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Frauen, die etwas Neues wagen

Radfahren für Flüchtlinge Frauen, die etwas Neues wagen

In ihrer Heimat durften die meisten nicht Fahrradfahren. Oder sie konnten es sich nicht leisten. Nach ihrer Flucht dürfen die zwölf Mädchen und Frauen nun einen Fahrradkurs machen. Das ist viel schwieriger als erwartet. Doch die Mühe lohnt. 

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Mit jedem Meter wird es besser: Neun Tage lang haben sie jeden Tag zwei Stunden Unterricht bekommen. Jetzt klappt es bei diesen Mädchen aus Somalia schon ziemlich gut.

Quelle: fpr: Frank Peter

Schönkirchen/Kiel. Gut ein Dutzend Frauen und Mädchen haben sich an diesem Vormittag auf dem Schulhof in Schönkirchen eingefunden. Wie die 17-jährige Barwaqo aus Somalia oder die 30-jährige Dagman aus Tschetschenien oder die 42-jährige Amina aus Syrien. Sie haben nie Radfahren gelernt. Und dass man es als Frau anfängt, sei nicht üblich. Voski, eine 48-jährige Armenierin, erzählt, dass Frauen in Aserbaidschan zwar durchaus Radfahren, aber lernen könne das nur der, der sich ein Rad leisten kann. Dass sie jetzt die Chance bekommt, weil die Flüchtlingshilfe Schönkirchen mit Spendengeldern den Kurs finanziert und organisiert, will sei unbedingt nutzen. Und Amina hofft, nach dem Kursus irgendwann mit ihren fünf Töchtern zusammen zum Strand radeln zu können.

 „Es ist schwer, für den Kopf und den Körper, ich bin nicht mehr 25“, erklärt Voski. Aber immerhin traut sie sich schon auf das Fahrrad. In der ersten Phase mussten alle Teilnehmerinnen erst einmal lernen, Roller zu fahren, was nicht gerade Begeisterung auslöste. Doch Rollern ist wichtig, hat ihnen Kirsten Kock klargemacht: „Radfahren ist eine hochkomplexe Angelegenheit. Nur weil wir es in Deutschland früh lernen und dadurch eigentlich alle können, ist es keineswegs einfach zu lernen.“

 Die zertifizierte Radfahrlehrerin unterrichtet nach einem Konzept des Hamburger Sportwissenschaftlers Christian Burmeister, das auch der ADFC einsetzt. „Dabei wird auf spielerische und philosophische Weise versucht, die Teilnehmer wieder in die Kindheit zurückzuversetzen. Das Radfahren muss aber jeder selbst lernen. Ich kann nur die richtige Aufgabe zur richtigen Zeit stellen und das bedeutet am Anfang, auf einem Roller erst einmal das Lenken, das Gefühl fürs Rollen, das Kurvenfahren zu lernen“, erklärt die 51-Jährige von der Radfahrschule Kiel. Auf dem Roller beherrschen die Frauen das inzwischen. Aber auf dem Rad ist das Ganze oft noch eine wackliger Balanceakt. Sie halten sich zwar irgendwie auf dem Sattel, aber das Bremsen und vor allem das Aussteigen klappt nur teilweise. Nach den zwei Stunden sind die Frauen sichtlich erschöpft. Aber sie sind auch ein bisschen stolz, weil sie den Fortschritt spüren.

 Das Gefühl, sich etwas zuzutrauen, in einer fremden Umgebung allein als Frau etwas Neues zu wagen, das ist neben der größeren Mobilität ein wesentliches Ziel, sagt Monika Petermann, die sich ehrenamtlich bei der Flüchtlingshilfe Schönkirchen engagiert und den Kurs organisiert hat.

 Nach einer kurzen Pause ist der nächste Kursus an der Reihe. Es sind Mädchen aus Somalia und ihnen fällt das Radfahrlernen schon deutlich leichter. Sie sind körperlich beweglicher, aber auch unbeschwerter als die Älteren. Sie müssen durch einen Parcours fahren. An einer bestimmten Stelle ruft Kirsten Kock ihnen eine Zahl zu. Dann müssen sie schnell das richtige Tor mit der Zahl finden und dort hindurchsteuern. Das erfordert Konzentration, macht den Mädchen aber sichtlich Spaß. Auch Abdi Fatah Hussein, der bei Bedarf dolmetscht, lacht immer wieder. Der 20-Jährige ist seit dreieinhalb Jahren in Deutschland, hat diverse Praktika gemacht, findet aber keinen Ausbildungsplatz.

 Dieser Kursus gehört zum Projekt „An Deck“ vom Vormundschaftsverein lifeline. „In dem Projekt motivieren wir junge Flüchtlinge, sich selbst ein Ziel zu setzen. Diese Mädchen wollten Radfahren lernen und dank der Finanzierung durch das Kieler Spendenparlament konnten wir das erstmals organisieren“, erklärt Gerd Mueller von der Haegen von lifeline. Die Mädchen sollen durch ein Erfolgserlebnis mehr Selbstvertrauen gewinnen, einen größeren Aktionsradius erhalten und vor allem psychisch gestärkt werden. Denn sie alle schleppen schwerste Erfahrungen mit sich herum. Gemeinsamer Sport, davon ist Mueller von der Haegen überzeugt, kann dabei helfen, dunkle Gedanken zu ertragen.

 Die 17-jährige Barwaqo allerdings treibt eine ganz andere Sorge auf dem Sattel um: dass sie das Radfahren nach dem Kurs wieder verlernen könnte.

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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