das Haus offenbar durch die andere Terrassentür in den Garten verlassen und sind dann mit einem Auto geflüchtet. Wenige Minuten später kommt ein zweiter Streifenwagen. Ich sage zu den Beamten, dass ich mir vorstellen kann, dass die Einbrecher vielleicht noch in der Nähe sein könnten und ob sie nicht mal die Gegend abfahren wollen. Machen sie aber nicht.

 Bei meinem ersten Durchgang sehe ich schon, dass die Einbrecher reichlich Beute gemacht haben. Was sie gestohlen haben, verrate ich nicht. Es handelt sich um Täterwissen und könnte das Verfahren behindern – wenn die Polizei die Täter denn schnappt. Viel Hoffnung habe ich leider nicht. Vor etwa sechs Jahren waren schon einmal Einbrecher im Haus, nach Monaten stellten Polizei und Staatsanwaltschaft das Verfahren ein.

 Vielleicht haben ich und andere Opfer jetzt ja mehr Glück. Die beiden Beamten vom Kriminaldauerdienst sind sehr nett und verständnisvoll. Sie sehen sich das Dilemma an, nehmen alles auf, sichern Spuren an der Terrassentür. Ob darunter etwas Verwertbares ist, wird die kriminaltechnische Untersuchung zeigen. Der Erfolg scheint gering zu sein, denn die Einbrecher trugen offenbar Handschuhe. Die Polizisten sind etwa eine Stunde bei mir, packen schließlich ihre Koffer und fahren wieder. Ab jetzt laufen die Ermittlungen beim zuständigen Fachkommissariat für Einbruchdiebstahl der Kieler Kripo. Doch von den Beamten habe ich bisher nichts gehört.

Die Kripobeamten suchen nach Fingerabdrücken.

Quelle: Günter Schellhase

 Dann bin ich allein mit einer aufgebrochenen Tür und dem Chaos im Haus. Um den unbändigen Zorn zu unterdrücken, räume ich erst einmal auf und registriere genau, was fehlt. Ich schwinge den Staubsauger, um möglichst alle Spuren dieses widerlichen Besuches zu tilgen. Fast drei Stunden bin ich damit beschäftigt. Dann Frustessen: Sechs Brote mit Lachs und eine Packung Dominosteine vertilge ich. Das hilft. Auf Alkohol verzichte ich besser, schließlich gilt es, wachsam zu bleiben wegen der kaputten Terrassentür.

 Die Nacht ist eine Katastrophe. Mit einem Ohr höre ich nach Geräuschen. Doch schlimmer ist das Kopfkino und die Hilflosigkeit. Ich male mir aus, was ich mit den Tätern gemacht hätte. Finde es einfach unglaublich fies, gemein und beklemmend, dass diese Einbrecher in meinen privaten Rückzugsraum, mein Heim eindringen. Dass sie in meinen Sachen wühlen, persönliche Dinge sehen, wertvolle Gegenstände und Erinnerungsstücke stehlen. Ich mache einen Plan für den nächsten Tag. Der Adrenalinspiegel senkt sich nicht bis zum Morgen, der ganz grau ist.

 Als erstes melde ich den Einbruch der Versicherung. Dann fahre ich zu einem Baumarkt und kaufe helle Außenlampen mit Bewegungsmeldern und zahlreiche andere Alarmgeräte. Bei einem Fachhandel lassen ich mich beraten und erstehe Panzersicherungen für die Türen. Mit meiner Beute fahre ich schnurstracks nach Hause und hole die Bohrmaschine aus dem Schrank. Zwei Stunden später geht es mit besser. Ich bin zwar nicht ganz fertig geworden, doch mein Haus gleicht schon einer Festung. Bis jetzt hat das alles schon eine ganze Menge Geld gekostet. Von den Nerven will ich gar nicht schreiben. Jeder will sich sicher fühlen in seinen eigenen vier Wänden. Dass man erst mal kräftig Geld in die Hand nehmen muss, um dieses Gefühl zu haben, ist schon bitter. Ich hoffe nun, dass man die Täter fasst. Und dass ich bald wieder ruhig schlafen kann.

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Günter Schellhase
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