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Der Kampf um ein anderes Leben

Psychische Erkrankungen Der Kampf um ein anderes Leben

Wer an der Seele erkrankt, erlebt oft Ausgrenzung und sozialen Abstieg. Allzu oft verschärft ein Strudel aus eigener Abschottung, Verlust der Arbeit, Rückzug, Ablehnung die Erkrankung weiter. Christian Sach und Thomas Bartels haben mit professioneller Hilfe diese Abwärtsspirale durchbrochen.

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Thomas Bartels (li) und Christian Sach bringt es Freude, im sozialen Bereich mitwirken zu können: „Wir wollen noch was und das ist ein gutes Gefühl.“

Quelle: Sonja Paar

Kiel. Sie haben sich ein anderes Leben erkämpft, indem sie eine ungewöhnliche Herausforderung angenommen haben.

 Christian Sach hat lange Zeit als selbstständiger Physiotherapeut gearbeitet. Mit Freude, wie der 55-Jährige sagt. „Denn der Beruf hat fünf Grundbedürfnisse abgedeckt: die nach Freude, Anerkennung, Kontakten, Tagesstruktur und Geld.“ Diesen fünf Leckerlis sei er unentwegt hinterhergehechelt, zehn, zwölf Stunden am Tag. „Aber ich habe die große Angst dahinter nicht gesehen, und die hieß: Wenn ich im Beruf versage, werde ich in meiner Persönlichkeit vernichtet.“

 Deshalb hält er die Arbeitsnormalität aufrecht – um jeden Preis. Nimmt in Kauf, dass sein Privatleben vor die Hunde geht und die Beziehung in die Brüche. Er vernachlässigt Freundschaften, pflegt zuerst die Wohnung, dann auch seinen Körper nicht mehr. Und um all das Elend nicht mehr sehen zu müssen, fängt er an zu trinken – zuerst am Wochenende, dann auch werktags. Die Folgen für seine Arbeit bleiben nicht aus. „Die Psyche bröckelt zuerst und reißt deinen Verstand und all dein Körperkraft und Energie mit in den Abgrund. Das Leben rann mir durch die Finger, ich konnte es nicht mehr halten. Ich bin vom Karussell der Normalität runtergeflogen.“

 Es folgen Monate in Klinik und Tagesklinik. „Dort wurde meine Depression behandelt, aber nicht mein krankhaftes Verhältnis zur Angst angepackt.“ Doch es reicht, um erst einmal weiter zu funktionieren. Aber alle zwei, drei Jahre muss er wieder in die Klinik, geht zurück in den Beruf, dann wieder in die Klinik. Bis 2007 der komplette Zusammenbruch folgt und klar ist: Er ist nicht mehr belastbar und kann die Belastbarkeit auch nicht mithilfe von Willen und Verstand wiederherstellen. Mit 45 Jahren hat er damit keine Chance mehr auf dem ersten Arbeitsmarkt. „Das war ein Doppelschlag. Denn die Erwerbsarbeit hat so einen hohen Stellenwert, dass sie darüber entscheidet, ob du zur Gesellschaft gehörst oder nicht. Und ich war nun draußen.“ 2010 wird Christian Sach berentet – keine Arbeit mehr und kaum Geld.

"Kieler Fenster" bietet Halt

 Im „Kieler Fenster“ findet er Halt, Kontakte, professionelle Hilfe. Und in dem ambulanten Zentrum, das allen Menschen mit psychischen Problemen offensteht, trifft er Thomas Bartels. Der 50-Jährige sagt von sich: „Ich war schon immer sehr auffällig. In unserer Familie ist ADHS verbreitet. Außerdem hatte ich immer Krämpfe. Erst seit ein paar Jahren kenne ich die Ursache: Zöliakie. Weil ich nicht der Spinner mit den Magenproblemen sein wollte, habe ich die Schmerzen mit ständiger Bewegung versteckt. Das hat die Schule zur Hölle gemacht.“

 Nach mehreren Schulwechseln geht er mit 15 in die Gastronomie, wechselt zigmal den Arbeitsplatz, immer auf der Suche nach dem Gefühl, „Teil von etwas zu sein“. Er rutscht ins kriminelle Milieu ab, sucht Hilfe, bricht immer wieder Therapien ab. 2003 weist ihn seine Hausärztin in die Psychiatrie in Heiligenhafen ein. Es folgen Tagesklinik, ambulante Betreuung, zwei Umschulungen, die er wegen schwerer Depressionen abbrechen muss. „Ich hatte jeden Glauben an mich verloren.“

 Beim „Kieler Fenster“ findet er Hilfe und engagiert sich wie Christian Sach in einer Arbeitsgruppe, die die Öffentlichkeit über die Bedürfnisse psychisch Erkrankter aufklären. Eine schwierige Aufgabe, gerade für Bartels, der sich lieber mit Zeichnen als Sprechen ausdrückt. Aber er wächst hinein, lernt zu reden, freundet sich mit Christian Sach an und bildet bald mit ihm ein Team. Als die Stadt Kiel eine Arbeitsgruppe einsetzt, die einen Handlungsplan zur Situation von Menschen mit psychischer Erkrankung oder Behinderung erarbeiten soll, können auch Sach und Bartels Mitglied werden – neben Sozialdezernent, Ärzten und anderen Fachleuten. „Das scheint ein kleiner Schritt zu sein, ist aber nach unserer Kenntnis einmalig und ein gewaltiger Fortschritt für Menschen mit psychischen Erkrankungen“, sagt Sonja Steinbach vom Paritätischen Wohlfahrtsverband, die die Aktiven unterstützt. Inzwischen haben sich Sach und Bartels auch beim Psychiatrieplan des Landes eingebracht.

 „Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich mich einmal so für uns Psychos einsetzen würde. Das hat mir geholfen, mich zu finden“, sagt Bartels. Der ehrenamtliche Einsatz als Sprachrohr gibt den beiden Schleswig-Holsteinern Freude, Anerkennung und offensichtlich auch Selbstbewusstsein: „Auch mit einer seelischen Erkrankung sind wir ein Teil der Gesellschaft. Und wir lassen uns nicht mehr abweisen.“

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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