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Provieh fühlt sich missbraucht

Initiative Tierwohl Provieh fühlt sich missbraucht

Provieh reißt der Geduldsfaden: Der Schutzverband für Nutztiere steigt bei der „Initiative Tierwohl“ aus. „Vom ursprünglichen Konzept ist zu wenig Tierschutz übriggeblieben. Wir sollten offenbar nur als Feigenblatt fungieren“, sagt Udo Hansen vom Vorstand von Provieh in Kiel.

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Spaltenboden, kaum Platz, kupierter Schwanz. Solche Haltungsbedingungen für Mastschweine soll die Initiative Tierwohl verbessern.

Quelle: Sonja Paar

Kiel.  Die Initiative Tierwohl – ein Zusammenschluss von Landwirten, Fleischwirtschaft und Supermärkten – ist angetreten, um die Haltungsbedingungen in deutschen Ställen zu verbessern.

 Mit Provieh streicht die letzte Tierschutzorganisation die Segel. Zuletzt hatte der Tierschutzbund die Initiative Tierwohl (ITW) verlassen. Sie arbeitet seit 2015 nach folgendem Prinzip: Für jedes verkaufte Kilo Schweinefleisch zahlen die Lebensmittelhändler vier Cent an einen Fonds. Da Supermärkte wie Aldi, Rewe, Edeka, Lidl, Netto, Penny und Real mitmachen, kommen jährlich 85 Millionen Euro zusammen. Das Geld wird an Landwirte verteilt, die die Haltungsbedingungen in ihren Ställen verbessern. Bundesweit profitieren aktuell 2260 Schweinehalter und 927 Geflügelhalter – davon 147 Schweine haltende und 14 Geflügel haltende Betriebe in Schleswig-Holstein.

 Die Kriterien, die sie dafür erfüllen müssen, seien immer mehr verwässert worden, klagt Udo Hansen von Provieh. Bei den Schweinen zeigt sich das am Umgang mit den Ringelschwänzen: Tierschützer fordern, dass sie nicht mehr gekürzt werden und die Schweine mehr Platz und Beschäftigung haben. Denn können sie sich nicht aus dem Weg gehen, sich nicht beschäftigen, besteht die Gefahr, dass sie sich gegenseitig Schwänze und Ohren abbeißen. „Doch der Ringelschwanz als wichtigster Tierwohlindikator spielt bei der ITW aktuell keine Rolle mehr“, kritisiert Udo Hansen. „Mastschweine, denen bis 50 Kilogramm gerade einmal 0,5 Quadratmeter zustehen, müssen nur eine DIN-A4-Seite mehr Platz bekommen. Als organisches Beschäftigungsmaterial reicht eine Vorrichtung mit einer Holzlatte, an der die Tiere knabbern können. Das ist für uns nicht akzeptabel.“ Der Umgang mit einem Betrieb in Baden-Württemberg, dem massive Tierschutzverletzungen nachgewiesen wurden, hat für Provieh das Fass zum Überlaufen gebracht.

 ITW-Geschäftsführer Alexander Hinrichs zeigt sich irritiert über das Ausscheiden: „Die Wirksamkeit der Tierwohlkriterien zu hinterfragen, ist für die Initiative Tierwohl nicht nachvollziehbar – sie liegen alle über den gesetzlichen Standards und wurden gemeinsam mit Praktikern aus Tiermedizin und Landwirtschaft sowie Wissenschaftlern entwickelt.“ Kirsten Hess vom Bauernverband Schleswig-Holstein bedauert den Schritt von Provieh: „Der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft begrüßt die Initiative ausdrücklich als Maßnahme zur Verbesserung des Tierwohls. Der Betrieb in Baden-Württemberg hätte offensichtlich nicht anerkannt sein dürfen. Deshalb muss es nun darum gehen, die ITW gemeinsam mit dem Tierschutz zu verbessern und Schwachstellen zu beseitigen.“ Das muss jedoch ohne Provieh passieren. „Wir werden die Initiative Tierwohl von nun an sehr kritisch von außen begleiten“, kündigt Udo Hansen an.

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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