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„Es ist wirklich ein Akt, das wieder loszuwerden“

Parasitosen „Es ist wirklich ein Akt, das wieder loszuwerden“

Auch Inken Harder, die gerade aus Niedersachsen umgezogen ist nach Jagel, landete bei ihrer Spurensuche in Kiel. Sie und ihren Ehemann plagte kein Reisesouvenir, das jedem geschenkt bleiben kann, sondern eine Parasitose, die von Haustieren ausgeht

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Stiche einer tropischen Rattenmilbe.

Quelle: hfr

Kiel. . „Als unsere ersten Wüstenrennmäuse verstorben waren“, erzählt die 29-jährige Master-of-Science-Biologin (M.Sc. Biologie), „konnte mein Freund es nicht lange ohne Tiere aushalten, und so holten wir uns aus einem Zoohandel neue Wüstenrennmäuse, zwei Männchen. Den Stall hatten wir gründlich gereinigt und desinfiziert.“ Nach ihrer Heirat am 4. Juli 2015 und einer anschließenden Hochzeitsreise, „während der sich unsere Nachbarn um die Mäuse kümmerten“, fiel Inken Harders Mann gleich nach dem ersten Füttern der Mäuse ein sehr kleines Tier auf seinem Arm auf. „Ich nahm eine Lupe und hatte den Verdacht Futtermilbe. Am nächsten Tag benutzte ich bei meinem Arbeitgeber Binokular und Mikroskop und konnte die Bestimmung eingrenzen auf Rote Vogelmilbe, was unwahrscheinlich war, oder Tropische Rattenmilbe.“ Die Biologin suchte im Internet – unter anderem über scholar.google.de – deutschsprachige Bestimmungsliteratur und wissenschaftliche Veröffentlichungen zur Tropischen Rattenmilbe und fand so Prof. Regina Fölster-Holst am UKSH, Campus Kiel. „Ich sammelte dann einige Milben von den Mäusen und aus dem Käfig ab, den wir in die Garage gestellt hatten, legte die Milben in Alkohol und schickte sie mit den Binokular-Bildern nach Kiel.“ Inken Harder hatte zu diesem Zeitpunkt schon vermehrt Stiche an Bauch und Armen, aber es war Sommer, „und die Stiche juckten wie Mückenstiche“. Erst nach und nach habe alles einen Sinn und Zusammenhang ergeben.

 Fölster-Holst konsultierte einen befreundeten Fachtierarzt für Parasitologie, Dr. Wieland Beck in München, und bestätigte dann: Tropische Rattenmilbe. „Der Name der Milbe ist irreführend“, sagt Inken Harder, „diese Milbe kommt in Mitteleuropa vor.“ Der kleine blutsaugende Parasit lebt in erster Linie auf wild lebenden Ratten und Mäusen, in zweiter auf Hobbytieren des Menschen, wie Wüstenrennmäusen und Hamstern. Und er ist weitgehend unbekannt. „Mein Hausarzt wollte mir nicht die Hand geben, aber mir eine Lotion gegen Krätze-Milben verordnen. ‚Die brauche ich nicht‘, habe ich gesagt. ‚Ich habe nichts auf oder in mir, sondern immer mal jemanden, der kommt, um zu beißen.‘ Denn Tropische Rattenmilben bleiben nicht, wie Krätze-Milben es tun, auf ihren Wirten. Sie kommen nur, wenn sie Hunger haben, manchmal nur 20 Minuten, und verkriechen sich die übrige Zeit in Ecken und Ritzen.“ Das und ihre Kleinheit erschweren die Identifikation selbst für Biologen: „Sie sind etwa 0,2 Millimeter groß, und wenn man Borstenhaare auf dem Bauch in bestimmten Falten zählen muss, um sie zweifelsfrei zu bestimmen, dann wird es schwierig.“

 Die Folgen für das junge Ehepaar waren dramatisch. „Als die Bestätigung aus Kiel kam, nur eine Woche, nachdem wir die Milben entdeckt hatten, bin ich zum örtlichen Zoohändler gefahren, der sofort einlenkte und nicht nur anbot, die Mäuse zurückzunehmen, sondern auch Insektizide und Tierarzt-Kosten zu übernehmen. Wir gaben die Mäuse zurück und haben unsere Wohnung, alle Oberflächen, sämtliche Ritzen und Ecken besonders intensiv, die Autos, die Garage, die Terrasse, die Holzverkleidung rund ums Haus mit speziellen Insektiziden behandelt. Und neue Matratzen gekauft.“ Einen Tag lang konnten sie die Wohnung nicht betreten. Auch für den Händler bedeutete der Befall der Mäuse zum Einzelpreis von acht Euro großen Aufwand: Die gesamte Zoohandlung musste behandelt werden, alle Tiere kamen in Quarantäne, jede neue Maus-Lieferung wurde in Quarantäne gelegt. „Es ist wirklich ein Akt, die Tropische Rattenmilbe wieder loszuwerden“, sagt Inken Harder. „Und ein Akt, den Kopf wieder freizubekommen. Mein Mann wollte nicht mehr den Raum betreten, in dem wir die Mäuse gehabt hatten.“ Sie beide seien ja nur Fehlwirte gewesen. Ist die Tropische Rattenmilbe weiter verbreitet, als vielen Haustierhaltern bewusst ist? „Davon gehe ich aus“, sagt die Biologin. „Wir haben die Milben auf Mäusen gefunden, die frisch aus der Zuchtbox kamen. Allein bei unserem örtlichen Händler kommen jede Woche zehn neue Wüstenrennmäuse an, und wenn es nur zwei oder drei Großhändler gibt, die alle Händler in Deutschland beliefern, dann muss die Dunkelziffer hoch sein.“ Zurzeit hält Ehepaar Harder kein Haustier. Einen Hund können sie sich vorstellen, irgendwann einmal. Keine Katze. Denn Katzen bringen ihre draußen erbeuteten Feld- und Rötelmäuse gern mit nach Hause.

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