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Deutschland müsste sofort weg von Kohle

Mojib Latif Deutschland müsste sofort weg von Kohle

Wie lässt sich die Erderwärmung noch begrenzen? Der Klimaforscher Prof. Mojib Latif sieht ein weitgehendes Versagen der Politik und setzt auf den technologischen Wandel. In Kiel wollen 100 Forscher beim Kongress «Future Energies» ihre aktuellen Projekte vorstellen.

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Mojib Latif: Anlässlich des Wissenschaftskongresses «Future Energies» in Kiel fordert der Forscher ein sofortiges Abschalten von Kohlekraftwerken in Deutschland, um die Klimaziele noch zu erreichen.

Quelle: Christina Sabrowsky

Kiel. Der Kieler Klimaforscher Prof. Mojib Latif sieht beim Kampf gegen die Erderwärmung ein großes Versagen der Politik. Deutschland müsste sofort Braunkohlekraftwerke abschalten, um das erklärte Ziel einer Reduzierung der Kohlendioxid-Emissionen um 40 Prozent bis 2020 im Vergleich zu 1990 noch erreichen zu können, sagte Latif der Deutschen Presse-Agentur anlässlich der Konferenz «Science Match Future Energies» am 6. November in Kiel. «Aber es fehlt schlichtweg am politischen Willen. Dabei geht es um die Glaubwürdigkeit Deutschlands.» International hätten die bisher 23 Weltklimakonferenzen - zuletzt in Bonn - vielleicht die politische Atmosphäre verbessert, «real ist aber der Gehalt von Kohlendioxid immer schneller gestiegen».

«In Deutschland sind im Strommix immer noch 40 Prozent Kohle, und das ist in den vergangenen Jahren auch nicht weniger geworden - die Politik ist schlichtweg nicht bereit, aus der Kohle auszusteigen», sagte Latif. «Da gibt es Akteure wie Nordrhein-Westfalen als größtes Braunkohleförderland in Deutschland, die blockieren. Die Braunkohle verhindert das Erreichen ambitionierter Klimaziele», nannte Latif als entscheidenden Aspekt. Außerdem komme die Verkehrswende nicht voran, weil die Automobilwirtschaft in Deutschland wegen ihrer Bedeutung praktisch machen könne, was sie wolle. «Der Dieselskandal spricht für sich, da muss man nichts weiteres mehr sagen.»

Die Weltwirtschaft sei von Regeln praktisch entfesselt und produziere auf Kosten der Umwelt und zu Lasten vieler Menschen - «das ist das eigentliche Problem». Die Politik müsse versuchen, das Heft des Handels wieder zurück zu bekommen», sagte Latif. Der Leiter des Forschungsbereiches Ozeanzirkulation und Klimadynamik am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel schlug ein Bündel an Maßnahmen vor: Deutschland sollte eine ökosoziale Steuerreform einführen, CO2-Emissionen müssten besteuert werden.

Die Einnahmen dieser Lenkungssteuer sollten für die verstärkte Förderung neuer Energien dienen, aber auch für den Sozialbereich wie Kindergärten, Schulen oder höhere Hartz IV-Sätze. «Das würde die Akzeptanz der Steuer erhöhen. Wir müssen aber auch verhindern, dass sich die Schere zwischen arm und reich weiter öffnet, denn das gefährdet zunehmend den Zusammenhalt der Gesellschaft», sagte Latif, der auch Präsident des deutschen Ablegers des Club of Rome ist. Außerdem sei die Einführung eines Schulfachs Umwelt nötig, um globale Zusammenhänge zu erkennen. Und es müsse eine Wertedebatte geführt werden, was Glück ausmache.

Es sei eine Global Governance notwendig, um international beispielsweise eine gemeinsame Steuerpolitik zu machen, so dass auch Weltkonzerne angemessen Steuern zahlen müssten. Globale Probleme wie der Klimawandel oder die Bekämpfung der Armut ließen sich nur mit globalen Regeln lösen. Leider seien politisch die Populisten in den USA, in Osteuropa, aber auch in Deutschland auf dem Vormarsch, die scheinbar einfache Lösungen bieten und nationale Interessen über alles stellten.

Um das Pariser Klimaziel doch noch zu schaffen, die Klimaerwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius zu begrenzen, setzt Latif daher vor allem auf den technologischen Fortschritt. Immerhin werde global inzwischen mehr in die Erneuerbaren Energien investiert als in die fossilen Energieträger wie Kohle oder Öl. Dies sei ein Lichtblick am Ende des Tunnels. Technologischer Fortschritt könne sehr schnell gehen, sagte Latif. Er verwies darauf, dass ein Foto der Osterparade in der 5th Avenue in New York im Jahr 1900 nur Pferdekutschen zeigt und eine andere Aufnahme 13 Jahre später nur noch Autos. «Das war eine schnelle Mobilitätswende, die müssen wir heute auch schaffen», sagte Latif.

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) eröffnet als Schirmherr die ungewöhnliche Wissenschaftskonferenz. «Science Match Future Energies» findet zum ersten Mal statt. Veranstalter ist die Berliner Zeitung «Tagesspiegel» gemeinsam mit dem Land Schleswig-Holstein. Das Science Match vernetzt Wissenschaft, Wirtschaft, Start-ups, Medien, Nachwuchskräfte und gesellschaftliche Akteure über die Zukunftsfragen eines Themas. 100 Wissenschaftler aus dem Windenergieland Schleswig-Holstein stellen in jeweils drei Minuten auf der Bühne vor, woran sie derzeit forschen.

Erwartet werden 1000 Gäste von Universitäten und Forschungseinrichtungen, aus Unternehmen und Start-ups, außerdem Investoren und Entscheider, Hochschulabsolventen und Young Professionals aus ganz Deutschland. Parallel findet in der Sparkassen-Arena ein Forum Elektromobilität Schleswig-Holstein statt.

In vier Sessionen geht es um Energieerzeugung und regenerative Energien, integrierte Energiesysteme und Infrastruktur, Energiespeicherung und -effizienz sowie «Science meets Society». Zu den Teilnehmern gehören auch Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Bernd Buchholz (FDP), Wissenschaftsministerin Karin Prien (CDU), der Präsident der Kieler Universität Prof. Lutz Kipp und Matthias Boxberger, der Vorstandsvorsitzende des Energiedienstleisters HanseWerk AG.

Von dpa

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