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Bangen zwischen Bomben und Böllern

Belastungsstörung Bangen zwischen Bomben und Böllern

Silvester ohne Feuerwerk ist in weiten Teilen der Welt undenkbar. Doch diese Eskalation der Pyrotechnik, die zum Jahreswechsel der Lebensfreude Ausdruck verleihen soll, kann Menschen schwer zusetzen. Traumatisierten Flüchtlingen stehen mit dem nahenden Silvester-Feuerwerk schwere Stunden bevor.

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Bombenexplosion mitten im syrischen Homs, zwei Menschen sterben, 30 werden verletzt. Szenen, die die meisten Beteiligten ein Leben lang verfolgen.

Quelle: SANA/dpa

Kiel. Silvesterrakete oder Raketenangriff? Böller oder Bombe? Für jemanden, der am eigenen Leib Krieg miterleben musste, wirkt Silvester mindestens kriegsähnlich. Eine Million Flüchtlinge kamen in diesem Jahr nach Deutschland. Was kommt Silvester auf sie zu?

 Verletzte, Tote, Brände, Millionenschäden – eine ganz normale deutsche Silvesterbilanz. Den Bundesbürgern war der jüngste Jahreswechsel dennoch Feuerwerk im Wert von rund 124 Millionen Euro wert. Im Trend laut Bundespolizei: Böller, die „mehr und brisantere Sprengmittel“ enthalten, als in Deutschland zugelassen sind, meist aus Polen und Tschechien. Sprengungen also als Ausdruck von Freude? Für Menschen, die unter Kriegstraumata leiden, kann ein Feuerwerk eine schwere Belastung bedeuten. Mediziner sprechen dann von „posttraumatischen Belastungsstörungen“ (PTBS, siehe Infokasten). „Auslöser kann vieles sein“, berichtet Simone Rohde. Die Fachärztin für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie beobachtet am Friedrich-Ebert-Krankenhaus (FEK) in Neumünster zuletzt unter den Flüchtlingen eine deutliche Zunahme an PTBS, dazu Fälle von Depressionen und Schizophrenie. „Situationen, die an Erlebtes erinnern, Gerüche, etwa Brandgeruch, Töne, Donnergrollen oder auch nur ein Gedanke: So ein Auslöser führt dann zu einem Erlebnis, als wäre der Mensch wieder in genau derselben Situation“, so Simone Rohde. „Für den Menschen ist das wie das akute Erleben einer Extremlage. Sein Körper reagiert wie in einer echten Notfallsituation.“ Im schlimmsten Fall komme es zur Panik oder zu einem „dissoziativen Zustand“, einem Handeln außerhalb der Selbstkontrolle. „Toben, Schreien, Weinen, Aus-dem-Fenster-springen-Wollen, auch Gewaltausbrüche sind dann möglich.“ Die Oberärztin begrüßte es deshalb, wenn möglichst viele Menschen zu Silvester darauf Rücksicht nehmen würden. Das Fest zur Jahreswende sei allerdings nur eine unter vielen möglichen Auslöser-Situationen: „Diesen Menschen steht eine stressige Nacht bevor. Der Gefahr von Flash- backs sind sie allerdings ständig ausgeliefert.“

Nachhallerinnerungen und Schlafstörungen

 Prof. Robert Göder, stellvertretender Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Kieler Universitätsklinikum (UKSH), bekräftigt, dass posttraumatische Belastungsstörungen bei Flüchtlingen zu Silvester „auf jeden Fall eine Rolle“ spielen. Seit 1996 existiert am UKSH eine spezielle Arbeitsgruppe, die sich mit solchen Patienten beschäftigt, seinerzeit kümmerte man sich noch vorrangig um Balkanflüchtlinge. Göder berichtet, dass bis zu 40 Prozent der aktuellen Flüchtlinge, die im UKSH behandelt werden, „ganz persönliche Kriegserfahrungen“ haben sammeln müssen. „Sie leiden oft unter Nachhallerinnerungen und Schlafstörungen, auch unter allgemeinen Angstzuständen mit Vermeidungsverhalten“, so Göder. Vermeiden meint hier den Versuch eines Menschen, sich einer als bedrohlich empfundenen Situation nicht auszusetzen, meist aus Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Überforderung oder eben wegen traumatischer Hintergründe. Göder hielte zwar nichts von einem generellen Böller-Verbot, einen Silvester-Aufruf zur Rücksicht auf die Flüchtlinge jedoch für ein „gutes Signal“: „Zurückhaltung wäre in diesem Fall schon sehr wünschenswert. Und die Leute müssen ja nicht ausgerechnet in der Nähe von Flüchtlingsunterkünften ihr Feuerwerk zünden.“

 Nach Angaben von Prof. Michael Schulte-Markwort, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Uniklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), sind PTBS, Depressionen und Angststörungen bei Flüchtlingen „kein neues Thema“. Die Zahl solcher Patienten am UKE hätte sich allerdings „mehr als verdreifacht“. Schulte-Markwort gibt jedoch zu bedenken: „Nicht jedes traumatische Erlebnis – etwa eine Naturkatastrophe, Vergewaltigung, Terroranschlag, Folter oder Kriegserlebnis – führt bei allen Menschen auch zu einer Traumatisierung, also zu einer psychischen Erkrankung.“ Aus Rücksicht auf Flüchtlinge auf Feuerwerk zu verzichten, hält Schulte-Markwort deshalb für übertrieben, auch wenn es einigen in der Silvesternacht „nicht gut“ gehen werde: „Ich gehe davon aus, dass die meisten unterscheiden können und wahrnehmen, dass sie sich jetzt in einer sicheren Umgebung befinden.“ Wenn es aber zu heftigen Reaktionen komme, müsse ein Notarzt gerufen werden, der dann angstlösende Psychopharmaka verabreiche. Auch sei es sinnvoll, Betroffene im Vorfeld zu erkennen und sie auf das Kommende vorzubereiten. In der Situation selbst würden beruhigende und ablenkende Gespräche helfen.

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