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Invasion der Taschenmonster

Pokémon Go in Kiel Invasion der Taschenmonster

Es gibt sie in allen Formen und Farben. Sie heißen Pikachu, Taubsi oder Bisasam und sorgen nicht das erste Mal für Aufsehen. Mit der neuen App „Pokémon Go“ erobern die sogenannten Taschenmonster wieder die Welt und sorgen für reichlich Stirnrunzeln bei Nicht-Spielern.

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Gebannter Blick auf das Smartphone, Extra-Akku und skurrile Dialoge: Das sind drei Hauptmerkmale von Kieler Pokémon-Fans.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Tauschkarten, Gameboys, Schlüsselanhänger: Schon früher war das Pokémon-Fieber auf Schulhöfen unübersehbar. Doch da blieben die sogenannten Pokémon-Trainer lieber in heimischen Wohn- und Kinderzimmern. Nun erobern sie die Städte. „Jetzt kann man auch endlich unterwegs spielen und rausgehen“, freut sich Chloé Romanos. Tatsächlich muss man sich selbst viel bewegen, damit im Spiel etwas passiert. Dementsprechend ist es nicht verwunderlich, dass seit einigen Tagen Gruppen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf ihr Smartphone fixiert durch die Straßen irren. Seltsame Sätze wie „Boah! Kommt her hier ist ein Traumato“, mit der dazugehörigen Zeigebewegung in die Leere werden in den kommenden Wochen wohl häufiger (auf-)fallen.

"Pokéstops" überall in Kiel

Seit der Veröffentlichung der App am Mittwoch taucht das Phänomen besonders in der Kieler Innenstadt auf. Denn diese ist kein schlechter Startpunkt für eine Pokémon-Tour. Neben kostenlosem WLAN gibt es jede Menge Skulpturen, Denkmäler und Brunnen. Diese werden im Spiel zu „Pokéstops“, die auf der Karte durch blaue Quader gekennzeichnet sind. Dort gibt es Pokébälle, mit denen die Tierchen gefangen werden können, Eier, die zu neuen Pokémon werden und andere Dinge, die einem bei Arena-Kämpfen helfen. So muss man in der kostenlosen App kein Geld ausgeben, obwohl es die Möglichkeit gibt mit realem Geld virtuelle Güter zu kaufen. Wer sich jetzt freut, dass Kunstobjekte in der Innenstadt dadurch endlich die Aufmerksamkeit der Jugend bekommen, irrt sich, denn so richtig nimmt man seine Umgebung beim Spielen nicht wahr.

Power Bank als wichtiges Utensil

Ganz ungefährlich ist das nicht. Denn weder Passanten mit Hunden oder Kinderwagen (Entschuldigung!) noch Pfützen (Igitt!) werden angezeigt. „Es könnte schon gefährlich werden, wenn man nicht auf den Verkehr achtet“, stellt auch Spielerin Lisa Börnsen fest. Die 18-Jährige wurde von einem Freund auf das Spiel gebracht. „Jetzt nach dem Abitur habe ich ja genug Zeit“, sagt sie lachend und widmet sich wieder ihrem Smartphone. Schnell noch ein paar Pokébälle sammeln, bevor es Richtung Bahnhof geht. Dort ist der derzeit beliebteste Platz bei Kieler Trainern: das Restaurant „Vapiano“ an der Hörn. Zuhauf sitzen sie im Schneidersitz auf der Vortreppe und den Geländern rund um das Lokal. Hier sind gleich drei Pokéstops und eine Arena, in der man die digitalen Tierchen gegeneinander antreten lassen kann – ein Hotspot für alle Sammler. „Außerdem ist die Hörn ein guter Ort, um Wasserpokémon zu fangen“, findet Sissy Köhler, die heute zum ersten Mal auf die Jagd geht. Die Abiturientin hat über Facebook erfahren, dass sich die Kieler dort treffen, und sich mit ihrer Power Bank, einem portablen Ladegerät für das Handy, auf den Weg gemacht.

Die Power Bank ist neben dem Smartphone das wichtigste Utensil, denn das Spiel beansprucht den Akku stark. Neben dieser Problematik und den immer wieder auftauchenden Serverproblemen scheinen die norddeutschen Fans jedoch begeistert zu sein. „Es ist ein Kindheitstraum. So etwas haben wir uns seit dem Hype um das erste Spiel gewünscht“, erklärt Gianni Lamberto. Besonders eindrucksvoll wird es, wenn man in einer Fangsituation auf die Handykamera umstellt. Dann erscheint das Pokémon statt auf einer virtuellen Wiese im tatsächlichen Umfeld des Spielers. „Es ist einfach lustig, wenn im realen Leben so ein Wesen auftaucht“, findet Lisa Börnsen. Und so zappelt Fisch Karpador zum Entzücken der Spieler auf der Hörnbrücke.

Experten: Online-Spiel ist ein Verkehrsrisiko

In Schleswig-Holstein sind weniger als 48 Stunden nach der Veröffentlichung von „Pokémon Go“ bereits tausende Nutzer auf virtueller Monsterjagd. Polizei und Verkehrsexperten warnen indes eindringlich vor den Gefahren durch Unachtsamkeit im Straßenverkehr. „Mit der massenhaften Verbreitung von Smartphones haben Verkehrsunfälle durch Ablenkung spürbar zugenommen“, sagt Hans-Jürgen Feldhusen. Der ADAC-Verkehrsvorstand ist sicher: „,Pokémon Go’ wird die Gefahr der Ablenkung für Autofahrer und Fußgänger zusätzlich erhöhen.“ Beispielsweise könnten sich Spieler durch plötzlich auf der anderen Straßenseite auftauchende virtuelle Monster „dazu animiert fühlen, über die Straße zu laufen, ohne auf den Verkehr zu achten“, sagt Feldhusen.

Tatsächlich berichtet die Polizei bundesweit bereits von brenzligen Situationen. Auch in Kiel hat es mehrere Fälle gegeben, in denen Online-Spieler achtlos über Straßen gelaufen sind. Torge Stelck vom Landespolizeiamt mahnt: „Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert, auch als Fußgänger, ständige Vorsicht und Rücksicht. Daher gilt: Spiel- und Verkehrsteilnahme sind zu trennen.“

Bei der App sind Figuren an den verschiedensten Orten platziert – Ausnahmen gibt es nicht. Auch Krankenhäuser, Kirchen und Friedhöfe sind nicht ausgenommen. „Wenn es Pokémons im UKSH gibt, dann sind sie krank und dürfen keinen Besuch bekommen“, versucht Oliver Grieve vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Online-Spieler fernzuhalten.

Eindeutig ist der Appell von Stefan Döbler, Sprecher der Nordkirche: „Kirchen sind markante, in der Regel öffentlich zugängliche Gebäude – zugleich aber auch geschützte Orte, die von Menschen zu Einkehr, Besinnung und Gebet aufgesucht werden.“ Dies dürfe durch Spiele wie „Pokémon Go“ nicht beeinträchtigt werden. Gleiches gelte für Friedhöfe: „Der Respekt vor Verstorbenen und Trauernden gebietet es, dass weder die Totenruhe noch die Trauer Hinterbliebener gestört werden dürfen“, so Döbler. (bas)

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