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Darüber können Bauern gar nicht lachen

Plakat-Aktion Darüber können Bauern gar nicht lachen

„Steh‘n im Stall zu viele Kühe, macht die Gülle mächtig Mühe.“ So lautet eine der elf neuen Bauernregeln von Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD). Die Kampagne hat unter deutschen Landwirten große Empörung ausgelöst.

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Sie sind verärgert wegen der Berliner Reime (v.li.): die Landwirte Stefan Bandholz (33), Thomas und Philipp Brügmann (58 und 25), Anette Röttger (52), Miriam Kurth (25) mit Sohn Owe Bandholz (6 Monate) und Heiner Röttger (55).

Quelle: Lutz Roessler

Lübeck/Berlin. Auch bei Milchbauer Stefan Bandholz (33), der in Lübeck-Vorrade 145 Kühe hat. Die Bauern würden für dumm verkauft: „Man fühlt sich nicht ernst genommen.“ 2014 übernahm er den Familienbetrieb der Eltern. 1,2 Millionen Euro investierte er in einen modernen Kuhstall. Und nun das. „Von Leuten, die in unserer Gesellschaft ein Beispiel geben sollten.“

 Im Nachbarort hält Claas-Hinrich Thorn (30) 410 Schweine. 65000 Euro gab er aus, um den Tieren gute Bedingungen zu bieten. „Die brauchen Platz, sonst sinkt die Mastleistung.“ Das Bundesumweltministerium textete: „Steht das Schwein auf einem Bein, ist der Schweinestall zu klein.“ – „Ein schlechter Scherz“, findet Thorn. „Billiger und flacher geht‘s nicht. Alle werden über einen Kamm geschoren.“

 Anette und Heiner Röttger (52 und 55) aus Lübeck-Beidendorf haben 35 Kühe, nebenbei 15 Hühner und vier Hähne. „Wenn alles bleibt, so wie es ist, kräht bald kein Hahn mehr auf dem Mist“, dichteten die Meinungs-Strategen aus Berlin. „Lächerlich, diffamierend, schockierend“, nennt das Heiner Röttger, der Vorsitzender des landwirtschaftlichen Vereins Lubeca ist. „Zuerst dachte ich, die Sprüche kämen von irgendwelchen Hardcore-Ökos. Aber nein, vom Ministerium!“ Gülle produzieren seine Freiland-Rinder nicht. Die kaufe er von anderen Bauern zu, als Nährstoff für die Felder. „Wir sind froh, wenn wir was abkriegen.“ „Die Kampagne schlägt überall im Land hohe Wellen“, hat Kirsten Hess vom Bauernverband in Rendsburg festgestellt. Das äußere sich auf der Facebook-Seite des Verbandes. Inzwischen laufe eine Online-Petition gegen die 1,6 Millionen Euro teure, mit Steuergeldern finanzierte Aktion mit den Bauernregeln, die im Internet abrufbar sind und in 70 Städten groß plakatiert werden sollen. So in Hamburg, nicht aber in Schleswig-Holstein.

 „Man fragt sich, was das soll“, meint Kirsten Wosnitza vom Bund deutscher Milchviehhalter. Ein Dialog über die Reform der Landwirtschaft sei notwendig. „Aber doch nicht so, über die Köpfe der Bauern hinweg.“

"Voll daneben"

 Ähnlich reagiert die CDU im Landtag: Als „voll daneben" bezeichnete der agrar- und umweltpolitische Sprecher der Fraktion, Heiner Rickers, die Sprüche. „Mit dieser Kampagne wird der gesamte Berufsstand der Landwirte verleumdet“, schimpfte Rickers und forderte, die Aktion zu stoppen. Auch bei seinem Kollegen von den Grünen, Bernd Voß, kommen die neuen Bauernregeln nicht gut an. Sie seien nicht ergebnisorientiert. Die Gesellschaft mit solchen Kampagnen „weiter zu spalten hilft niemandem“, kritisierte Voß.

 Unterstützung für Hendricks gab es nur vereinzelt, zum Beispiel vom Naturschutzbund Nabu. Bekannte Fakten und Probleme in der Landwirtschaft würden „humoristisch auf den Punkt gebracht“, lobte Nabu-Landeschef Hermann Schultz.

 Die Aktion werde jedenfalls nicht gestoppt, stellt Hendricks‘ Sprecher Nikolai Fichtner klar. Es solle auf „Fehler im System“ der Landwirtschaft aufmerksam gemacht werden. Niemand werde persönlich angegriffen, kein Berufsstand diffamiert.

 Nicht nur bei der Opposition ruft diese Sichtweise Kritik hervor. „Ich frage mich, ob eine solche Kampagne nicht eher schadet, als dass sie nützt“, erklärte Umweltminister Robert Habeck (Grüne) in Kiel. „Sie wird jedenfalls der Ernsthaftigkeit der Debatte nicht gerecht.“ Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) nennt die Bauernregeln „Gift für eine sachliche Debatte über die Zukunft der Landwirtschaft“. Hendricks solle sich bei den Bauern für den entstandenen Schaden öffentlich entschuldigen.

 Kanzlerin Angela Merkel ließ wissen, sie wolle sich in den Streit nicht einmischen. Das sei eine Debatte zwischen zwei Kabinettsmitgliedern, die diese „sicher im vollen Bewusstsein dieses Themas für die deutsche Landwirtschaft und die deutsche Öffentlichkeit“ führten.

Die Regeln im Überblick

 Regel 1: Steht das Schwein auf einem Bein, ist der Schweinestall zu klein.

 Regel 2: Gibt’s nur Mais auf weiter Flur, fehlt vom Hamster jede Spur.

 Regel 3: Zu viel Dünger auf dem Feld geht erst ins Wasser, dann ins Geld.

 Regel 4: Haut Ackergift die Pflanzen um, bleiben auch die Vögel stumm.

 Regel 5: Zu viel Dünger, das ist Fakt, ist fürs Grundwasser beknackt.

 Regel 6: Ohne Blumen auf der Wiese geht’s der Biene richtig miese.

 Regel 7: Steh’n im Stall zu viele Kühe, macht die Gülle mächtig Mühe.

 Regel 8: Gibt’s nur eine Pflanzenart, wird’s fürs Rebhuhn richtig hart.

 Regel 9: Wenn alles bleibt, so wie es ist, kräht bald kein Hahn mehr auf dem Mist.

 Regel 10: Strotzt der Boden vor Nitraten, kann das Wasser arg missraten.

 Regel 11: Bleibt Ackergift den Feldern fern, sieht der Artenschutz das gern.

Von Marcus Stöcklin und Reinhard Zweigler

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