18 ° / 14 ° wolkig

Navigation:
Meer herausholen

Rohstoffe in Nord- und Ostsee Meer herausholen

Der Ölpreis fällt und fällt. Und trotzdem planen dänische Unternehmen die Erweiterung ihrer Förderung von Erdöl und -gas in der Nordsee. Das sorgt im Umweltministerium für Unmut. Könnten die Pläne gar weitere Rohstoffbegehrlichkeiten in Nord- und Ostsee wecken?

Voriger Artikel
Chance für die Kirche
Nächster Artikel
Bewohner kann sich retten

So intensiv wie in der norwegischen Nordsee (hier im Bild eine Plattform des staatlichen Unternehmens Statoil) ist die Erdölförderung in der deutschen Nordsee nicht. Doch am Ende scheint die Branche noch lange nicht zu sein.

Quelle: dpa

Kiel. Die Nachricht wirkt wie aus einer anderen Zeit: Während Staaten ihre Zukunft auf regenerative Energien bauen, während Konzepte für Windräder mittlerweile dafür sorgen wollen, dass 90 Prozent der damit erzielten Gewinne in den Kommunen bleiben, während selbst der durch die kraftstrotzenden Seestürme generierte Strom sein vom Bundeswirtschaftsministerium gestecktes Ziel für 2020 fast zur Hälfte erreicht hat – währenddessen plant der dänische Konzern Mærsk seine Förderung von Kohlenwasserstoffen, also Erdöl und -gas, in der Nordsee auszuweiten.

Der von Deutschland beanspruchte Raum in den ausschließlichen Wirtschaftszonen der Nord- und Ostsee – so heißen die Bereiche vor den Küsten, in denen anliegende Staaten Zugriffsrechte haben – ist im Vergleich zu Dänemarks oder Großbritanniens Bereich klein und daher umso kostbarer für Deutschland und Schleswig-Holstein.

Robert Habeck kritisiert die Pläne deutlich

Das bewegt auch Umweltminister Robert Habeck (Grüne), dessen Ministerium in einer Stellungnahme die dänischen Pläne kritisiert: „Geringfügigkeit der Auswirkungen auf die Schweinswalpopulation der Nordsee kann aus den Unterlagen nicht abgeleitet werden“, wird der Minister scharf. Umstritten sieht Habeck die Nähe des dänischen Feldes „Gorm“ zur deutschen Natura-2000-Schutzzone Doggerbank, in der die Schweinswale beheimatet sind: „Die bei den geplanten seismischen Aktivitäten erzeugten Geräuschpegel liegen weit über den Grenzwerten, die für einen dauerhaften oder zeitweiligen Gehörverlust bei Meeressäugern gelten“.

Foto: Schweinswale sind von den dänischen Planen laut Ministeriumseinschätzung besonders bedroht.

Schweinswale sind von den dänischen Planen laut Ministeriumseinschätzung besonders bedroht.

Quelle: dpa

Seite an Seite mit dem Ministerium fechten die deutschen Umweltverbände in einer gemeinsamen Positionierung: „Die Nordsee befindet sich nicht in einem guten Umweltzustand, das bestätigen die Berichte der Anrainerstaaten (so auch Dänemarks) zu Art. 8 der Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie (MSRL)“, heißt es dort, „angesichts des insgesamt schlechten Zustands der Nordsee ist es nicht ersichtlich, wie einem solchen Projekt stattgegeben werden kann.“

Das Meer liege in der gemeinsamen Verantwortung der Anrainerstaaten Dänemark, Deutschland, Großbritannien und Niederlande, so die Umweltverbände von BUND über Greenpeace und Nabu bis WWF – eines der verantwortungsvollen Beispiele sei der Lebensraum der Schweinswale: Lärm, Emissionen und Einleitungen von Säuren seien für die Tiere nicht vertretbare Gefahren.

Immer die gleichen Begehrlichkeiten

Nichts Neues: Schon im Spätsommer 2012 gab es dort einen solchen Zwist. Die Ölförderung und ihre Konflikte mit dem Naturschutz an der Nordsee sind bekannt. Doch ähnliche Debatten spielen sich im kleineren Maß auch an der Ostseeküste ab. Ein Jahr nach dem älteren Mærsk-Vorhaben nahm 2013 eine Idee des damaligen Konzerns RWE Dea Fahrt auf, nach der die Restbestände aus dem sogenannten Altfeld „Schwedeneck-See“ noch förderbar seien.

1984 bis 2000 wurde dort bereits das schwarze Gold aus der Erde gepumpt. Dann stellte RWE Dea die Maschinen ab. Aber: Bis zu 700 000 Tonnen Erdöl seien noch immer im Meeresgrund vor der Küste des Dänischen Wohlds und Schwansens verborgen, hieß es vom Konzern. Neue Technik und ein im Jahr 2013 hoher Ölpreis (85 Euro pro Barrel) machten das Altfeld wieder attraktiv.

Wäre "Schwedeneck-See" wieder wirtschaftlich?

Heute sieht das anders aus: Das Fass Rohöl kostet unter 30 Euro, die Förderung in der Nordsee sehen Wirtschaftsexperten skeptisch und RWE hat seine Tochter Dea verkauft, die allerdings weiterhin die Konzession für die Erforschung des Feldes „Schwedeneck-See“ hält. Pressesprecher Uwe-Stephan Lagies sagt: „Anfang der 2000er war es dort technisch nicht mehr wirtschaftlich. Momentan betrachten und bewerten wir – und rechnen eine Menge.“ Ob der gesunkene Ölpreis nicht jede Neuinvestition unrentabel mache? „Die Frage muss sich jeder für sein Projekt stellen“, scheut Lagies auch eine Bewertung der Mærsk-Pläne – zumal Dea ebenfalls in der Nordsee aktiv ist. Dann ergänzt er aber: „Man kann schon davon ausgehen, dass bei vielen Feldern angesichts des Ölpreises eine Förderung heute weniger wirtschaftlich wäre. Auch Schwedeneck wäre eine Neuinvestition.“

Sollte es zur Förderung kommen, würde Dea neu ansetzen und „um die Ecke bohren“, wie Lagies betont. ,Schwedeneck-See‘ wäre so keine Offshore-Förderung, die Bohrungen führten lediglich bis unter den Meeresgrund. Ein gigantischer Bohrturm müsste dafür einige Monate an Land stehen, danach wäre die Anlage „sehr smart“ und „kein Industriemoloch“, so Lagies. Kritikern entgegnet er: „Fracking ist ja das Unwort des Jahres in der Branche. Damit planen wir definitiv keine Ölfelder zu erschließen.“ Den Widerstand kümmert das wenig. Er ist formiert und skeptisch. Bis März 2017 muss Dea entscheiden, ob es in dem Gebiet fördern will. Die Bürgerinitiative "Hände weg von Schwedeneck" lädt am Montag, 25. Januar 2016 (19.30 Uhr auf Gut Hohenhain), zur offiziellen Gründungsversammlung ein. Ihre Vertreter zeigen sich besorgt um die Zukunft der Region.

Wie geht die Diskussion weiter?

Sorgen macht sich auch Umweltminister Robert Habeck: „Wir müssen wegkommen von Öl und Gas – neue Förderungen sind klimapolitisch kontraproduktiv.“ Mit Blick auf die Nordsee könnten ihm aber weitere Diskussionen ins Haus stehen. So bestätigte das zuständige Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) Niedersachsen gegenüber KN-online: „Möglicherweise sind auf dem deutschen Festlandsockel der Nordsee und im angrenzenden Küstenmeer noch weitere Erdöl- und Erdgasvorkommen vorhanden, die bislang aber noch nicht entdeckt wurden. Sie sind Gegenstand der Exploration in den Erlaubnisgebieten zur Aufsuchung von Kohlenwasserstoffen“, teilt die Behörde mit. Jüngstes bekanntes Beispiel: Im äußersten Zipfel der ausschließlichen Wirtschaftszone, aufgrund ihrer Form „Entenschnabel“ genannt, waren Explorationsbohrungen nach Erdgas noch vor eineinhalb Jahren fündig. Seit August 2014 wird im Feld A6-A 6 produziert.

Foto: Im deutschen "Entenschnabel" stehen die rot markierten Felder für erlaubte Bohrungen. Im aktuellsten Jahresbericht von 2014 weist die deutsche Nordsee lediglich eine fündige Explorationsbohrung im Feld "A6-A 6" (links oben) auf.

Im deutschen "Entenschnabel" stehen die rot markierten Felder für erlaubte Bohrungen. Im aktuellsten Jahresbericht von 2014 weist die deutsche Nordsee lediglich eine fündige Explorationsbohrung im Feld "A6-A 6" (links oben) auf.

Quelle: LBEG

Robert Habeck kann das  gar nicht recht sein: „Um die Weltklimaziele zu erreichen, müssten nach Schätzungen 80 Prozent der Vorräte an Erdöl und Erdgas im Boden bleiben. Paris hat uns das doch deutlicher denn je vor Augen geführt“, verweist der Minister nachdrücklich auf die führende Rolle, die Schleswig-Holstein in der Energiewende einnehmen soll.

Doch erneuert sich eigentlich auch das Gebiet der Erneuerbaren? Gibt es Energie-Hoffnungsträger? Wellen- und Strömungsenergie sind zwei regenerative Erzeugungswege, an deren ergiebiger Nutzung Forscher seit geraumer Zeit auf den britischen Inseln forschen. Doch lokale Energie-Ökonomen sehen noch schwarz: "Es gibt seit den 60ern ein Gezeitenkraftwerk in der Frankreich und seit 2011 eines in Südkorea", beschreibt Professor Till Requate von der Uni Kiel. Aber: Die Ausbeute sei generell mäßig, die Kosten relativ hoch. Die Technologie eigne sich wohl nur an besonders günstigen Standorten. Gehört die deutsche Küste dazu? "Etwas mehr versprechend sind Anlagen an Land, die den Luftdruck, der von Wellen erzeugt wird, ausnutzen", so Requate, "allerdings müsste man dazu ganze Küsten zubetonieren. Das ist höchstwahrscheinlich zu teuer und von Bevölkerung wenig akzeptiert."

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Anzeige
ANZEIGE
Mehr zum Artikel
Wattenmeer
Foto: Mit einem symbolischen Ölbohrturm gegen die Bohrungen: Protest von Greenpeace-Umweltschützern im Wattenmeer.

Protestaktion mit Holz-Bohrturm im Wattenmeer: Greenpeace fordert bei einer Aktion in der Nordsee ein Verbot von Ölbohrungen im Nationalpark. Umweltminister Habeck würde ein Stein vom Herze fallen, wenn er die Bohrungen nicht genehmigen müsste.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Nachrichten: Schleswig-Holstein 2/3