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Schleswig-Holstein wird zum Land der Hochbetagten

Opposition schlägt Alarm Schleswig-Holstein wird zum Land der Hochbetagten

Immer mehr Senioren, immer weniger junge Menschen: Der demografische Wandel in Schleswig-Holstein wird zum Zündstoff im Landeshaus. Während die Regierung von Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) den Norden sehr gut aufgestellt sieht, schlägt die Opposition Alarm.

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Mehr Senioren, weniger Kinder, weniger Erwerbstaetige: Der demographische Wandel stellt vor allem die Grossstaedte in Schleswig-Holstein, in denen ein drastischer Bevoelkerungsrueckgang erwartet wrd, vor neue Herausforderungen.

Quelle: Stephanie Pilick

Kiel. „Die gesamte Legislaturperiode ist im Hinblick auf den demografischen Wandel eine verlorene Zeit“, sagt CDU-Fraktionschef Daniel Günther. Die Zahlen des Statistikamtes Nord sprechen für sich. Demnach wird es 2030 im Land fast 240000 „Hochbetagte“ geben, also Menschen, die 80 Jahre und älter sind – das sind fast 80000 mehr als heute. Am höchsten wird die Zunahme mit mehr als 70 Prozent im Kreis Segeberg sein. Die Zahl der jungen Menschen unter 20 wird im Durchschnitt um mehr als fünf Prozent schrumpfen. Große Ausnahme ist hier Kiel mit einem prognostizierten Plus von 12,7 Prozent.

Aus Sicht der Opposition ist die Lage heute schlechter als vor fünf Jahren. Günther: „Die Albig-Regierung hat Politik vor allem zu Lasten der Bereiche gemacht, in denen der demografische Wandel als erstes spürbar wird.“ So nehme die Reform des Kommunalen Finanzausgleichs den Gemeinden die Mittel, den ländlichen Raum zu gestalten. Pendler litten unter immer schlechter werdenden Straßen. Schleswig-Holstein hinke anderen Bundesländern „gewaltig hinterher“. Dringend nötig seien vor allem bessere Jobperspektiven für gut ausgebildete junge Menschen.

Die Landesregierung kontert: „Im Vergleich mit anderen Bundesländern ist Schleswig-Holstein sehr gut aufgestellt, um den Herausforderungen erfolgreich begegnen zu können“, sagt Staatskanzlei-Chef Thomas Losse-Müller. Schleswig-Holstein habe eine besonders intensive Verzahnung zwischen strategischen Ansätzen der Landesregierung und anderer zentraler Akteure. Zudem verfüge das Land über ein „sehr ausdifferenziertes System der zentralen Orte“, das auch perspektivisch eine wichtige Basis für die Sicherung der Lebensverhältnisse und die Attraktivität des Standortes Schleswig-Holsteins darstelle: „Gerade auch im ländlichen Raum.“

Im kommenden Jahr will die Regierung die „Landesentwicklungsstrategie 2030“ beschließen. Damit verbunden, so Losse-Müller, sei eine „Vielzahl wichtiger Impulse zur Gestaltung des demografischen Wandels.“ Zudem habe das Innenministerium eine Wohnungsmarktprognose für ganz Schleswig-Holstein in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse im Frühjahr vorliegen sollen. Allein für Kiel erwartet das Statistikamt Nord bis 2030 einen Neubaubedarf von 21500 Wohnungen.

Die Alten kommen mit Macht

Dass Deutschland immer älter wird, kann man an der steigenden Zahl von Rollatoren festmachen. Man kann auch die jüngste Bevölkerungsprognose studieren, die das Statistikamt Nord im Auftrag der Landesplanung erstellt hat. Danach wird es in Schleswig-Holstein in 15 Jahren rund 80000 Hochbetagte mehr geben als heute, Menschen also, die älter sind als 80.

Schön, dass wir alle immer älter werden. Noch schöner wäre es, würden sich nicht die Jungen immer rarer machen. Dass diese Entwicklung unser Rentensystem aus den Angeln hebt, ist Allgemeingut. Ebenso die Feststellung, dass unsere Dörfer auszubluten drohen. Doch der demografische Wandel hat noch eine Komponente – eine, die schwer fassbar ist: Er hat das gefährliche Potenzial, einen Keil zwischen die Generationen zu treiben.

Neulich im Landeshaus: Es tagt das Altenparlament. 84 Delegierte fordern weniger Barrieren, mehr Ärzte auf dem Land, mehr Ampeln, Zebrastreifen und Straßenlaternen. Radiomoderatoren mögen bitte deutlicher sprechen und die Steuererklärung soll auch künftig auf Papier möglich sein.

Die Zeiten, in denen Senioren als Minderheit auftreten, die auf den guten Willen der Politik angewiesen ist, diese Zeiten gehen dem Ende entgegen – und das wissen auch die Jungen. Dennys Bornhöft zum Beispiel, Kieler Kreisvorstandsmitglied und Spitzenkandidat der Jungen Liberalen für die Landtagswahl. Nach Überzeugung des 30-Jährigen wird es absehbar ohne Zustimmung der Generation 55plus keine Reform des Rentensystems geben, die den Jüngeren zumindest einen Teil der wachsenden Beitragslast von den Schultern nimmt. Der Generationenvertrag? „Den hat Andrea Nahles gekündigt, als sie die abschlagsfreie Rente mit 63 eingeführt hat.“ Noch sieht der Liberale keinen Verteilungskampf, doch der drohe, wenn sich die Politik nicht herantraue an den Umbau des Rentensystems, an einen „Cut“ und die schrittweise Einführung der Kapitaldeckung bei der Altersvorsorge.

Auch Peter Schildwächter (72) sieht die Solidarität zwischen den Generationen auf die Probe gestellt. Um die Lasten gerechter zu verteilen und Altersarmut zu bekämpfen, plädiert der Vorsitzende des Landesseniorenrates für eine steuerfinanzierte Grundrente: „Der Topf wird kleiner. Wenn wir bei der Altersvorsorge nicht umsteuern, befürchte ich einen Verteilungskampf.“ Doch Schildwächter sieht neben dem Brocken Rente noch viele Bereiche, in denen es lauter werden könnte zwischen Alt und Jung. Beispiel Mobilität. Die Debatte um ein Höchstalter für Führerscheinbesitzer oder den Umgang mit Fahrfehlern empfindet Schildwächter als realitätsfremd und diskriminierend: „Wenn ein 40-Jähriger verkehrt in die Einbahnstraße fährt, gibt es ein Bußgeld. Wenn einem 75-Jährigen das passiert, muss er zur Fahrprobe.“

Bornhöft und Schildwächter wünschen sich, dass sich die Generationen auf Augenhöhe begegnen. Und genügend Ansätze dazu gibt es ja. Das WG-Projekt „Wohnen gegen Hilfe“ zum Beispiel und jede Menge ehrenamtliches Engagement. Das schweißt zusammen – löst aber die Konflikte nicht. Um die Machtbalance zwischen Alt und Jung zu wahren, könnte sich Bornhöft eine Absenkung des Wahlalters vorstellen oder sogar ein Familienwahlrecht. Aber was nützt das Wahlrecht mit 16, wenn junge Erwachsene mit Politik nichts am Hut haben?

Viel zu sehr werde beim demografischen Wandel auf negative Folgen abgestellt, würden Angst und Unsicherheit verbreitet, sagt Claudia Obermeier, Soziologin an der Universität Kiel. Konflikte zwischen Generationen habe es schon immer gegeben. Ohnehin führe die quantitative Betrachtung auf die falsche Spur: „Wir müssen umdenken“, sagt die Demografie-Expertin und verweist auf die „bizarre Entwicklung“ am Arbeitsmarkt. So passe die starke Leistungsorientierung vieler Arbeitgeber nicht zusammen mit der „in vielen Fällen mangelnden Bereitschaft zu Investitionen, die es ermöglichen, dass auch ältere Arbeitnehmer leistungsfähig sind und bleiben“.

Auch Margit-Haupt Koopmann appelliert an die Kompromissfähigkeit der Personalchefs – mit Blick auf ältere Mitarbeiter, aber auch bezogen auf Jugendliche „mit Ecken und Kanten“. Die Chefin der Regionaldirektion Nord der Bundesagentur für Arbeit ist zuversichtlich, dass der Wandel nicht an unserem Wohlstand nagt – obwohl die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter landesweit bis 2030 um fast 200000 schrumpfen wird. „Wir müssen jetzt handeln und alle Potenziale ausschöpfen.“ Vor allem: die Erwerbsquote von Älteren und Frauen erhöhen, die Chancen der Digitalisierung nutzen, qualifizierte Zuwanderung organisieren und den Übergang Schule/Beruf flüssiger gestalten. Viel Stoff also, der nur gemeinsam zu bewältigen ist.

Alle Informationen zur Verleihung des Schleswig-Holsteinischen Journalistenpreises finden Sie hier.

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Ein Artikel von
Ulrich Metschies
Wirtschaftsredaktion

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Ulrich Metschies zum demografischen Wandel

Das Thema demografischer Wandel ist in etwa so sexy wie ein Besuch beim Kieferorthopäden. Ja, wir werden immer weniger, wir werden immer älter, die Menschen zieht es in die Städte, Dörfer drohen zu veröden und den heute Jungen wird es im Alter wohl deutlich schlechter gehen als den Rentnern von heute.

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