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Flüchtlinge in Schleswig-Holstein Schicken Sie uns Ihre Fragen

Erst 500, dann 800, aktuell 1200, demnächst 2000 – die Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Boostedt wächst. Eine Herausforderung für die 4500-Seelen-Gemeinde am Rande des Kreises Segeberg. Doch Klagen, Skepsis oder Kritik gibt es dort so gut wie nicht zu hören. Teilen Sie uns mit, welche Fragen Sie zum Flüchtlingsthema bewegen. Wir werden versuchen, dazu aus dem Land Fakten, Stimmen und konkrete Antworten zusammenzutragen.

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Zurzeit sind es 1200 Flüchtlinge in Boostedt untergebracht, bald sollen es laut Innenministerium 2000 sein..

Quelle: Michael Kaniecki

Boostedt. „Abgesehen von der humanitären Pflicht, die wir alle haben, verfolgen die Flüchtlinge doch nur ein Ziel: Sie möchten glücklich sein, so wie wir auch“, sagt Anette Münchau. Zusammen mit ihrer Tochter Charlotte ist sie am Dienstagnachmittag beim Einkaufen, verstaut auf dem Supermarkt-Parkplatz Wasserkisten und Vorräte im Kofferraum ihres Autos. Ein junger Mann in Flip-Flops steuert auf einem alten Fahrrad vorbei, grüßt in gebrochenem Englisch „Hello“ und schmunzelt. Ein paar Meter weiter spielt auf dem Grünstreifen eine Gruppe Flüchtlingskinder. Ein Mädchen lacht, während ein anderes Seifenblasen pustet. Auf der anderen Straßenseite des Zubringers nach Großenaspe sammeln sich Flüchtlinge, warten auf den Linienbus nach Neumünster. „Ja, für uns gehören die Menschen aus der Erstaufnahme mittlerweile zum Erscheinungsbild unseres Ortes“, sagt Münchau. Dass die Anzahl der Hilfesuchenden nun noch einmal deutlich steigen wird, ist für die 53-Jährige kein Problem. Wichtig sei es, Solidarität zu zeigen. Zeichen zu setzen. Und manchmal reichen dafür schon kleine Gesten. „Neulich habe ich auf dem Weg von Neumünster nach Boostedt eine ältere Frau und ihren Sohn mitgenommen. Draußen regnete es in Strömen, da wollte ich sie nicht zu Fuß gehen lassen.“

 Auch Ute Sye hilft. Seit mehr als sechs Monaten engagiert sich die 73-Jährige in der Kleiderkammer der Unterkunft. „Was dort fehlt, ist warme Kleidung – speziell für Männer. Viele laufen noch immer in Shirts und Flip-Flops umher“, berichtet die Rentnerin. Das bekümmert sie. Dass jetzt noch einmal zusätzliche Plätze auf dem ehemaligen Bundeswehr-Areal geschaffen werden sollen, das besorgt Ute Sye aber geradezu. Aber nur aus einem Grund: „Die Mensa ist doch nur für etwa 500 Menschen ausgelegt und schon jetzt müssen viele im Regen anstehen, wenn sie etwas zu essen haben möchten.“

 Was die Anzahl der Hilfesuchenden anbelangt, da sind die Boostedter flexibel. „Ob 1500, 2000 oder 3000 Flüchtlinge, Probleme im Ort würde es nicht geben“, ist René Rödl überzeugt. Vielleicht gebe es Personen im Ort, die nicht einverstanden seien. „Aber von denen hört man zum Glück nichts“, sagt der 44-Jährige. Im Gegenteil: Die Menschen seien aufgeschlossen – auf beiden Seiten. Eine Einschätzung, die Dirck Boyens teilt: Der 87-Jährige lobt die Freundlichkeit, mit der die Flüchtlinge den Einheimischen begegneten. „Dennoch muss das Verhältnis gewahrt bleiben, meiner Meinung nach sollte die Anzahl nicht 1500 Personen übersteigen“, sagt der Rentner. Unterm Strich sei Boostedt dann doch eine recht kleine Gemeinde: „Hier verläuft sich das nicht so sehr wie beispielsweise in Neumünster“, gibt er zu bedenken.

 Ein Problem im Miteinander sei die Verständigung, sagt Svetlana Kataev. Bei der 34-Jährigen stehen häufig Asylsuchende am Tresen des Grill-Ecks. „Viele können kein Englisch oder Deutsch, aber mit dem Einsatz von Händen und Füßen, mit Zeigen und Nachfragen kriegt man es schon ganz gut hin“, berichtet Kataev. Einige Flüchtlinge, sagt ein anderer Tresengast, hätten unterdessen ein eigenes System entwickelt. „Sie haben Mappen mit Etiketten und Verpackungen angelegt und zeigen im Zweifelsfall, was sie kaufen möchten.“

 Im Alltag, hat Dieter Voll beobachtet, gebe es keine Probleme. „Allerdings gibt es Unterschiede bei den Einheimischen“, sagt der 77-Jährige. So seien es vor allem ältere Mitbürger, die sehr offen und gezielt auf die Flüchtlinge zugingen und den Kontakt suchten. „Die Jüngeren sind distanzierter“, sagt Voll. Woran dies liegt? Der Rentner hat eine Theorie. Er selbst stamme aus Westpreußen, sei über Bayern in den Norden gekommen. Möglich, dass die ältere Generation ein Stück Willkommenskultur an die überwiegend aus Syrien, Afghanistan und dem Irak stammenden Menschen zurückgeben wolle. „Viele von uns Älteren wissen nämlich noch sehr genau, was es bedeutet, als Flüchtling in eine neue fremde Umgebung zu kommen und in einer neuen Heimat mit offenen Armen empfangen zu werden.“ Von Bastian Modrow

Die Hilfskräfte geraten an ihre Grenzen

Das Land schafft mit Hochdruck weitere Erstaufnahmeplätze für Flüchtlinge. Am Dienstagvormittag drängten sich auf 8500 Plätzen insgesamt 11039 Flüchtlinge, davon 5400 allein in Neumünster – wieder ein neuer Höchststand. Die Erstaufnahme in Boostedt soll deshalb auf 2000 Plätze aufgestockt werden. „Das ist heftig, aber ich hoffe, die Bürger tragen das mit“, sagte der Boostedter Bürgermeister Hartmut König (CDU).

In Boostedt ist die Maximalkapazität der Rantzau-Kaserne bereits von 500 auf 1330 aufgestockt worden. Am Wochenende zog sich die Bundeswehr aus dem Gebäudekomplex zurück, damit dort weitere Plätze für Flüchtlinge geschaffen werden können. „In der Kaserne waren einmal 2000 Soldaten untergebracht. Das ist jetzt auch die Rahmenzahl für die Flüchtlinge“, sagt Ove Rahlf vom Innenministerium.

Fest steht bereits, dass die Polizeistation in der Erstaufnahmeeinrichtung in Boostedt auf 18 Mann aufgestockt wird. In der Regel ist eine Erstaufnahmeeinrichtung mit fünf Polizeibeamten besetzt. Am 9. Oktober sollen die Bürger von Boostedt über die Ausweitung informiert werden. Transparenz sei jetzt das Wichtigste, betonte Bürgermeister König, der die Bürger bereits in einem Brief über die anstehende Aufstockung unterrichtet hat. „Zurzeit tragen neben Neumünster vor allem kleine Gemeinden wie Albersdorf, Seeth und Boostedt die Erstaufnahmen. Unsere Gemeindevertretung ist aus humanitären Gründen auch dazu bereit“, sagte König. „Aber ich erwarte auch von großen Kommunen wie etwa Lübeck mehr Engagement. Und ich erwarte, dass alle Landtagsfraktionen am 9. Oktober auch hier sein werden“, sagte König.

Auch beim Städtetag Schleswig-Holstein heißt es, jede Erweiterung der Erstaufnahmen sei eine echte Herausforderung für die Gemeinden. „Aber wir sind in einer Situation, dass dort Erstaufnahmeeinrichtungen auch vorübergehend geschaffen werden müssen, wo die Kapazitäten vorhanden sind. Bei den vielen Flüchtlingen, die zurzeit in unser Land kommen, geht es nicht anders“, betonte Jochen von Allwörden, Geschäftsführer des Städteverbandes Schleswig-Holstein.

Immer größere Sorgen bereitet allerdings die Personalsituation in der Erstunterkünften. Die ehren- und hauptamtlichen Kräfte sind an der Grenze der Belastbarkeit. Es wird immer schwerer, für neue Plätze zusätzliche Kräfte zu finden. Von Heike Stüben

Welche Fragen bewegen Sie?

Die Unterbringung und Integration von Zehntausenden Flüchtlingen stellt Schleswig-Holstein vor eine Bewährungsprobe. Sehr viele Bürger engagieren sich, um diese Aufgabe gemeinsam zu bewältigen. Mit mehr als 10 000 Mitgliedern ist „Kiel hilft Flüchtlingen“ in kurzer Zeit zur größten Bürgerinitiative im Land geworden. Insgesamt engagieren sich nach Schätzungen Zehntausende für ein humanes, friedliches Miteinander. Dennoch bereitet die wachsende Zahl von Flüchtlingen vielen Bürgern auch Sorgen. Wo sollen all die Menschen wohnen? Wo sollen sie arbeiten? Wie soll die Integration in den Schulen und Kitas funktionieren? Teilen Sie uns mit, welche Fragen Sie bewegen! Wir werden versuchen, dazu aus dem Land Fakten, Stimmen und konkrete Antworten zusammenzutragen. Das wird nicht alle Ängste ausräumen können. Aber es kann eine Diskussion in Gang setzen, Fehlentwicklungen aufzeigen und der Politik als Gradmesser für die Stimmung im Land dienen. Wir freuen uns auf Ihre Recherche-Aufträge! Schreiben Sie uns: fluechtlinge@kieler-nachrichten.de oder direkt an Kieler Nachrichten, Lokalredaktion, Postfach 1111, 24100 Kiel

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