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Bandido-Boss entging der Anklage

Rocker-Affäre Bandido-Boss entging der Anklage

Die Rocker-Affäre im Landeskriminalamt Kiel wirft immer neue Fragen auf: Nach Recherchen der Kieler Nachrichten wurden die Ermittlungen gegen den damaligen Präsidenten der Bandidos Neumünster eingestellt, obwohl Mobilfunk-Daten ihn genauso belasteten wie die später angeklagten Rocker.

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Der Präsident der Bandidos Neumünster (li.) 2012 im Oberverwaltungsgericht Schleswig bei einer Verhandlung zum Vereinsverbot an der Seite seines Anwalts Wolfgang Wiedemann.

Quelle: Michael Staudt

Kiel. Im 2011 gefällten Urteil des Landgerichts Kiel gegen vier Bandidos heißt es, der Rocker-Boss sei erst nach der Polizei am Tatort der blutigen Messerstecherei im "Subway" in Neumünster eingetroffen – die Auswertung seiner Handydaten durch einen später geschassten Ermittler hatte jedoch das genaue Gegenteil ergeben. 

Diese Information ist politisch brisant: Denn der Präsident war nach Aussagen mehrerer zuverlässiger Quellen mit hoher Wahrscheinlichkeit jener Spitzel, der die Soko Rocker im LKA in der Hochphase des sogenannten Rocker-Kriegs zwischen Bandidos und Hells Angels mit Informationen versorgte. Im April 2010 hatte Innenminister Klaus Schlie (CDU) die Bandidos Neumünster dann verboten.

Blutspur und Handy-Daten belasteten Neonazi Peter B.

Dass auch der Präsident während der Ermittlungen nach der Bluttat, bei der im Januar 2010 zwei Red Devils schwer verletzt worden waren, zunächst als Beschuldigter galt, war bereits bekannt. Vor Prozessauftakt hatte die Staatsanwaltschaft Kiel aber die Ermittlungen eingestellt. Stattdessen standen drei später freigesprochene Rocker und Neonazi Peter B., damals Bandido-Vizepräsident, vor Gericht. Er wurde zu drei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Neben seinen Handy-Daten sprachen eine Blutspur an seiner Hose, die Zeugenaussage einer „Subway“-Mitarbeiterin und sein Vorstrafenregister gegen Peter B. Die Funkzellenabfrage seines Mobiltelefons ergab laut Urteil „ein Bewegungsmuster, das sich zur Tatzeit auf den Tatort hinbewegt“.

Auch der Präsident war laut Bericht am Tatort

Den Mitangeklagten war lediglich nachzuweisen, dass sich ihre Handys in Tatortnähe befunden hatten. Dies galt aber ebenso für den Präsidenten, wie sich aus dem „Auswertebericht“ in der Verfahrensakte ergibt, den einer der beiden für den Fall zuständigen Ermittler am 8. Juni 2010 verfasste und der unserer Redaktion vorliegt. Darin heißt es, mit minutengenauen Angaben belegt, sinngemäß: In seiner Funktion als Präsident habe er fünf seiner Klubmitglieder, darunter zwei der späteren Angeklagten, per Handy alarmiert, als die Hells-Angels-Unterstützer in ihrem Revier auftauchten. Weiter zeige die Funkzellenanalyse, dass sich der Präsident mit einem Fahrzeug und weiteren Mittätern zunächst um den Tatort herum bewegt und sich kurz vor der Tat direkt zum Lokal begeben habe. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit könne davon ausgegangen werden, dass sich das Präsidenten-Handy auch unmittelbar nach der Tat am „Subway“ befunden habe, schreibt Kriminaloberkommissar Y. Nur über die Minuten der eigentlichen Tat sei keine Aussage zu treffen – von 19.40 bis 19.48 Uhr lägen keine Mobilfunkdaten vor. Was erklärlich ist: Während der Tat sei naturgemäß nicht telefoniert worden. Es sei folglich anzunehmen, dass sich das Mobiltelefon „zur Tatzeit am Tatort“ befunden habe.

Nach den Messerstichen fuhr man ins Klubheim

Nach der Tat fuhr man gemeinsam zum Wohnhaus des Präsidenten in Neumünster, das zugleich als Klubheim diente. Ermittler Y schreibt dem Bandidos-Boss in dem Bericht eine Schlüsselfunktion bei der Tat zu. Warum die Ermittlungen dennoch eingestellt wurden, wollte die Staatsanwaltschaft Kiel auf Anfrage nicht beantworten. Dort hieß es nun erstmals, wegen der laufenden Überprüfung der fraglichen Vorgänge durch Lübecker Staatsanwälte erteile man keine Auskünfte mehr. In Lübeck wird geprüft, ob sich der damalige LKA-Vize Ralf Höhs, heute Landespolizeidirektor, und der Soko-Chef Mathias E. mit ihrem Verhalten strafbar gemacht haben könnten. Auch mehrere am Prozess beteiligte Anwälte konnten am Freitag den Widerspruch zwischen Urteil und Akte nicht erklären.

Wie berichtet, hatten die beiden in der Soko Rocker für den Fall zuständigen Ermittler X und Y vergeblich darauf gedrängt, zwei entlastende Aussagen eines hochrangigen Informanten aus der Rockerszene zu den Bandidos Peter B. und Nils H. vollständig in der Akte zu dokumentieren. Proteste blieben erfolglos, vielmehr wurden X und Y von Vorgesetzten massiv bedrängt, schließlich als Sachbearbeiter abgelöst und in andere Abteilungen versetzt.

Quelle in der Bandido-Spitze sollte weiter angezapft werden

Das NDR-Fernsehen zitiert aus einem internen Polizeidokument, in dem es heißt, der Informant habe wie die übrigen Bandidos im „Subway“ durch den Einsatz von „Messern, Reizgas und Schlagstöcken den Tod der Geschädigten offenbar in Kauf genommen“. Eine Quelle in der Spitze der Bandidos – das habe im Prozess nicht auftauchen dürfen, hieß es in dem Bericht des „Schleswig-Holstein-Magazins“ weiter, der Informant sei zu wichtig für die weitere Bekämpfung der organisierten Kriminalität gewesen.

Dies halten auch mehrere hochrangige Mitarbeiter der Landespolizei für die plausibelste Erklärung, warum die Spitzel-Aussagen damals unter den Tisch fallen sollten – und auch, warum der Bandido-Präsident nicht angeklagt worden sei: So habe man die wertvolle Quelle weiterhin anzapfen können.

Die Ermittler sahen dringenden Tatverdacht

Nach Informationen unserer Zeitung hat die Soko Rocker mit Schreiben vom 9. April 2010 den Erlass von Haftbefehlen gegen Peter B., die Bandidos D., H. und K. sowie den Präsidenten bei der Staatsanwaltschaft angeregt. Der dringende Tatverdacht gegen den Rocker-Boss ergab sich demnach insbesondere durch die Auswertung der Mobilfunkdaten. Ein solcher Überfall wäre ohne Zustimmung des Präsidenten in der hierarchisch organisierten Bande nicht möglich gewesen, schrieben die beiden Ermittler X und Y. Oberstaatsanwalt Alexander Ostrowski folgte dem Vorschlag bei drei der fünf Personen – D. und der Präsident blieben auf freiem Fuß.

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Ein Artikel von
Bastian Modrow
Lokalredaktion Kiel/SH

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