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Als der Norden lutherisch wurde

Reformationsjubiläum Als der Norden lutherisch wurde

Am 31. Oktober 2017 jährt sich das Datum, an dem Martin Luther seine 95 Thesen veröffentlicht hat, zum 500. Mal. Doch die heiße Phase des Reformationsjubiläums, das die evangelischen Kirchen seit 2008 mit einer ganzen Luther-Dekade würdigen, beginnt schon an diesem Sonntag.

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Am 31. Oktober 2017 jährt sich das Datum, an dem Martin Luther seine 95 Thesen veröffentlicht hat, zum 500. Mal.

Quelle: Jan Woitas

Kiel. Landesweit sind in den kommenden Monaten viele besondere Gottesdienste, Ausstellungen und andere Veranstaltungen geplant, die den Verlauf und die weitreichenden Folgen der Ereignisse von vor fünf Jahrhunderten aufgreifen. Gradlinig ist die Reformation in den Herzogtümern Schleswig und Holstein keineswegs verlaufen – aber im Wesentlichen friedlich.

Dem "Schwärmer" das Predigen verbieten

„Martin Luther selbst war nie in Norddeutschland“, sagt der Beauftragte der Nordkirche für das Reformationsjubiläum, Daniel Mourkojannis. „Aber er war mit einem seiner engsten Freunde vertreten: Johannes Bugenhagen.“ Jener war des Niederdeutschen mächtig und entwarf 1542 auch die neue lutherische Kirchenordnung für die beiden Herzogtümer („Christlyke Kercken Ordeninge, de yn den Fürstendömen Schleszwig, Holsten etc. schal geholden werdenn“). Ein Landtag in Rendsburg nahm den Text am 9. März desselben Jahres „einträglich“ an und besiegelte damit die Reformation.

Fuß gefasst hatte die neue Lehre zuvor in den Städten. Die Hanse hatte ein weltoffenes Bürgertum hervorgebracht, das dem Protestantismus zugeneigt war. Folglich sorgten die lutherischen Ideen recht bald für Aufsehen in der Region: Marquard Schuldorp, Spross einer Kieler Kaufmannsfamilie, wurde 1526 zum Prädikanten in seiner Heimatstadt berufen. Er hatte zuvor bei Martin Luther in Wittenberg studiert. Im Folgejahr trat mit dem Laienprediger und „Schwärmer“ Melchior Hoffman sogar ein Vertreter eines noch radikaleren Flügels der Reformation auf den Plan, der etwa in der Abendmahlsfrage eine eher calvinistische Position vertrat (Brot und Wein sind bloß Symbole). Schuldorp und Hoffman sollen sich auf der Kanzel geprügelt haben. Schließlich wurde der große Reformator um Rat gefragt, und Luther riet in einem Brief vom 14. März 1528, dem „Schwärmer“ das Predigen zu verbieten. 1529 wurden Hoffman und seine Anhänger des Landes verwiesen.

Kirchenordnung nach dänischem Vorbild

Friedlicher ging es in Husum zu, der ersten Stadt in unseren Breiten, die eine protestantische Kirchenordnung bekam. Nachdem die reformatorischen Ideen zunächst unter freiem Himmel und im Hause des Bürgers Matthias Knutzen verbreitet wurde, wurde die Geistlichkeit bereits 1527 gezwungen, ihre Kirchen für Messen nach lutherischer Lehre zu öffnen. Bereits ein Jahr zuvor, 1526, wurde im dänischen Haderslev (Hadersleben) eine neue Ordnung „von oben“ eingeführt – auf ausdrücklichen Willen von Prinz Christian, dem späteren König Christian III. Er bestieg den Thron 1534 und forcierte dann die Reformation massiv. Dänemarks Kirche schloss sich 1536 offiziell der lutherischen Theologie an, 1539 gab es für das ganze Königreich eine neue „Ordinatio“, an der auch Johannes Bugenhagen mitgearbeitet hatte. Da der dänische Monarch zugleich der Landesherr der Herzogtümer Schleswig und Holstein war, gewann die Reformation hierzulande an Schwung. Als dann der Schleswiger Bischof Gottschalk von Ahlefeldt, der sich Zeit seines Lebens strikt gegen Reformen verwehrt hatte, 1541 starb, stand Christian III. der Weg offen, die Reformation auch in den beiden deutschen Herzogtümern zu vollenden: Die schleswig-holsteinische Kirchenordnung von 1542 fußte dezidiert auf dem dänischen Vorbild.

Die neuen Kirchenverfassungen waren Ausdruck dessen, dass die Reformation obsiegt hatte, wenn es auch noch Jahrzehnte gedauert haben dürfte, bis sie in den Köpfen und Herzen aller Gläubigen ankam. Mit den neuen Ordnungen veränderte sich dennoch vieles: Fortan stand die Predigt im Mittelpunkt des Gottesdienstes. „In der Folge lernte jedes Kind im Land Lesen und Schreiben“, sagt Daniel Mourkojannis. „Welcher 13-, 14-Jährige ist Luther dafür heute dankbar?“ Außerdem wuchs der Musik im Protestantismus rasch eine wichtige Aufgabe zu – davon zeugen auch die Namen Dieterich Buxtehude, Georg Philipp Telemann und Matthias Claudius, die eng mit Norddeutschland verbunden sind. Und mehr noch: „Komponisten, die in Gottorf tätig waren, haben eine wichtige Vorarbeit für Johann Sebastian Bach geleistet“, sagt der Oberkirchenrat und Pastor. Der Leipziger Thomas-Kantor konnte in seinen weltberühmten Kompositionen eben auf bestimmte Notenfolgen aufbauen, die erstmals in Schleswig zu Papier gebracht wurden. „Vorher war der Norden im Reich eigentlich kaum präsent. Mit der Reformation nahmen Schleswig und Holstein Impulse aus dem Süden auf – gaben diesem aber auch viel zurück.“

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