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Milde Strafe für falsche Lehrerin aus Wismar

Prozess in Kiel Milde Strafe für falsche Lehrerin aus Wismar

Mehr als 20 Jahre lang narrte sie Schüler und Eltern, Kollegen und Vorgesetzte sowie die Schulaufsicht in den Bildungsministerien von vier Bundesländern. Am Mittwoch zog das Kieler Amtsgericht mit der Verurteilung zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe einen Schlussstrich unter die beispiellose Karriere der falschen Lehrerin (50) aus Wismar.

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Im Prozess gegen eine falsche Lehrerin, die jahrelang mit gefälschten Zeugnissen unterrichtet haben soll, haben Staatsanwaltschaft und Verteidigung vor dem Amtsgericht Kiel am Mittwoch Bewährungsstrafen gefordert.

Quelle: Carsten Rehder/dpa

Kiel. Nach dreitägiger Beweisaufnahme erkannte das Schöffengericht auf Urkundenfälschung in drei besonders schweren Fällen, zwei Mal in Tateinheit mit gewerbsmäßigem Betrug. Damit ahndet die Strafjustiz nur die letzten fünf Jahre der pädagogischen Laufbahn, die die Angeklagte schon 1991 in Wolgast (Mecklenburg-Vorpommern) unter Vorspiegelung falscher Tatsachen eingeschlagen hatte.

Dass sich die gelernte Krankenschwester zwei Mal eine Verbeamtung erschlich und anfangs auch einen falschen Doktortitel präsentierte, spielte im Kieler Prozess keine Rolle. Die Vorwürfe aus Brandenburg, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern sind längst verjährt. Nicht aber die Verwendung ihres bis zuletzt immer wieder vorgelegten Reifezeugnisses der Volkshochschule Wismar. Auch das hatte sie sich selbst ausgestellt.

Vor Gericht ging es um die drei letzten Stationen der nicht vorbestraften Angeklagten, die gerade mal drei Monate vor der Wende ihren Abschluss als DDR-Diplomlehrerin an der Pädagogischen Hochschule in Zwickau mit der Note „befriedigend“ geschafft hatte. Dann brach plötzlich der Arbeiter- und Bauernstaat zusammen, und so waren ihre Kenntnisse im marxistisch-leninistisch geprägten Fach „Staatsbürgerkunde“ Makulatur.

Aus Angst vor der drohenden Arbeitslosigkeit und dem Verlust ihres schon als Kind gehegten Wunschberufs Lehrerin besserte sie ihren Abschluss auf, so das Urteil des Schöffengerichts. Mithilfe von Druckereien und einer ganzen Sammlung amtlicher Stempel fälschte sie Nachweise für zwei Staatsexamen, um sich für Anstellungen in den Fächern Deutsch und Wirtschaft/Politik zu „qualifizieren“.

Nach dem Wortlaut der teilweise amateurhaft erstellten, mit Schreibfehlern und inhaltlichen Ungereimtheiten gespickten Urkunden hatte die Angeklagte schon im Juli 1991 die Erste Staatsprüfung absolviert. „In nur neun Monaten nach der Wende konnte man das gar nicht schaffen“, befand Staatsanwalt Henrik Nietardt. Dies sei später jedoch niemandem aufgefallen.

Besondere Dreistigkeit, hartnäckige kriminelle Energie und einen erheblichen Schaden von rund 220000 Euro legte die Vorsitzende Sabine Pade der voll schuldfähigen Angeklagten zur Last. „Sie haben das Ansehen der Schulen, der Lehrer und des Beamtenstatus geschädigt.“ Eine Wiederholungsgefahr schloss das Gericht aus.

Strafmildernd schlug das umfassende Geständnis der alleinerziehenden Mutter eines Neunjährigen zu Buche, die nach dem tiefen, von der Öffentlichkeit bundesweit beobachteten Fall von der Studienrätin zur Sozialhilfeempfängerin und der Zwangsversteigerung ihres Eigenheims die Zukunft jetzt „eher im medizinischen Bereich“ sieht. Ein Bewährungshelfer soll ihr dabei zur Seite stehen, den Schaden „nach besten Kräften wieder gutzumachen“.

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Immer wenn ihre Tätigkeit aufzufliegen drohte, wechselte sie die Schule oder das Bundesland.

Vor mehr als 20 Jahren fing es an, das Leben als Hochstaplerin. Mit der Manipulation eines Lehrerdiploms für eine Anstellung in Wolgast (Mecklenburg-Vorpommern).

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