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Ein Funksignal wirft viele Fragen auf

Rocker-Affäre Ein Funksignal wirft viele Fragen auf

Journalisten der Kieler Nachrichten sind möglicherweise überwacht worden. Als Reaktion auf die ersten Artikel darüber erreichten die Redaktion viele Fragen. Das sind die Antworten.

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Müssen sich seit Wochen der Kritik stellen: Ralf Höhs, Leiter der Landespolizei (re.) und Thorsten Kramer, Leiter des Landeskriminalamts.

Quelle: Ulf Dahl

Kiel. Warum ist überhaupt nach Funkwellen gesucht worden?

Bei den Recherchen zur Rocker-Affäre wurde die Redaktion von Polizisten, deren Informationen sich als sehr verlässlich herausgestellt hatten, mehrfach darauf hingewiesen, dass nicht nur kritische Polizeibeamte mit Überwachung rechnen müssten, sondern auch Journalisten unserer Zeitung. Als sich diese Hinweise häuften, beauftragte der Verlag eine Spezialfirma mit der Untersuchung von Büros und Fahrzeugen. Gemessen wurde mit einem Funkwellen-Detektor, die Autos wurden auf KN-Gelände geprüft.

  
Wie lautete das Ergebnis?

Am linken vorderen Radkasten des Dienstwagens von Chefredakteur Christian Longardt wurde bei mehreren Messungen wiederholt ein klares Funksignal festgestellt, und zwar bei abgestelltem Motor. Sämtliche andere Quellen, die die Messung hätten beeinträchtigen können, konnten ausgeschlossen worden.

 
Wurde sofort nach dem Sender gesucht?

Selbstverständlich. Aber es ist naiv zu glauben, diese Sender seien leicht zu finden. Das Gegenteil sei der Fall, sagen Polizisten, die mit Kriminaltechnik vertraut sind: Angesichts der zum Teil speziellen Klientel etwa im Bereich der organisierten Kriminalität geht man davon aus, dass Kriminelle selbst Wanzen suchen – denen will man es schwer machen. Bei Fahrzeugtypen wie dem betroffenen Firmenwagen werden die Sender, die maximal fingerkuppengroß sind, den Angaben zufolge in der Regel im linken Radkasten platziert. Das hat mit der Verkleidung zu tun. Eine alternative Position gibt es im hinteren Fahrzeugbereich.

  
Warum fuhr man nicht gleich in die Werkstatt?

Die Messung fand am Sonnabend (17. Juni) statt, weil dann die KN-Büros leer sind. Ein Aufbocken in der Vertragswerkstatt war am Wochenende nicht mehr möglich. Am Montag fand noch auf KN-Gelände eine weitere Messung statt, da gab es schon kein Funksignal mehr. Entsprechend wurde auch in der Werkstatt, als der Wagen aufgebockt wurde, nichts mehr gefunden.

  
Welche Erklärung gibt es dafür?

Dazu kann der Verlag nur Vermutungen anstellen. Der Gutachter schließt einen Messfehler aus. Die Polizeiquellen, die die Videos der Messungen sahen, haben verschiedene Erklärungen: Möglich sei einerseits, dass ein eingebauter Peilsender über ein sogenanntes Abschaltelement deaktiviert und in der Werkstatt übersehen wurde; dagegen spricht, dass auch bei einer weiteren intensiven Suche in der Verkleidung nichts gefunden worden ist. So gehen Polizei-Insider eher davon aus, dass das Gerät demontiert wurde. Geübte Hände brauchen dafür maximal drei, vier Minuten, heißt es.

  
Warum haben die KN mit der Veröffentlichung vier Wochen gewartet?

Um Polizisten das Video zeigen zu können, mussten wir die Beamten persönlich treffen – die Informanten legen großen Wert darauf, dass sie unerkannt bleiben und nicht unter Verdacht geraten, als „Maulwürfe“ mit der Presse zusammenzuarbeiten. Deshalb hat die Kontaktaufnahme Zeit gebraucht. Außerdem haben wir angenommen, dass die Staatsanwaltschaft Lübeck, die wegen unserer Fragen zu möglichen Überwachungsmaßnahmen Vorprüfungen anstellt, mit der Redaktion Kontakt aufnimmt. Dazu ist es aber nicht gekommen. Auf Nachfrage heißt es aus Lübeck jetzt, in einigen Tagen werde man sich bei den KN melden.

  
Welche Rückschlüsse lässt die gemessene Frequenz zu?

In den vergangenen Wochen haben wir auch zivile GPS-Experten zu Rate gezogen. Sie erklärten, es sei kein „kommerzielles Frequenzband“. Unsere Polizeiquellen sagen, es handele sich um einen Frequenzbereich, auf dem Behörden arbeiten, unter anderem, wenn sie mit Peilsendern Personen orten wollen.

  
Warum sollte jemand KN-Autos verwanzen?

Dazu sagen Polizei-Quellen: Weil so herausgefunden werden könnte, wo sich Reporter mit Beamten treffen.

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Ein Artikel von
Bastian Modrow
Lokalredaktion Kiel/SH

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Foto: In der Pressekonferenz am Montag bot die Landespolizei die gesamte Führungsriege auf.

In einer kurzfristig angesetzten Pressekonferenz im Landeshaus hat der neue Innenminister Hans-Joachim Grote (CDU) die Vorwürfe der mutmaßlichen Überwachung von Journalisten der Kieler Nachrichten zurückgewiesen. Gleichzeitig kündigte Grote an, eine „externe Begutachtung“ in Auftrag zu geben.

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