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„Alle Taubenzüchter sind Tierschützer“

Reisevereinigungen „Alle Taubenzüchter sind Tierschützer“

Die Taubenzüchter aus Schleswig-Holstein sind sich einig: Die Botentaube ist ein Kulturgut - und das will der Verband  auch erhalten. Der Tierrechtsverein Peta hingegen wirft den Züchtern vor, den Tod von zigtausenden Tauben auf ihren Flügen billigend in Kauf zu nehmen. Eine Auseinandersetzung.

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Taubenzüchter Jörn Arp mit seiner (namenlosen) Lieblingstaube

Quelle: Susanne Blechschmidt

Kiel/Bordesholm. Als Bote geschätzt seit der Antike, überbrachte die Brieftaube bis in die Neuzeit Nachrichten. Doch in Zeiten digitaler News braucht die Welt keine Brieftauben mehr. Einzig die Züchter lieben ihre Täubchen, die sie heute nur noch zu Sportzwecken züchten. Der Tierrechtsverein Peta protestiert gegen die Wettflüge wegen der hohen Verluste von Tieren. Die Züchter wiederum beklagen Jagdverluste durch Habicht, Sperber und Falke – geschützte Greifvögelarten, deren Populationen zunähmen.

Jörn Arp (52) hat an der Peripherie seiner Zimmerei in Bordesholm seinen Taubenschlag. In dem luftigen Holzbau mit den kleinen „Apartments“, Sitzdächern und -tischen hebt kehliges Gurren an, wenn er kommt. Rund 100 Tiere umfasst sein Bestand – „zu meinem oft stressigen Beruf der ideale Ausgleich“, sagt Arp. Er versorgt die Vögel zusammen mit Vater Jürgen (75). Mit geübtem Griff umfasst Jörn Arp sein Lieblingstier – eine schöne Taube in Milchkaffee-Farben. Brav liegt sie in der Hand, die unter seidigen Federn das flatternde Herz fühlt.

 „Dieser intensive Kontakt ist wichtig“, bestätigt Prof. Eberhard Haase (76), der vor seiner Emeritierung am Institut für Haustierkunde der Kieler Uni über Tauben forschte. Besonders interessant sei der Orientierungssinn. So werde bei den täglichen Ausflügen das nahe Umfeld studiert, bei größeren Entfernungen kämen Erdmagnetfeldlinien ins Spiel. „Man hat herausgefunden, dass die Taube wohl über den Farbstoff Cryptochrom im Auge das Magnetfeld sehen kann.“ Zudem seien die Hirnareale für Erinnerung und Geruch vergrößert und versetzten die Taube in die Lage, den per Wind zugetragenen Heimatgeruch zu erkennen. Ausgeprägt sei auch eine innere Uhr. „Tauben wissen immer, wie spät es ist“, sagt Haase.

 Mit den anderen Züchtern von der Reisevereinigung (RV) Kiel von 1912 im Regionalverband Schleswig-Holstein und Hamburg ist man sich einig: „Die Botentaube ist ein Kulturgut. Das will der Verband erhalten“, sagt der Vorsitzende vom RV Kiel Gerd Markus. Die Taubenfreunde berufen sich auf die uralte Domestikation der Haustaube. „Ohne Selektion bei der Zucht kann das Heimfindevermögen verloren gehen oder die Schnelligkeit“, so Haase.

 Die Organisation Peta wirft den Züchtern indes vor, alljährlich den Tod von zigtausenden Tauben auf ihren „anstrengenden Flügen“ zurück zum Heimatschlag billigend in Kauf zu nehmen. Viele der Vögel würden an Dehydration, Hunger, Erschöpfung oder Verletzungen sterben. Arp widerspricht: „Brieftauben wurden gezüchtet, um Stecken bis zu 1000 Kilometer zu schaffen.“ Auch beim Bundesverband heißt es: „Nichts ist für einen Brieftaubenzüchter schmerzlicher als eine Taube, die nicht zurückkommt“. Aber es gebe „große Probleme mit Greifvögeln“.

 Tierarzt Dr. Matthias Warzecha aus dem Kreis Segeberg kennt diese Fälle. „Habichte sind auf Taubenfang im Flug spezialisiert“, sagt der Arzt. Die Vorwürfe von Peta hält er für überzogen. „Es fehlt an Aufklärung, und die Fronten zwischen Züchtern und Tierschützern sind verhärtet“, bedauert er. Sein Rat: Taubenzüchter sollten selbst Tierschützer sein.

 Für Markus ist das längst der Fall: „Alle Züchter sind Tierschützer“, ist er überzeugt. Die längste Strecke sei 650 Kilometer lang. „Und die wird erst im letzten von zwölf Flügen pro Saison erreicht.“ Für eine mittlere 340-Kilometer-Strecke seien Tauben dreieinhalb bis vier Stunden unterwegs. „Kein Problem für ihre Kondition. Davon erholen sie sich in einer Stunde.“ Zudem werde nur bei gutem Wetter gestartet. „Bei Inversionen oder großer Wärme verkürzen wir oder blasen den Flug ganz ab“, versichert Markus. Bei Zuwiderhandlung drohe Entzug der Flugleiterlizenz.

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