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Parasitosen Was bewegt sich denn da?

Wenn Schmarotzer den Menschen als Fehlwirt nutzen: Parasitosen sind gar nicht so selten.

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Quelle: hfr

Heide. Dr. Matthias Jürgens aus Heide betreut schon seit 2008 ehrenamtlich ein Aufforstungsprojekt in Paraguay, etwa 250 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Asunción, draußen auf dem Land. Dass man dort ab und zu von Insekten gestochen wird, ist nicht ungewöhnlich. Jürgens, an der Kieler Universität diplomierter Agraringenieur, hat an sich selbst sogar festgestellt, „dass die Reaktionen meines Körpers schwächer wurden, wenn ich mehrfach gestochen wurde“.

 Etwas aber war diesmal anders. Der 63-Jährige hatte 2015 schon zwei Monate in Paraguay gearbeitet, als er „wahrscheinlich Ende November“ am Fuß gestochen wurde. „Unterhalb des linken Knöchels an der Außenseite. Es juckte ziemlich und war gerötet. Ich hab’s erst gar nicht beachtet, aber als nach einer Woche die Rötung zunahm und der Fuß anschwoll, konsultierte ich einen Arzt in Asunción. Der hat wie ich geglaubt, dass ein Stachel unter der Haut sich entzündet hätte, und mir ein Antibiotikum gegeben.“ Das Mittel wirkte, der Fuß schwoll ab, und einen Tag nach der letzten Einnahme, am 15. Dezember 2015, ging sein Flug nach Hause.

 „Nach zwei Tagen hatte ich wieder einen geschwollenen Fuß und ein seltsames Gefühl, das ich nicht kannte: Im einen Moment juckte es, im nächsten tat es weh.“ Sein Hausarzt verschrieb ihm ein Antibiotikum. Jürgens nahm es sieben Tage. Es wirkte. Der Fuß schwoll ab. Und wieder an. Kurz vor Weihnachten bildete sich in der Mitte der etwa 2-Cent-Stück-großen Rötung ein kleines Loch, „aus dem etwas dunkle Flüssigkeit suppte. Einige Tropfen am Tag vielleicht. Ich tat ein Pflaster drauf – das war jeden Abend schwarz.“ Kurz vor Silvester suchte er die Praxis erneut auf, ein anderer Arzt untersuchte seinen Fuß, gab ihm ein weiteres Antibiotikum, es wirkte, der Fuß schwoll ab und nach Beendigung der Einnahme wieder an. Mindestens dreimal täglich, immer nur für zwei, drei Sekunden, hatte Jürgens jetzt das Gefühl, „als wenn mir jemand im Fuß ein Messer dreht“.

 Am 11. Januar überwies ihn sein Hausarzt zum Hautarzt in Marne, welcher die Verdachtsdiagnose Myiasis (Fliegenmadenkrankheit, Anm.) stellte. Der Porus (Loch) ist ein typisches Merkmal einer Myiasis. Der Parasit entledigt sich durch diese Öffnung seiner Exkremente und hält die Höhle, in der er sitzt, weitgehend sauber. Deshalb kommt es bei einer Myiasis selten zu schweren Entzündungen. Der Marner Hautarzt machte für Jürgens einen Termin in der Universitäts-Hautklinik Kiel noch für denselben Tag abmachte. Diese Klinik hat Erfahrung mit Parasitosen, die im haus- und hautärztlichen Alltag sehr selten vorkommen. Die Ultraschalluntersuchung in Kiel zeigte einen Fremdkörper im Bindegewebe unter der Haut, der sich bewegte. Da noch ein internistisches Problem zu lösen war, sollte Jürgens drei Tage später zur Entfernung der Made kommen.

 Sein Interesse als Wissenschaftler war nun geweckt – und ein Weg geebnet, in kühler Weise zu objektivieren, was wohl die meisten einfach nur in Ekel und Panik gestürzt hätte: „Ich las einiges über Myiasis, fand auch ein gutes Youtube-Video und den Hinweis, dass die Made erstickt, wenn man Fettcreme dick über das Loch streicht, auf das sie angewiesen ist. Na – da hatte ich aber Revolution. Die tobte, als ich das machte, und es tat höllisch weh.“ Badete er aber seinen lädierten Fuß, blieb alles ruhig. Bis zu 20 Minuten lang. „Nahm ich den Fuß aus dem Wasser, sah ich so etwas wie eine kleine Zunge aus dem Loch herausragen, die sich nach ein paar Sekunden wieder zurückzog.“

 Am 14. Januar entfernte Dr. med. Salim Greven in der Klinik für Dermatologie, Venerologie (Lehre von den sexuell übertragbaren Krankheiten, Anm.) und Allergologie des UKSH, Campus Kiel, den Parasiten aus Jürgens‘ Knöchel. Darauf bedacht, den Parasiten nicht zu treffen, setzte Greven mit einer bestimmten Technik die lokale Betäubung in die Parasitenhöhle. Nach wenigen Sekunden kam die Larve so weit hervor, dass Greven sie mit der Pinzette herausziehen konnte. Er folgte damit einer Kasuistik (Einzelfallbericht) von Oberärztin Prof. Dr. med. Regina Fölster-Holst, die drei Jahre zuvor eine 15-Jährige am UKSH behandelt hatte. Das Mädchen war als Austauschschülerin in Peru gewesen und hatte, zurück in Schleswig-Holstein, einen immer stärker werdenden Juckreiz, dann ein Kribbeln unter der Haut an ihrer rechten, hinteren Schulter gespürt. „Sie sagte ‚Machen Sie etwas, ich werde sonst verrückt!‘, als sie in meine Sprechstunde kam“, erzählt Fölster-Holst. „Mit der Pinzette war die Made aber nicht so zu fassen, dass ich sie unbeschädigt hätte herausziehen können. Also bereitete ich eine Stanze vor (wie bei der Entfernung eines verdächtigen Muttermals, Anm.). Doch schon beim Setzen der Betäubungsspritze kam die Dasselfliegenlarve von allein heraus.“

 Das auch von Mücken übertragene Zika-Virus, das zurzeit in Brasilien und mehr als 20 anderen Staaten Süd- und Mittelamerikas umläuft, gehört nicht in den Kreis der Parasitosen. In Schleswig-Holstein gibt es noch keine bekannten Fälle. Fölster-Holst weist darauf hin, dass die wenigsten Zika-Patienten ausgeprägte Symptome entwickeln und nach Ergebnissen epidemiologischer Untersuchungen vier von fünf Infizierten nicht wussten, dass sie infiziert waren. „Die Infektion ist harmlos. Schwangere gelten als gefährdet, aber endgültig bewiesen ist der kausale Zusammenhang zwischen der Zika-Virus-Infektion der Mutter und der Mikrozephalie des Neugeborenen nicht.“

 Auch Dr. Matthias Jürgens betont, dies sei bisher ein Verdacht: „Zika ist eigentlich ungefährlich, aber die Menschen in Süd- und Mittelamerika sind noch nicht immunisiert, weil die Infektion dort noch nicht epidemisch aufgetreten ist – anders als in Afrika, von wo das Virus kommt. Das Dengue-Fieber ist sehr viel schlimmer. Ich hatte es einmal 14 Tage lang, aber es verlief problemlos. Sehr gefährlich ist das Chikungunya-Virus und am schlimmsten Gelbfieber, aber dagegen gibt es eine Impfung. Hatte man einmal das Zika-Virus, ist man lebenslang immunisiert. Beim Dengue-Virus dagegen gibt es mehrere Serotypen. Hat man einen überstanden, kann man einen anderen bekommen.“

 Überträger dieser Viren sind Aedes albopticus, die Tiger-Mücke, und Aedes aegypti, die Gelbfieber-Mücke. Die Tiger-Mücke ist im Süden Deutschlands bereits nachgewiesen worden, kann sich aber wegen der für sie schlechten klimatischen Bedingungen nicht ausbreiten. „November, Dezember und Januar waren in Südamerika diesmal sehr regenreich. Viele Pfützen, in denen sie ihre Eier ablegen, blieben tagelang stehen“, erzählt Jürgens.

 Wieso überträgt eine Mücke eigentlich Eier einer Fliege? „Die Dasselfliege beregnet den Moskito mit ihren Eiern.“ Es gebe sehr viele Dasselfliegen-Arten, und eine bevorzuge eben diesen Übertragungsweg. Als er per Mail nach Paraguay von der ersten Parasitose seines Lebens berichtete, „antworteten sie: ‚Ach ja, das kennen wir hier.“ Ura heißt die Myiasis dort, in der allen Paraguayanern geläufigen Indianersprache Gurani. „Die Indianer quetschen die Made einfach aus der Haut.“ Jürgens warnt davor, das zu tun. Auch so kann es schon zu unangenehmen Abwehrreaktionen des Körpers kommen. Drei Tage, nachdem die Made ihn, den Fehlwirt, verlassen hatte, zeigten sich Flecken an der Hinterseite seiner Beine, in den Kniekehlen, der Achsel, an den Innenseiten der Arme. „Nesselfieber“, konstatiert Jürgens. „Morgens ging es los, abends war es weg.“ Der Tag, an dem erstmals Flecken am ganzen Körper auftauchten und ihn besorgten, war zugleich der letzte. Nach drei Wochen war der Spuk vorbei.

 Mehr zu Zika unter http://www.g-f-v.org/aktuelles

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